Sopha Selbsthilfe

Aktuell (Archiv 2017)

10.08.2017 :: Radiobeitrag "Die Stillen sind die Guten"

In einer Kultur, wo eher die Lauten sich durchsetzen, ist es gut, den Wert von leisen Menschen besser zu erkennen. Und es ist wichtig, das leise Menschen Werkzeuge an die Hand bekommen, wie sie wirksam werden.

Hier ein Radiobeitrag zum Thema:

24.07.2017 :: Forschung

Wenn ihr etwas Forschung unterstützen wollt, könnt ihr hier einen Fragebogen zum Thema "Soziale Kognitionen im Alltag" ausfüllen.

Forschungsprojekte sind wichtig, weil hieraus neue therapeutische Ansätze entstehen können, die allen Betroffenen zu Gute kommen.

12.07.2017 :: Bewusstheit schaffen heilt

Selbsthilfe funktioniert anders, als professionelle Therapie. Ein gravierender Unterschied ist, dass ein Therapeut gezielt und aktiv konfrontieren kann und so einen therapeutischen Prozess bei jemanden anstößt. Ein Therapeut kann auch fordern und aufdeckend arbeiten.

In einer Selbsthilfegruppe kann oder sollte man so nicht arbeiten. Niemand ist dafür ausgebildet, am unbehauenen Stein des anderen herumzumeißeln. Und niemand kann wirklich Verantwortung für so einen Prozess übernehmen.

Selbsthilfe muss mit anderen Methoden arbeiten. Eine wirksame Methode ist, Bewusstsein zu schaffen. Immer dann, wo man über ein bestimmtes Thema miteinander spricht, schafft man einen Bewusstseinsraum. Jeder beschäftigt sich dann mit einer Frage oder einem Thema. Diese Beschäftigung mit etwas kann dazu führen, dass ich mich den Dingen annehme, die in mir noch irgendwie konflikthaft oder unfertig sind. So ein Prozess ist auch getragen von Neugier und Interesse.

Ein Beispiel: Man kann in der ersten Befindlichkeitsrunde die Frage stellen: "Wo hast du in den letzten Tagen deine Komfortzone verlassen?"

Damit lenkt man die Bewusstheit auf all das, wo mir etwas schwer fiel, wo ich mich nicht in gewohnten und bequemen Bahnen bewegen konnte. Und genau dort kann man Wachstumsimpulse erwarten. Das weiß man ja aus Therapie und Selbsthilfe: Wachstum und persönliche Weiterentwicklung ist fast immer damit verbunden, seine Komfortzone zu verlassen und sich mit etwas zu konfrontieren, was nicht so leicht ist. Das sind übrigens auch Merkmale eines Abenteuers.

Ein weiteres Beispiel: Wir machen zum Thema: "Welche Veränderungswünsche hast du für dein Leben?" Auch hier lenkt man die Bewusstheit auf etwas, wo ich sonst vielleicht nur selten oder nie hinschaue. Und schon das bringt etwas Neues in mein Leben. Etwas Neues, was ein gewisses Potenzial hat, etwas Wertvolles anzuregen. Es ist auch eine Konfrontation mit mir selbst: Wie ist das mit mir? Bin ich klar bei dieser Frage? Oder werde ich vielleicht auch unangenehm überrascht, weil ich spüre, dass das ein eher verdrängtes Thema ist?

Auch das kann passieren, dass mich ein Thema oder eine Frage aus meiner Komfortzone herausholt. Weil jetzt etwas in den Fokus rückt, womit sich mein Geist sonst nicht beschäftigen mag. Hier wird also in Selbsthilfe ein Bewusstseinsraum geschaffen, in den ich mich sonst nicht hineinbegeben würde. Und das schafft Chancen für Weiterentwicklung.

Vielleicht ist das auch ein wichtiges Thema, ob Selbsthilfe gelingt. Es gibt immer wieder Gruppenphasen, wo Betroffene das Gefühl haben, dass es zwar irgendwie ganz nett ist, man aber eher stagniert. Es gibt zu wenig Wachstumsimpulse.

Es kann durchaus sein, dass die ganze Gruppe dazu neigt, sich keine unbequemen Fragen mehr zu stellen. Womit dann die ganze Gruppe versucht, in ihrer Komfortzone zu bleiben. Dann bekommt Selbsthilfe Stammtisch-Charakter. Sie ist nährend im Sinne guter sozialer Kontakte. Auch das ist ja bei sozialen Ängsten schonmal hilfreich. Und doch reicht das nicht aus, will man sich persönlich weiterentwickeln.

Selbsthilfe profitiert meiner Meinung stark davon, immer wieder Bewusstseinsräume zu schaffen, in die man sonst nicht hineingeht. Nicht immer müssen die angstbesetzt oder unangenehm sein, aber irgendwie anders als das, womit ich mich sonst so beschäftige.

Bewusstseinsräume laden dazu ein, sich seinen unbehauenen Stein anzuschauen. Sie wecken Interesse, das aus ihm herauszumeißeln, was werden will. Und jeder kann dafür vollständig selbst die Verantwortung übernehmen, was zu tun, oder auch nicht. Diese Selbstverantwortung erscheint mir ein wesentliches Element der Selbsthilfearbeit.

-- Fred

04.07.2017 :: Das Gefühl von Peinlichkeit

Das Gefühl von Peinlichkeit ist in vielen Situationen kein ursprüngliches Gefühl, im Sinne, dass es in uns angelegt ist. Es ist das Resultat einer Sozialisierung. Also die ganzen Botschaften, die wir durch unser Umfeld erfahren haben.

Was einem alles so peinlich ist, da gibt es von Mensch zu Mensch starke Unterschiede. Es gibt Menschen, denen ist fast nichts peinlich. Andere hingegen grübeln über viele Situationen des Alltags tagelang nach, weil sie sie für total peinlich halten.

Wie sieht ein Umfeld aus, was Peinlichkeitsgefühle in uns züchtet? In der Regel ist es ein rigides Umfeld, wo vieles nicht sein durfte. Alles Mögliche, was keinesfalls passieren darf. Und wenn es doch passiert, ist es eben peinlich oder beschämend.

Damit werden auch viele innere Konflikte gezüchtet. Dinge, die eben so nicht sein dürfen, stehen im Widerspruch zu unseren natürlichen Bedürfnissen. Und auch im Konflikt zu unserem Charakter oder der Art, wie wir vielleicht leben wollen.

Peinlichkeit ist damit nur die Spitze des Eisberges. Wenn wir uns nämlich so vieles nicht erlauben, was eigentlich für unsere gesunde Entwicklung wichtig wäre, dann hinterlässt das tiefe Deformationen in unserer Persönlichkeit und Mangelerscheinungen in unserer Entwicklung und auf der Bedürfnisebene.

Von daher kann das eine sehr spannende und befreiende Auseinandersetzung mit sich selbst sein, wenn man diese Peinlichkeit genauer analysiert und für sich nochmal ganz neu herausfindet, was man leben will und was nicht.

Weil Peinlichkeit antrainiert ist, stehen die Chancen gut, sie auch wieder für viele Situationen zu verlernen. Oder andersherum: Durch das Gefühl von Peinlichkeit bekommen bestimmte Situationen eine besondere Bedeutung. Und dieser Bedeutung lassen wir fallen, weil wir erkannt haben, dass das nicht mehr zu uns gehört.

Darum gehts ja: Das wieder mehr zu leben, was wirklich zu uns gehört. Und das, was nicht zu uns gehört, wir aber verinnerlicht haben, wieder loszulassen.

Insofern kannst du jede Situation, wo du Peinlichkeit spürst, als super Lern- und Experimentierfeld willkommen heißen. Spüre nach, warum etwas für dich peinlich ist und ob du wirklich 100% dahinter stehen kannst, dass so etwas nicht sein darf.

Bedenke auch, dass vieles Unvorteilhaftes passieren muss, damit du überhaupt enspannt der sein kannst, der du bist. Denn wer immer alles richtig machen und nie in ein Fettnäpfchen treten will, wird völlig verkrampft durchs Leben gehen und dabei erst recht in viele Fettnäpfchen treten.

Eine gute Strategie kann sein, Peinlichkeit durch Humor zu ersetzen. :-)

-- Fred

19.06.2017 :: Ueli Steck ist tot

Ich finde, es gibt Träume, die es wert sind, etwas zu wagen. Und ich finde, das Leben ist ein Traum. -- Ueli Steck

Ueli Steck war ein Extremkletterer, der am 30. April 2017 in Nepal abstürzte und starb. Er starb im Alter von 40 Jahren.

Ich hatte hier schonmal 2006 über ihn geschrieben und mich gefragt, ob es verrückt oder leichtsinnig war, was er so tat. Ich glaube, er war nie unüberlegt. Er hatte alles immer sehr gut vorbereitet und war sich der Gefahren sehr bewusst.

Und trotzdem hat er sein Leben mit einem größeren Risiko gelebt. Nicht leichtsinnig, sondern ganz bewusst ist er mehr Risiko eingegangen. Wer ohne Seil die Eiger-Nordwand hochklettert, muss ein unglaubliches Vertrauen darin haben, dass der eigene Körper in allem 100% funktioniert. Und dass man in der Lage ist, jede kritische Situation zu erkennen und sie umgehen. Dieses Selbstvertrauen finde ich bewundernswert. Ich denke, er hat sich dabei auch nicht überschätzt, er konnte sich wirklich auf sich verlassen.

Auf der anderen Seite hatte er so keine Absicherung für den Fall, dass mal etwas völlig Neues und Unplanbares passiert. Etwas, was immer kommen kann, auch wenn man noch so viele Fähigkeiten hat. Auch der eigene Körper kann ja theoretisch jederzeit mal versagen, und sei es nur die Situation, dass einem kurz schwarz vor den Augen wird.

Er ist definitiv viel größere Risiken im Leben eingegangen, als viele andere Menschen. Und er hat damit recht früh sein Leben verloren.

Ob es besser gewesen wäre, weniger riskant zu leben? Vielleicht brauchte er genau diesen Lebensinhalt, diese Gefahr. Vielleicht ist das alles genau so stimmig und richtig gewesen.

Vielleicht haben wir alle irgendeine genetische Veranlagung, mehr oder weniger riskant zu leben. Und vielleicht ist genau das auch sinnvoll für das Überleben der Menschheit. Es braucht immer mutige Menschen, die auch riskanter leben. Und es braucht vorsichtige Menschen, die Gefahren meiden. Je nach Situation, die die Menschheit bedrohen kann, ist die eine oder andere Eigenschaft sinnvoll für das Überleben. Denn auch die vorsichtigen Menschen verlieren manchmal ihr Leben, weil sie zu wenig riskiert haben. Es gibt Situationen, da überleben nur die Menschen, die viel riskieren.

Diese Sicht könnte dahin führen, dass man auch seine ängstliche Veranlagung, insofern man die hat, etwas besser annimmt. Als etwas, was auch wichtig und sinnvoll ist, wenn man mal alles in etwas größeren Zusammenhängen betrachtet. Vielleicht eine wichtige Spielart der Natur, eine Lebensaufgabe, die man genetisch übertragen bekommen hat.

Wir brauchen nicht alle "Risikoreiche Menschen" zu werden und können es wohl auch gar nicht. Und das ist vollkommen in Ordnung so, der "riskant lebende Mensch" ist keinesfalls ein Ideal. Es ist nur eine Form von Lebensorientierung, in etwa so, wie es eine introvertierte und extrovertierte Veranlagung gibt und keine von beiden besser ist.

Das wir alle immer wieder mutig im Leben sein müssen, das teilen sich vermutlich risikoreich und risikoarm lebende Menschen. Es kann sogar sein, dass ein Mensch, der genetisch eher vorsichtig veranlagt ist, oft mehr Mut braucht, um die normalen Risiken des Lebens zu bewältigen.

Mut brauchen wir alle, um das Leben zu meistern.

-- Fred

Weblinks:

12.06.2017 :: Lächeln verbindet

Was ist die wichtigste Gefühlsäußerung in jeder Kultur? Das Lächeln. Ich erinnere mich an einer Talksendung, wo der Lebenskünstler Rüdiger Nehberg eingeladen war, der die ganze Welt gesehen hat. Dabei war er auch in Kontakt mit Urvölkern jenseits der Zivilisation. Er sagte, überall war das ehrliche Lächeln die wichtigste Geste für den ersten Kontakt. Und sie wurde überall verstanden.

Mir ist aufgefallen, dass viele sozial ängstliche Menschen beim Kontaktaufbau nicht lächeln. Stattdessen schauen sie ernst. Na klar, alles total verständlich. Wer Angst hat und unter Druck steht, kann nur schwer lächeln. Es ist also erstmal eine natürliche oder authentische Reaktion.

Und doch kann Veränderung genau an diesem Punkt ansetzen: Zu lernen, im Kontakt freundlich und mit einem Lächeln auf andere zuzugehen. Es geht dabei um eine Kultivierung dieser Emotion in solchen Momenten.

Interesse, Neugier, Lust auf den anderen - darum gehts. Das kann man kultivieren. Es soll nicht darum gehen, ein aufgesetztes Lächeln zu trainieren, was nicht authentisch ist. Man muss hier also auch seine inneren Einstellungen zu so einem Kontakt mitnehmen.

Jeder Kontakt bietet ja auch immer die Möglichkeit, dass er uns bereichert und mit angenehmen Gefühlen beschenkt. Und genau darum gehts, diese Chance zu sehen und sich darauf zu freuen. Vielleicht sind wir nur zu sehr fixiert auf die Angst vor einer unangenehmen Erfahrung. Diese nimmt uns so sehr gefangen, dass wir die positive Chance nicht sehen können.

Das Lächeln bewusst zu fördern wäre also eine tiefere Öffnung für den anderen und für die Chance, dass es miteinander gut wird. Wer das probiert, macht nicht selten die Erfahrung, dass das Umfeld viel freundlicher wird. Wer lächelt, öffnet auch das positive Potenzial des Gegenüber. Es ist sozusagen eine Einladung auf einen gemeinsamen freundlichen Kontakt.

Wir kennen das ja auch aus der uralten Redensart: "Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus."

Probiere es mal aus und experimentiere mit der Möglichkeit, anderen mit einem aufrichtigen Lächeln zu begegnen.

-- Fred

02.06.2017 :: Was ist ein guter Kontakt?

Als ich gestern nach Wochen mal wieder in eine Sportgruppe ging, fiel mir eine Frau auf, die ich bisher noch nie hier gesehen hatte. Wir hatten noch nicht begonnen und sie stand alleine herum. Mein spontaner Impuls war, sie einfach mal darauf anszusprechen, ob sie neu hier ist. Doch dann kamen gleich Gedanken in meinen Kopf: "Wenn die jetzt doch schon länger hier ist und mein Gesichtsgedächtnis mal wieder so schlecht ist? Das wäre peinlich. Ich lass es lieber." Und so machte ich dann gar nichts.

Doch diese Situation beschäftigte mich weiter. Wie oft schon bin ich meinem spontanen Impuls nach Kontakt nicht gefolgt? Wie oft habe ich mich so den anderen vorenthalten? Wie oft erfüllte sich so auch mein Wunsch nach Kontakt nicht?

Was wäre denn, wenn ich mich geirrt hätte? Das hätte nicht unbedingt peinlich werden müssen. Ich erinnere mich an Situationen, wo das dann trotzdem ein locker entspannter Kontakt wurde. Ja gerade deshalb, weil ich mal falsch lag, ergab sich eine locker-lustige Situation.

In dem Moment wurde mir klar, das ich das grundlegend falsch sehe. Was ist denn ein guter Kontakt? Wenn man alles richtig macht? Sich also niemals irrt? Das ist doch völliger Unsinn und doch ticke ich so.

Ein guter Kontakt ist, wenn man gut miteinander in Kontakt kommt. Und weil irren ja menschlich ist, kann genau daraus ein super Kontakt entstehen.

Allerdings: Aus meiner alten Prägung heraus entsteht sofort ein peinliches Berührtsein oder Scham, wenn mir auffällt, dass ich mich geirrt habe. Und das sorgt dafür, dass ich in dem Moment sehr verspannt und ernst wirke.

Es ist nicht die Situation, die problematisch ist, sondern meine Reaktion, die dann zu einer "ernst-komischen-Atmosphäre" führt. Könnte ich es als lustvoll-komisch erleben, was da gerade passiert ist, würde ich anfangen zu lachen und den Irrtum klar stellen. Oder mit dem Irrtum kreativ spielen. Das könnte dann für alle lustig werden und aus dem vermeintlichen Fehler würde ein guter Kontakt entstehen.

Guter Kontakt braucht überhaupt keine Fehlerfreiheit. Im Gegenteil, Nähe entsteht doch oft dadurch, dass wir als Menschen mit all unseren Fehlern wahrgenommen werden. Und wenn man gelernt hat, gut mit seinen Fehlern zu leben, anstatt sie unter allen Umständen zu vermeiden. Denn durch Vermeidung wird man starr und steif und das ist das Gegenteil von geschmeidiger Lebendigkeit. Lebendigkeit ist anziehend für Menschen, Starrheit hingegen ist der Tod.

Insofern plädiere ich dafür, spielerisch mit all seinen Irrtümern umzugehen. Das könnte ein echter Heilsweg sein, um sich aus seinen sozialen Ängsten zu befreien. Noch dazu ist es ein sehr schöner Weg, weil wir dadurch lebendig, kreativ und lustvoll ins Leben gehen. Wir öffnen uns der Welt und finden einen Umgang mit ihr. Anstatt die Arschbacken anzuspannen und steif wie ein Stock zu werden.

-- Fred

01.06.2017 :: Gruppengründungen in Lüdenscheid und Witten

In Lüdenscheid und Witten wird versucht, Gruppen zum Thema Sozialphobie aufzubauen. Wer Interesse hat, kann sich an die Selbsthilfekontaktstelle Witten und Selbsthilfekontaktstelle Märkischer Kreis wenden. In Lüdenscheid ist ein erstes Treffen am 7.6.17.

Neugründungen sind immer eine spannende Sache. Traut euch!

Weblinks:

24.05.2017 :: Unsichere Bindungen

Die Ursache von sozialen Ängsten kann in unsicheren Bindungen liegen. Oft erfahren Menschen das schon im frühen Kindesalter. Der Kontakt zu den Eltern ist hierbei besonders wichtig. In diesem Alter hängt das eigene Glück sehr stark davon ab, wie gut und entspannt die Beziehung zu den Eltern ist.

Macht hier ein Kind die Erfahrung, dass diese Beziehung öfter nicht trägt und nicht belastbar ist, entwickelt es Ängste. Das ist nur all zu logisch: Würde die Beziehung wegbrechen, ist es vorbei mit einem guten Leben. Von dem guten Kontakt zu unseren Bezugspersonen sind wir im Kleinkindalter genauso abhängig, wie vom Essen und Trinken.

Wenn nun noch unklar ist, warum der gute Kontakt zu den Eltern abbricht oder Anzeichen dafür da sind, dass das irgendwas mit mir zu tun haben könnte, entwickelt sich eine belastende Gedankenspirale: "Was habe ich falsch gemacht?", "Bin ich schuld?", "Bin ich ein schlechter Mensch?" und dann auch "Was muss ich jetzt tun, damit Mama wieder gut zu mir ist?"

Daraus entstehen Gefühls- und Gedankenmuster, die auch im späteren Leben dazu führen, dass wir viel zu oft darüber nachdenken, wie die Umwelt über uns denkt, ob wir irgendwas falsch gemacht haben, ob wir nicht richtig sind usw. Daraus entstehen dann auch Selbstzweifel und Schuldgefühle.

Kinder werden so auch früh überlastet: Es darf nicht die Aufgabe von Kindern sein, die Probleme ihrer Eltern zu lösen. Doch oft passiert genau das. Kinder müssen nach Wegen suchen, damit ihre Eltern wieder gut zu ihnen sind. Weil sie so fürchterlich unter Liebesentzug leiden.

Überforderungserfahrungen können verheerende Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Das kann sich z.B. darin äußern, dass man vor jeder Herausforderung des Lebens Angst bekommt. So wird der ganze Leistungsbereich zu einem Problem und nicht selten vermeidet man dann die Herausforderung. Das zeigt sich dann besonders stark im beruflichen Bereich, in dem man nicht Fuß fasst oder wo man sich sehr schwer tut. Herausforderungen des Lebens sind nicht mehr mit Lust und Interesse assoziiert, sondern mit Angst vor Überforderung und negativem Stress.

Wichtig ist, dass nicht alle psychischen Deformationen im frühen Kindesalter passieren. Das ist nur eine besonders sensible Lebensphase. Natürlich können wir auch später im Leben Beziehungserfahrungen machen, die uns deformieren.

Solche tiefsitzenden Muster können oft nur mit Hilfe eines tiefenpsychologischen Therapeuten erkannt und bewusst gemacht werden. Eine Bewusstmachung kann eine große Hilfe sein, solche Muster zu verändern. Wenn man im Moment erkennt, dass gerade wieder dieses alte Gefühlsmuster auftaucht, braucht man dieser alten Prägung nicht mehr automatisch zu folgen, sondern kann in kleinen Schritten alternative Umgangsweisen erlernen. Nach meinen Erfahrungen aus der Selbsthilfearbeit sind es längerfristige Veränderungsprozesse, wo man über Jahre hinweg zu neuen Einsichten und Empfindungen gelangt. Mein Therapeut sagte öfter: "Was sich so viele Jahre in einem etabliert hat, braucht auch längere Zeit, damit es sich verändert."

Persönliche Veränderung ist nichts für Ungeduldige. ;-)

-- Fred

26.04.2017 :: Erfolge von Betroffenen...

A. sagte zum Thema Komplimente: "Ich konnte bis vor gar nicht langer Zeit überhaupt nicht mit Komplimenten umgehen. Im Vordergrund stand bei mir dann immer die Angst deshalb zu erröten und das war eine Horrorssituation für mich.

Mit meiner tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie habe ich das Thema für mich überhaupt nicht genug bearbeiten können.

Erst durch meinen totalen Zusammenbruch im letzten Jahr mit einer ganz schweren Depression hat sich mein Leben total verändert. Mein Neurologe hat mir Ergotherapie aufgeschrieben 10 Sitzungen. Davon habe ich in 8 Sitzungen das Thema Selbstliebe und Selbstakzeptanz bearbeitet. Diese 8 Sitzungen und meine ambulante Tanztherapie haben mehr bewirkt als sämtliche Psychotherapien zusammen. Es ist unglaublich. Ich wusste erst gar nicht so richtig was man bei Ergotherapie eigentlich macht aber die Therapeutin ist da voll auf meine Bedürfnisse eingegangen.

Der Schlüssel zu MEINEN ganzen Ängsten war das ich mich selbst nicht geliebt und akzeptiert habe. Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich kann das jetzt. Und das ist wiederum der Schlüssel für mich mit Komplimenten umzugehen. Auch das kann ich jetzt. Ich kann sie annehmen, ohne mich vor Scham zu verstecken. Ich kann sie geniessen, mich bedanken, muss kein Kompliment zurück geben. Es fühlt sich ganz toll für mich an.

Wenn es dann noch passiert und ich merke das ich rot werde, dann sage ich: danke, das macht mich ja ganz verlegen. Und dann finde ich es niedlich. Ich bin heilfroh das ich an diese Ergotherapeutin geraten bin und ich bin dankbar für meine Depression, denn durch sie bin ich wach geworden und habe mein Leben geändert."

18.04.2017 :: Sich kleiner machen, als man ist

Mit einem geringen Selbstwertgefühl ausgestattet, macht man sich oft kleiner, als man ist. Wenn Menschen einen also positiv beachten, wertet man das eher ab. Damit gibt man die Botschaft in die Welt: "Was ich so mache, ist nicht der Rede wert." oder "Ich möchte gar nicht positiv gesehen werden."

Natürlich haben solche Botschaften auch immer ihre Wirkung. Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man dadurch auch weniger positive Rückmeldungen erfährt. So, wie wir uns selbst sehen, so sehen uns vielleicht bald auch die anderen.

Ein Teil in uns wird darüber vielleicht sogar froh sein. Vielleicht gibt es da etwas in mir, was das eher als peinlich empfindet, positiv beachtet zu werden. Denn jede Beachtung ist ja auch wieder eine Mittelpunktsituation.

Es ist aber auch sehr wahrscheinlich, dass ein anderer Teil in uns aushungert ist. Und es sorgt dafür, dass unser geringes Selbstwertgefühl durch unser Umfeld bestätigt wird.

Bei einem geringen Selbstwertgefühl geht es ja darum, dass wir unseren wahren Wert nicht erkennen. Wir sehen nicht, wie wertvoll es ist, dass wir leben und da sind. Und wir erkennen nicht, was wir auch Positives bewirken.

Durch die Haltung, positive Beachtung abzuwehren, sorgen wir dann dafür, dass unser Selbstwert auch nicht wachsen kann. Damit erhalten wir unsere Überzeugung von uns aufrecht, in dem wir einfach alles, was dieser falschen Überzeugung widerspricht, nicht an uns heranlassen.

Folglich kann es ein heilsamer Schritt sein, sich für die positiven Rückmeldungen wirklich zu öffnen. Es an sich heranzulassen. In sich hineinzuspüren, wie sich das anfühlt, gelobt zu werden oder anerkennende Worte zu hören. Anfangs kann es sein, das viele unangenehme Gefühle im Vordergrund stehen. Dann sind wir peinlich berührt oder können es gar nicht ertragen. Doch wenn man durch diese Gefühle bewusst hindurchgeht, spürt man vielleicht irgendwann, wie wohlig gut das auch tut. Wie ausgehungert wir vielleicht sind. Und dann kann es uns wirklich berühren. Ich habe schon Menschen erlebt, die dann weinen mussten, weil sie sich das erste Mal wirklich durch eine positive Aussage zu ihrer Person berühren ließen.

In der Hakomi-Therapie gibt es ein Werkzeug, was sich auch gut in Selbsthilfegruppen einsetzen lässt. Es heißt Sonde. Eine Sonde ist ein positiv-konstruktiver Satz, den wir in einer achtsamen Haltung auf uns wirken lassen. Man schließt hierfür die Augen, entspannt sich, wird achtsam für den Moment und spürt dann nach. Einer in der Gruppe, der die Sonde anleitet, sagt dann: "Was spürst du, wenn ich dir sage....Du bist ein wertvoller Mensch." Jetzt geht es nur darum, zu erfahren, was in mir passiert: Welche Emotionen tauchen auf? Wo spüre ich die im Körper? Welche Gedanken oder Bilder tauchen auf? Wir lassen uns vielleicht 30-60s Zeit, dem nachzuspüren. Danach können wir in einen Austausch gehen, welche Erfahrungen wir bei diesem Experiment gemacht haben. Wichtig ist, dass es immer konstruktiv-positive Sonden sein sollten.

Ich hatte das Glück, eine Zeit lang durch eine Hakomi-Therapeutin begleitet zu werden und konnte hier viel über mich lernen.

Weblinks:

-- Fred

10.04.2017 :: Sich auf die Schliche kommen

Letztens hörte ich einen Beitrag im Radio, wo es um Wahrheitsfindung geht. Da fiel der Satz, dass man sich auf die Schliche kommen muss. Der sprach mich an. Denn was macht einen großen Teil von Psychotherapie und Selbstfindung aus? Man muss sich auf die Schliche kommen!

Psychische Thematiken sind ganz oft nicht offensichtlich. Man muss aufmerksam nach ihnen suchen. Aber nicht nur das. Es gibt viele psychische Muster, wo wir bestimmte Seiten unserer Selbst vor uns verstecken. Wir wollen sie nicht sehen und blenden sie aus. Sie werden für uns unsichtbar.

An dem Punkt ist es gut, einen Therapeuten zu haben, der einen begleitet. Und zwar einer, der wach für solche Versteckspiele ist. Ein Therapeut, der sich nicht von uns einlullen lässt und immer nur vom Besten ausgeht. Vielmehr einer, der mit Adleraugen auch die Erscheinungen unter der Oberfläche erblickt.

Weshalb kommt es überhaupt zu solchen Versteckspielen? Einerseits wollen wir ja irgendwie unsere Ängste und psychischen Konflikte loswerden. Andererseits ist es aber auch so, dass uns das einiges abverlangt. Und manches davon ist so furchterregend, dass wir lieber dagegen arbeiten. Viele Menschen, die Therapie gemacht haben, kennen diese innere Gespaltenheit - einerseits für das gemeinsam vereinbarte Ziel zu arbeiten, andererseits dagegen. Therapeuten sprechen auch von "inneren Widerständen".

In dieser Hinsicht ist unser Geist auch sehr geschickt. Er kann sich unglaublich gut tarnen, wenn er dagegen arbeitet. Und je intelligenter Menschen sind, um so schwieriger sind solche Tarnmanöver zu durchschauen.

Kann Selbsthilfe in diesem Bereich etwas bewirken? Einerseits passt es nicht in den Rahmen einer Selbsthilfegruppe, dass wir uns alle mit Adleraugen beobachten, um die verborgenen Tarnmanöver des anderen aufzudecken. Auch schon deshalb nicht, weil es eine haltgebende therapeutische Beziehung braucht, um solche Muster aufzudecken. Denn alles, was aufgedeckt wird, kann auch destabilisieren. Wir brauchen also jemanden, der uns auch auffängt.

Auf der anderen Seite gibt es auch Konfrontation in der Selbsthilfe. In der Regel führen Tarnmanöver zu irritierendem Verhalten. Und das löst nicht selten Ärger in anderen aus. Sich darüber auszutauschen, was Ärger oder Irritationen auslöst, ist ein wichtiges Feedback. Hier kann sich dann jeder auch selbst hinterfragen, warum er so agiert und sich so mit der eigenen Widersprüchlichkeit auseinandersetzen. Was sich in der Selbsthilfe so nicht klären lässt, kann man auch wieder mit in die Therapie nehmen.

Selbsthilfe ist damit ein Erfahrungsfeld, wo jeder auch mit seinen versteckten Programmen in Berührung kommt. Und dann ist es an jedem selbst, was er daraus macht.

-- Fred

02.04.2017 :: Schneller Termin beim Therapeuten

Therapeuten müssen ab dem 1.4.2017 kurzfristig therapeutische Beratung anbieten. Es geht hierbei um eine Kurzzeitberatung von 25 Minuten. Jeder Therapeut ist verpflichtet, 4 solcher Termine pro Woche anzubieten. Als Patient darf man maximal 6 solcher Termine in Anspruch nehmen.

Diese neue Möglichkeit löst natürlich nicht das Problem der langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Trotzdem besteht jetzt wenigstens die Möglichkeit, sich kurzfristig beraten zu lassen. Ob das so problemlos funktioniert, bleibt abzuwarten.

Was sich auch ändert: Therapeuten müssen nun mindestens 200 Minuten pro Woche telefonisch erreichbar sein. Manche Therapeuten haben sich nämlich wegen langen Wartelisten telefonisch sehr rar gemacht und z.B. nur noch einmal pro Woche für 30 Minuten einen Telefonsprechstunde angeboten. Das geht so jetzt nicht mehr.

Für eine Akutbehandlung sollen auch schnell und kurzfristig bis zu 24 Sitzungen a 25 Minuten zur Verfügung gestellt werden.

So lange sich die Anzahl der Therapeuten nicht erhöht, ist natürlich klar, was durch die neuen Anforderungen passieren wird: Die regulären Wartezeiten auf einen Therapieplatz müssen noch länger werden. Die Anzahl der Therapiestunden nimmt ja nicht zu. Werden einige Patienten kurzfristig vorgezogen, rutschen andere nach hinten.

Details findet ihr zum Beispiel hier:

23.03.2017 :: Traumatisiert durch psychische Extremzustände

Wenn man nach Traumatisierungen Ausschau hält, sucht man oft im Außen: Was ist einem Menschen zugestoßen? Welche Extremereignisse gab es, die auf einen Menschen schicksalhaft zugekommen sind?

Es gibt aber noch eine andere wichtige Quelle von Traumatisierungen und das sind innerpsychische Extremzustände, die mit dem Außen erstmal wenig zu tun haben.

Ein typisches Beispiel ist das Erleben einer Psychose. Der Bewusstseinszustand und das innere Erleben sind in einer Psychose oft stark anders, als man das von seinem Alltagsbewusstsein gewohnt ist. Und dies kann zu einem echten Horrortrip werden. Man fühlt sich z.B. existenziell bedroht. Menschen verfolgen einen scheinbar und jedes Wort, was um einen gesprochen wird, interpretiert das eigene Gehirn als Mobbing oder vernichtenden Angriff. Durch Psychosen können massive Ängste in einem entstehen. Vertrauen wird überall zerstört und das entwurzelt einen stark. Diese Haltlosigkeit und das Misstrauen der ganzen Welt gegenüber kann wiederum unerträgliche Ängste auslösen.

Mit Panikattacken ist es ähnlich. Mitunter kommen die scheinbar völlig grundlos ins Leben. Panikattacken sind extrem große Ängste, wo man das Gefühl hat, die nicht aushalten zu können. Sie überfordern massiv. Obwohl nichts im Außen ist, was einen geschockt hat, hat man dieses überwältigende Gefühlserleben.

Auch eine schwere Depression ist ein extremer Bewusstseinszustand, in dem Menschen Monate lang festhängen. Oft gingen destabilisierende Situationen voraus. Aber es gibt auch genügend Menschen, die ohne erkennbaren Grund in eine tiefe Depression fallen.

All das sind extreme Bewusstseinszustände, in die man hineingeraten kann. Und besonders dann, wenn es keine klaren Gründe dafür gab, bleiben sie auch im Nachhinein beunruhigend. Es könnte ja passieren, dass ich da jederzeit wieder hineingerate. Und das macht Angst.

Ich habe zahlreiche Menschen erlebt, die nach solchen schwierigen Erlebnissen sehr starr in ihrem Verhalten wurden. Da gibt es z.B. die Flucht in Ordnung und Struktur. Alles muss nach genau geplanten Mustern ablaufen. Diese Muster geben Halt. Die Idee dahinter ist: "Wenn ich mich genau so verhalte, wird nichts passieren." Das kann sich bis zur Zwanghaftigkeit steigern.

Das große Problem starrer Lebensweisen ist, dass die Kreativität und seelische Freiheit verloren geht. Und damit die Freude, das in Resonanz gehen mit seiner Umwelt, das Mitschwingen und die Hingabe. Und damit geht auch echtes Berührtsein verloren und damit echter Kontakt. Und schlussendlich geht bei allem die Liebe verloren. Man ist im Überlebebensmodus, erlebt vieles als Bedrohung, wovor man sich schützen muss.

Flirten und Verlieben brauchen auch Loslassen und Offenheit. Sexualität ebenso. All das ist bedroht, wenn man zu starr an Konzepten festhalten muss, die einem helfen, das Traumata zu "managen".

Kann man etwas tun, um sich aus solchen Erstarrungen herauszuentwickeln? Ich habe Menschen erlebt, die das geschafft haben, die sich befreien konnten. Dabei war immer viel Mut im Spiel. Sowohl bei ihnen selbst, als auch bei den Therapeuten. Sich schwierigen Situationen des Lebens nochmal zu stellen, ist immer eine große Herausforderung. Erfolgsgarantien gibts keine. Es geht auch nicht ohne Risiko. Aber wenn es gelingt, wird das Leben wieder sehr viel reicher.

Gute Hilfe ist bei solchen Veränderungsprozessen besonders wichtig. Die Traumatherapie hat in den letzten 30 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Es gibt Therapeuten, die sehr gut in traumatherapeutischen Methoden ausgebildet sind. Es gibt sogar Kliniken, die sich auf Traumabewältigung spezialisiert haben.

Für Selbsthilfegruppen erscheint es mir wichtig, achtsam miteinander umzugehen. Jedes Gruppenmitglied kann Traumatisierungen in sich haben. Solche Traumatas können aufbrechen, wenn wir am anderen "herumbohren" oder uns zu stark konfrontieren. Das ist auch ein Grund, warum wir uns eher auf den erfahrungsbasierten Ansatz stützen.

Bei diesem Ansatz kommt es nicht dazu, das wir aktiv an anderen "herumdoktern". Vielmehr konzentriert sich jeder einfach auf seine Erfahrungen, die er mitteilt. Was man damit macht, kann jeder selbst für sich entscheiden. So kann jeder auch gut dosieren, was er an sich heranlässt und was er von sich fernhalten muss.

Grundsätzlich erscheint es mir sinnvoll, in der Selbsthilfe sehr achtsam bedrängende Situationen wahrzunehmen und diese zu stoppen. Die gewaltfreie Kommunikation bietet hier auch Methoden, wie wir anderen Wichtiges mitteilen können, ohne zu bedrängen oder Druck aufzubauen.

-- Fred

18.01.2017 :: Ausbildung Psychotherapie nicht optimal

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist oftmals steinig. Auch Therapeuten sind oft mal überfordert mit ihrer Situation. Hier ein interessanter Artikel im Spiegel:

18.01.2017 :: Komm raus aus deiner Normtreue

Normtreue kann eine Form von Vermeidungsverhalten bei sozialen Ängsten sein. Man hat dann sehr feine Antennen dafür, was andere von mir erwarten. Und diese Erwartungshaltung versuche ich, so gut es geht, zu erfüllen.

Hohe Normtreue ist mir selbst öfters mal aufgefallen, wenn ich ärgerlich auf andere werde, die die Norm brechen. Es gibt also Vorgaben, wie man sich verhalten soll. Ich tue das und erlebe andere, die es nicht machen. Wenn die dann auch noch Erfolg damit haben oder nicht gerügt werden, ärgere ich mich. Aber diese Wut auf die anderen ist nicht selten meine zu große Regeltreue. Ich könnte es auch öfters mal entspannter angehen.

Tiefer betrachtet ist Normtreue oft aus einer Angstvermeidung heraus geboren. Man möchte nicht anecken, möchte nichts falsch machen. Denn hier hängen Kränkungen und Schmerz dran. Nicht in Ordnung zu sein, nicht das zu machen, was von einem erwartet wird: Da kennen viele Menschen sehr frühe Erfahrungen, die schmerzhaft waren. Und als Bewältigungsstrategie hat man sich angewöhnt, möglichst gut alles zu erfüllen, was von einem erwartet wird.

Und heute? Müssen wir so weiter leben? Ist das gut?

Sich anpassen zu können, ist auf jeden Fall nötig, sobald man mit anderen Menschen in irgendeiner Form verbunden ist. Ob Arbeit, Urlaub, Partnerschaft oder Freizeit - wir haben alle andere Bedürfnisse und die müssen wir unter einen Hut bringen. Menschen, die sich nicht anpassen können, die nur ihr Eigenes sehen und keine Kompromisse machen können, sind sehr schwierige Zeitgenossen.

Doch das Eigene kommt bei überangepassten Menschen oft zu kurz: Zu fragen, was ich ich möchte. Und mich auch dafür einzusetzen.

Für die eigenen Bedürfnisse macht es immer mal wieder Sinn, von Normen abzuweichen. Und auch ganz wichtig: Oft gibts vermeintliche Erwartungen, die überhaupt nicht existieren. Die sind nur in meiner Vorstellung, geboren aus früheren Erfahrungen.

Insofern ist es gut, immer mal wieder zu reflektieren, was wohl mein Umfeld gerade von mir erwartet. Und hier - insofern das geht - einen Realitätscheck vorzunehmen. Andere z.B. zu fragen, ob das wirklich erwartet wird oder wie sie es sehen.

Erwartungen werden im Alltag oft nicht explizit ausgesprochen. Sie werden indirekt und oft unterschwellig kommuniziert. Das macht es mitunter so schwer, eine klare Vorstellung davon zu bekommen, was erwartet wird.

Will man hier etwas verändern, reicht schon dieser kleine Schritt: Herauszukommen aus dem Automatismus, jede vermeintliche Erwartung zu erfüllen. Stattdessen achtsam für das Thema "Erwartungen" zu werden. Hält man diese Achtsamkeit für mehrere Wochen aufrecht, lernt man etwas über sich. Man lernt, wie man auf Erwartungen reagiert und kann anfangen darüber reflektieren.

Wenn es gut läuft, kommt eine Veränderungsprozess in Gang und man findet eine neue Orientierung für sich. Man kann mal mutig wagen, von der Norm abzuweichen und macht seine Erfahrungen damit. Man bekommt ein neues Gespür dafür, wo es gut ist, sich anzupassen und wo es gut ist, seine Bedürfnisse mehr zu leben. Diese Neuorientierung beschenkt einen mit mehr Freiheit.

-- Fred

07.01.2017 :: Kalte Wege...

Minus 7 Grad war es die Nacht. Ein ganz schön kalter Wind, der einem draußen um die Nase weht. Und gerade unterhielt ich mich mit einem Bekannten über innere Kälte.

Mein erster Bewältigungsversuch, meine sozialen Ängste in den Griff zu bekommen, war ein kalter Weg. Ich kämpfte gegen meine Angst, wollte sie weg haben oder gar vernichten. Schon die Formulierung "in den Griff bekommen" ist Inbegriff für einen kalten Weg. Formulierungen, die wir oft selbstverständlich im Alltag wählen.

Es ist naheliegend, dass wir zu kalten und lieblosen Mitteln greifen. Was stört, muss weg! Was behindert, muss elemniert werden. Das ist auch etwas, was wir in der großen Weltpolitik tun. Das vermeintlich Schlechte oder Böse muss ausgerottet werden. Damit das Gute siegt. Dieses Muster scheint irgendwie in uns angelegt zu sein. Im Innen, wie im Außen.

Doch regelmäßig scheitern wir auch damit. Und dann wird uns irgendwann klar, dass es eben so nicht geht. Die Weisheit, die sich dann einstellt, enthält dann wieder die Liebe, die vorher so gefehlt hat.

Der kalte Weg ist deshalb so naheliegend, weil es eine Fortsetzung des Leides ist, was uns widerfahren ist.

Irgendwo las ich mal: "Die meisten psychischen Erkrankungen entstehen durch einen Mangel an Liebe. Und wie werden sie geheilt? Durch Liebe."

Menschen, die aufgrund von Lieblosigkeiten deformiert wurden, neigen glaube ich dazu, sich mit der selben Methode heilen zu wollen. Dann tun sie sich noch mehr Lieblosigkeiten an. Dann werden sie besonders diszipliniert und kämpfen gegen alles Ängstliche. Dann werden sie ehrgeizig und kämpfen gegen alles Schwache oder Zögerliche. Kurzum, sie entwickeln in sich mehr und mehr Kälte, um das wegzumachen, was entstanden ist. Entstanden genau aufgrund von Kälte und Lieblosigkeit.

Und was entsteht? Noch mehr innere Konflikte und Gespaltenheit.

Ein Beispiel: Da ist ein Mensch, der große Selbstzweifel hat und immer wieder starke Versagensängste entwickelt, wenn er einen Vortrag halten muss. Er fängt an, gegen diese Unsicherheit zu kämpfen. Er reißt sich zusammen, er will durch Disziplin und innere Kraftanstrengung diese verletzte Seite in sich loswerden. Er wirkt nach außen hart und handelt schablonenhaft. Er verliert so den offenen Kontakt zu seiner Umwelt, agiert nur noch in festgelegten Mustern. Um so mehr macht ihm alles zu schaffen, was unvorbereitet auf ihn zukommt. Er hasst es, spontan reagieren zu müssen und versucht nun noch mehr, alles zu kontrollieren. Irgendwann überfordert ihn all dieser Kraftaufwand, so dass er in eine Depression rutscht.

Solche und ähnliche Lebensgeschichten hab ich häufig gehört und auch meine Lebensgeschichte hat sich ähnlich abgespielt.

Aber was hat diesem Menschen vielleicht wirklich gefehlt? Wo war der Mangel an Liebe? Es fehlte vielleicht ein Mensch, der ihm schon in früher Kindheit immer wieder Mut gemacht hat. Ein Mensch, der die zaghaften Impulse eines unsicheren Menschen unterstützt hat. Der ihm gut zugeredet hat und so die Unsicherheit kleiner werden lies. Und so wuchs dann mit der Zeit immer mehr Vertrauen in das Leben und Selbstsicherheit. Aus einem verunsicherten Kind wäre so ein selbstsicherer Erwachsener geworden.

Genau das ist der liebevolle Weg, den ich für so wichtig halte. Vertrauen zum Beispiel kann man nie mit der Holzhammermethode aufbauen oder verordnen. Es braucht viel liebevolle Zuwendung, um immer wieder die Erfahrung zu machen, dass man sich auf etwas einlassen kann, ohne das es schmerzt.

Wer schonmal versucht hat, zu verstörten Tieren wieder Kontakt aufzubauen, weiß, wie mühsam das ist, einmal missbrauchtes Vertrauen wieder zu heilen. Aber es ist möglich und es ist der einzige Weg, überhaupt etwas in der Tiefe zu verändern. Wer wirklich wieder vertrauen können will, kann das nie über Disziplin oder kalten Willen erreichen. Das Vertrauen entzieht sich unserem direkten Willen. Man kann einen Hund an die Leine nehmen und ihn mit Befehlen trainieren. Vertrauen wird man so aber keins aufbauen.

Ich erlebe es in der Selbsthilfegruppe immer wieder, das Menschen den kalten Weg versuchen. Oft sind es Menschen, die am Anfang ihrer persönlichen Auseinandersetzung stehen. Und auch Menschen, die keine psychotherapeutische Unterstützung haben. Also Menschen, denen ein warmherziger Begleiter fehlt und die so nie diesen Weg kennenlernen konnten. Wobei auch nicht jeder Psychotherapeut ein warmherziger Mensch ist, es gibt durchaus auch therapeutische Methoden, die kalt fordernd sind. Wobei mir als Problem nicht das Fordernde erscheint, denn das ist auch immer wieder wichtig in Therapie. Die emotionale Kälte erscheint mir als ein Problem.

Der kalte Weg scheint einem schnelle Erfolge zu versprechen. Der Herzensweg hingegen ist so wenig greifbar und scheint so aufwändig und langwierig zu sein. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum man gerne den kalten Weg wählt.

Das ist auch in der großen Weltpolitik zu beobachten. Da keimt der Wunsch bei vielen Menschen auf, etwas vermeinlich Böses auszurotten und zu vernichten. Der andere Weg, sich mühsam in vielen Gesprächen auf einen gemeinsamen Weg zu einigen, erscheint da unattraktiv. Und doch zeigt uns auch die Geschichte, dass Kriege oft zu noch mehr Unfrieden führen und so das Böse nähren. Und das liebevolle Wege auch immer wieder Erfolge zu verzeichnen haben. Und vor allem zeigt uns die Geschichte, dass es bei vielen Problemen keinen schnellen, sondern nur den sehr mühsamen Weg gibt.

Therapeuten haben mir öfters gesagt, man muss viel Geduld bei seiner persönlichen Entwicklung aufbringen. Was in vielen Jahren deformiert wurde, lässt sich nicht in wenigen Monaten wieder heilen.

Wir merken das auch in der Selbsthilfegruppe. Wie schnell verletzt ein falsches Wort einen Menschen. Und wie unendlich schwierig ist es, danach wieder Frieden herzustellen und diese Verletzung zu heilen. Kaputt gemacht ist schnell, heil machen bleibt ein mühevoller Job, wo man Geduld aufbringen muss.

Und oft zeigt sich: Eigentlich ist Heilung ganz einfach. Es braucht nur einen kleinen liebevollen Schritt, der z.B. verzeihen heißt. Aber um diesen kleinen Schritt zu gehen, brauchen Menschen doch oft Jahre. Weil sie (noch) nicht bereit sind, den liebevollen Weg zu gehen. Ein kleiner Schritt der Liebe muss manchmal jahrelang vorbereitet werden, bis er möglich erscheint. Und auch, bis sich einem der Sinn darin erschließt. Die Bereitschaft, liebevolle Wege zu verfolgen, entwickelt sich keinesfalls automatisch. Um so kostbarer ist es, erste liebevolle Impulse zu unterstützen und zu nähren.

-- Fred

02.01.2017 :: Neue Räume - wir können starten

Der Umzug der Kontaktstelle ist geschafft. Derzeit werden zwar noch viele Kartons ausgepackt und so manche Baustelle gibts auch noch. Aber die neuen Räume sind jetzt nutzbar, so dass ab sofort wieder alle Sopha-Gruppen tagen können.

Die Räume wirken frisch und sauber. Der ganze Innenausbau ist komplett neu gemacht. Wir sind gespannt, wie es sich anfühlen wird, wenn die ersten Gruppen dort stattfinden werden.

Zum Jahresanfang haben sich zahlreiche Interessierte angemeldet. Da wirken vermutlich die guten Vorsätze, etwas für sich zu tun. ;-) Wir freuen uns auf euch. Mal schauen, wie die ersten Gruppen besucht sind und ob bald Plätze frei werden. Hoffentlich wird die Warteliste nicht zu lang. Denn wenn man sich vornimmt, bei einer Selbsthilfegruppe mitzumachen, wäre es natürich optimal, sofort damit zu starten.

Hier findet ihr Infos, wie ihr die neuen Räume findet:

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