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26.04.2018 :: Anpassendes Sprechen

Ein interessantes Phänomen, was mir jetzt bewusster wird: Eine Sprechangewohnheit. Man achtet beim Sprechen ständig darauf, wie die Reaktion des anderen ist. Dabei geht es vor allem darum, ob man Zustimmung oder Ablehnung erfährt. Bei Ablehnung passt man das, was man spricht, schnell an. Entweder bastelt man das um, was man sagen will, um Zustimmung zu bekommen. Oder man wird leiser, nimmt die Energie raus, bricht Gedanken ab usw.

Das Gegenmodell wäre: "Ich bin ich. Ich habe etwas zu sagen. Ich sage das, was ich sagen möchte. Reaktionen während meines Sprechens sind mir egal."

Das anpassende Sprechen kann z.B. aus einer Erfahrung kommen, dass es als Kind sehr gefährlich war, einfach das auszusprechen, was man gedacht hat. Gefährlich, weil dann vielleicht Bezugspersonen ausgerastet sind, sich gekränkt fühlten oder einem Schuldgefühle gemacht haben. Also hat man gelernt, sehr früh aus den kleinsten Reaktionen herauszulesen, was das Gesagte gerade auslöst. Und erkennt man Zeichen von Gefahr, wird man blitzschnell reagieren und noch im Satz eine Kehrtwende machen. Auf diese Weise entgeht man der Gefahr.

So lernt man schon als Kind, sich stärker im Sprechen zu kontrollieren und auf der Hut zu sein. Es ist natürlich klar, dass diese zusätzliche Denkleistung einen stark beansprucht und so das Sprechen auch anstrengend macht.

Sprechen ist dann keine angenehme Erfahrung, wo es leicht und flüssig aus mir heraus fließt, sondern harte und anstrengende Arbeit. Energie, die ich ins Aufpassen stecke, habe ich auch nicht dafür, meine Gedanken zu finden und zu formulieren. Das kann dann zu Wortfindungsstörungen oder Gedanken führen, die wenig das widerspiegeln, was ich eigentlich sagen will. Im Anschluss dann Frust in mir, warum ich mich oft so kompliziert und unklar ausdrücke.

Wer sein Gesagtes ständig anpasst, verliert auch seinen roten Faden und wird nicht klar in seiner Aussage. Man schwimmt dann ständig und deutet nur alles Mögliche an, kommt aber nicht auf den Punkt. Dann wird es umgedreht auch wieder für den Zuhörer schwierig, weil er ungeduldig wird und nicht weiß, was das Gegenüber möchte. Dies wiederum erfährt man dann als Aggression, was einen wieder hindert, etwas zu sagen und Gespräche als angenehm zu erleben. Ein Teufelskreis.

Dieses Phänomen kann auch ein Grund sein, warum einem das Sprechen in Gruppen so schwer fällt. In Gruppen gelingt es nicht mehr, die Reaktionen aller im Blick zu haben. Ich bemerke dann, wie schwer es mir fällt, diese Kontrolle zu halten und die Reaktionen aller meiner Gesprächspartner noch im Auge zu behalten. Und die Ungewissheit, was meine Gegenüber alle gerade von dem halten, was ich sage, kann größere Ängste auslösen. Ungewissheit beängstigt oft sogar mehr, als klare negative Reaktionen. Das Ungewisse enthält immer die Möglichkeit des Schlimmsten.

Hier entsteht aber auch gleichzeitig die große Chance. Wer in Selbsthilfegruppen übt, in Gruppen zu sprechen, entwickelt sich langsam heraus aus diesem ständig prüfenden Sprechen. Das Bewusstsein darüber, dass es genau darum geht, einfach zu reden und sich erstmal nichts aus der Reaktion zu machen, kann helfen, diesen Schritt zu wagen. Es geht genau um diesen Mut. Sprich und vertraue darauf, dass man dich schon nicht dafür zerfetzen wird. Lass dich überraschen, was die Reaktion sein wird, nachdem du gesprochen hast. Lass los von dem Gedanken, im Sprechen schon auf Reaktionen reagieren zu müssen.

Oft ist es so, dass man aus Angstmustern zu besonderen Fähigkeiten transformieren kann. Hierzu muss man das Angstmuster befreien. Ein Angstmuster hat eine gewisse Zwanghaftigkeit und Unfreiheit. Ich habe nicht die Wahl, das mir die Reaktionen meines Gegenübers egal sind. Ich hänge fest in dem Muster, mein Gegenüber ständig beim Reden zu beobachten. Und ich bin auch unfrei in meiner Reaktion: Nehme ich Ablehnung wahr, reagiere ich sofort durch eine Anpassung von dem, was ich sagen will.

Ganz anders, wenn ich das Angstmuster befreit habe: Dann wird es eine besondere Fähigkeit, andere feinfühlig schon während des Sprechens wahrzunehmen. Das kann ich tun und nutzen, bin aber jederzeit frei, es nicht tun zu müssen. So eine Fähigkeit kann aber sehr hilfreich sein, gerade z.B. in helfenden Berufen. Dann spüre ich sehr schnell, was meinem Gegenüber gut tut, wo etwas in ihm resoniert oder wo mein Gegenüber auch kritisch ist. Ich bin dann schon recht gut im Kontakt mit den Gedanken meines Gegenübers. Auch gute Verkäufer brauchen diese Fähigkeit, um sich in die Bedürfniswelt des Käufers einzufühlen.

Und dann wird es wieder sinnvoll und gut, schon während des Sprechens das Gegenüber wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Aber jetzt nicht mehr aus Angst, sondern aus der freien Entscheidung, schon frühzeitig auf mein Gegenüber zu reagieren, um Kommunikation positiv zu gestalten.

Das ist doch auch etwas sehr Tröstliches: Dass man die vielen Jahre, die man in bestimmte Angstmuster investiert hat, nicht abschreiben muss. Man kann das, was da gewachsen ist, transformieren und dann als Fähigkeit für sich und sein Leben nutzen.

-- Fred

19.04.2018 :: Selbstgemachte Wahrheit

Es gibt ein recht gefährliches psychisches Phänomen, in das man schnell und unbemerkt hineinwachsen kann. Durch prägende Erfahrungen im Leben entstehen oft verallgemeinernde Überzeugungen. Bei Sozialphobie wäre so eine Überzeugung zum Beispiel: "Ich bin nichts wert." oder "Ich bin ein Mensch zweiter Klasse."

Mit dieser Überzeugung im eigenen Bewusstsein nimmt man nun die Welt selektiv wahr. Man sucht nach Bestätigung für diese Überzeugung. Ganz oft suchen wir nach Bestätigung von dem, was wir denken, glauben und meinen.

Was passiert nun? Erleben wir Situationen, bei denen es möglich ist, dass uns jemand als minderwertig ansieht, sehen wir es als Bestätigung. Und so bestätigen wir uns immer wieder in unserer Meinung. Macht man das oft genug, entwickelt sich eine starke Überzeugung, dass es wirklich so ist.

Ein Korrektiv gibt es oft nicht. Situationen, die die eigene Meinung widerlegen, nimmt man nicht wahr oder man gibt ihnen so wenig Bedeutung, dass man sie schnell wieder vergisst.

So entsteht ein ganz ungünstiger Kreislauf. Die eigene Meinung festigt sich immer stärker und man hält sie irgendwann für eine unumstößliche Wahrheit.

Andere haben dann auch kaum noch eine Chance, uns von etwas anderem zu überzeugen. Schließlich erleben wir ja genau das, was wir meinen, tagtäglich. Insofern können die anderen nur irren.

Tatsächlich handelt es sich um eine Täuschung. Unser Bewusstsein ist dafür sehr anfällig. Wir entwickeln auf diese Weise Überzeugungen, die die Wahrheit verzerren. Wir sehen nicht mehr die Vielschichtigkeit der Realität, wir sehen nur noch das, was unsere Meinung bestärkt.

Dieses Phänomen lässt sich damit vergleichen, wenn wir uns über das Internet nur noch mit Menschen austauschen, die ähnliche Meinungen haben. So entstehen sogenannte Echoräume, die das verstärken, was wir ohnehin schon glauben.

Ein zweites Beispiel für eine Überzeugung wäre: "Es macht überhaupt keinen Sinn, mir Freunde zu suchen. Irgendwann passiert es immer, dass man mich ablehnt."

Mit dieser Überzeugung achtet man auf jede Kleinigkeit, die Ablehnung bedeuten könnte. Man schaut wie durch ein Vergrößerungsglas und sucht nach dem Staubkorn, was nach "Ablehnung" aussieht. Daran kann sich ein Reaktionsmuster anschließen: "Ehe ich wirklich die volle Ladung Ablehnung abbekomme, ziehe ich mich lieber gleich zurück."

So nimmt das Drama seinen Lauf: Man inszeniert genau das, wovor man Angst hat und bestätigt sich so wieder selbst. Man inszeniert seine Überzeugung und lässt sie Realität werden. Man spricht auch von einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Aus solchen falschen oder verzerrten Überzeugungen herauszukommen, ist alles andere, als leicht. Wenn man nicht davon weiß, ist es schier unmöglich. Über solche psychischen Phänomene bescheid zu wissen, ist deshalb sehr wertvoll und kann ein erster Schritt sein, sich aus so einer Dynamik heraus zu entwickeln.

Die eigenen Verzerrungen zu erkennen, ist mitunter schwierig, hier brauchen wir in der Regel Menschen, die uns Rückmeldungen geben können. Denn wer selber nicht drinsteckt, kann solche Verzerrungen oder Einseitigkeiten in der Regel besser wahrnehmen. Therapeuten, die dafür geschult sind, können es besonders gut. Aber auch in der Selbsthilfe kann man mit dem "Werkzeug" Feedback arbeiten.

Ist uns unsere Verzerrung bewusst, können wir unseren Blick bewusst verändern: Auf das zu achten, was unsere Überzeugung widerlegt. Also auf die Gegenbeispiele achten, die uns das Leben auch schenkt. Und diese Erfahrung dann sehr bewusst wahrnehmen und ihr genügend Raum geben, damit sie sich als Gegenpol in einem festigt.

Es geht dabei keinesfalls darum, das Gegenteil zu glauben. Das wäre lächerlich. Natürlich können wir im Leben immer mal wieder Ablehnung erfahren. Aber eben auch viel Zuwendung und Wohlwollen. Beides zu sehen, möglichst unverfälscht, darum gehts. Und auch all die Zwischentöne als Zwischentöne zu erkennen. Ein wenig Reserviertheit ist nicht gleich Ablehnung. Daraus kann bald auch schon Offenheit werden.

Die menschliche Wahrnehmung ist sehr anfällig für Verzerrungen und wir glauben das, was wir wahrnehmen. Deshalb ist es so wichtig, sich darin zu üben, möglichst unverfälscht zu erkennen. Vielleicht ist es sogar so, dass ein Großteil sozialphobischer Überzeugungen auf einer Fehlwahrnehmung beruht.

Das muss man sich mal vorstellen: Das Problem basiert vielfach auf einer Illusion, auf etwas, was gar nicht existiert, was uns unsere falsche Wahrnehmung nur vorgaukelt. Ich habe in der Selbsthilfegruppe schon oft Menschen erlebt, wo ich dachte: Eigentlich ist alles da, was es für ein gutes Leben braucht. Lediglich die Überzeugung von sich selbst ist verzerrt.

-- Fred

26.02.2018 :: Komikerin Kaethe Lachmann spricht über ihre Angst

19.02.2018 :: Tust du es aus Angst oder Liebe?

Ein schöner Artikel, der einem helfen kann, mehr im Leben aus Liebe zu tun und nicht aus Angst:

https://www.zeitzuleben.de/tun-sie-es-aus-angst-oder-aus-liebe/

19.02.2018 :: Alles eine Frage der Bedeutung

Eine wichtige Marschrichtung bei der Bewältigung sozialer Ängste lautet: Den Dingen die Bedeutung nehmen.

Da gibt es z.B. die Angst, einen Gedanken im Gespräch zu äußern, weil man nicht für naiv oder wenig intelligent gehalten werden will. Oder die Angst, man könne irgendwas sagen, was den anderen stört oder ärgert. Also sagt man besser gar nichts. Oder man denkt so lange darauf herum, wie man es sagt, dass es schon viel zu spät ist, diesen Gedanken im Gespräch noch zu äußern.

Das Hauptproblem dahinter ist immer wieder die Bedeutung. Für Betroffene hat es eine große Bedeutung, intelligent rüberzukommen, nicht anzuecken oder sonstwie genau das Richtige zu sagen. Immer wieder aus der Angst heraus, dass etwas Schlimmes droht, wenn nicht alles stimmig ist.

Die Lösung ist dann, den Dingen die Bedeutung zu nehmen.

Den Dingen Bedeutung zu geben, ist eigentlich ein guter Schutzmechanismus. Wir lernen, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, weil das zu Problemen, Stress, Ärger oder Agressionen führt. In dem wir lernen, diese Dinge dann nicht mehr zu tun, ersparen wir uns diese unangenehmen Gefühle.

Das große Problem damit: Alles hat seinen Preis. Und der Preis ist viel zu hoch, den Sozialphobiker bezahlen. Man kann das nämlich so weit treiben, dass man irgendwann gar nichts mehr sagt. Und spätestens dann fällt auf, dass diese Lösung, Problemen aus dem Weg zu gehen, ein Irrweg ist.

Es gibt noch einen weiteren Preis, den wir zahlen: Wir müssen ständig unsere Gedanken kontrollieren. Das kostet jede Menge Kraft und Aufmerksamkeit, die für anderes nicht verfügbar ist. Das ist der Grund, warum Sozialphobiker oft wenig mit ihrer Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt sind. Denn diese ist bei ihren ganzen Gedanken. Und sie fühlen sich oft sehr kaputt nach sozialen Kontakten, weil ihr Gehirn Höchstleistungen vollbracht hat.

Und noch was: Man verliert seine Spontanität. Aber gerade die Spontanität bringt Lebendigkeit in soziale Beziehungen. Humor oder Schlagfertigkeit sind spontane Äußerungen, die nicht funktionieren, wenn man sich zu stark kontrolliert und alles erst durchdenkt.

Das sollte Ansporn sein, sein ganzes Bedeutungs-Kontroll-System mal ordentlich zu entrümpeln. Hier ein paar Ideen, was man tun kann:

  • Den Mut entwickeln, gegen seine Gewohnheit Dinge auszusprechen und nochmal ganz neu zu prüfen, wo es wirklich zu Schwierigkeiten kommt. Ich stelle hier mal die These auf: Die Hälfte aller Befürchtungen ist unbegründet, weil aus einer alten Zeit, was heute gar nicht mehr gültig ist. Wir haben damals Dinge gelernt, die Bedeutung hatten, heute aber keine Bedeutung mehr haben. Ganz vieles aus der Kindheit, was wir heute noch leben, können wir hinter uns lassen.
  • Kommt es durch mutige Äußerungen wirklich mal zu Kommunikationsunfällen, kann man sich sagen: Wunderbar. Hier gibt es einen wichtigen Lernpunkt. Wie kann ich solche Situationen künftig lösen, ohne nun wieder zu vermeiden. Ein Beispiel: Ich hatte mal eine Kollegin, die alles ausgesprochen hat, was ihr spontan kam. Dabei ist sie regelmäßig mit Kollegen aneinander geraten, aber sie bemerkte das sehr schnell und fing das sofort sehr charmant wieder auf. Das war ein radikal anderer Ansatz, wie ich ihn kannte, aber er funktionierte gut. Das Schöne an ihr: Diese Spontanität, man wusste immer, woran man bei ihr ist und was etwas mit ihr macht.
  • Für einen Irrweg halte ich die Idee, das einem die anderen egal werden sollen. Diese Idee ist erstmal nachvollziehbar, weil es genau diese blöde Bedeutung neutralisieren will, die man allen Dingen gibt. Aber diese Idee greift zu kurz, weil sie uns zu asozialen Menschen machen kann. Die anderen dürfen uns nicht egal sein, damit wir sie als Menschen achten und mitfühlend mit ihnen sind. Wir wollen ja schlussendlich in einem guten Kontakt mit Menschen sein und das geht nicht, wenn uns andere egal sind. Es muss vielmehr darum gehen, wie ich Meins in Kontakt bringe mit Achtung meines Gegenübers. Ein Konzept, was sich das zur Aufgabe gemacht hat, ist die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg.
  • Durch achtsames Beobachten kann man seine Muster erkennen, wo man bestimmten Dingen Bedeutung gibt. Hierfür kann man eine Art Tagebuch schreiben, wo man sich diese Muster aufschreibt. In der Selbsthilfegruppe oder in der Therapie kann man dann über diese Muster reden, um sie tiefer zu verstehen. Es braucht dieses tiefere Verständnis, damit man die Ursache dafür herausfindet. Beispiel: Wenn es eine Bedeutung hat, nichts Dummes zu sagen, kann man genauer ergründen, was man denn in seiner Biografie erlebt hat, als man mal dumme Sachen sagte. Was befürchte ich da genau? Und was würde das heute bedeuten, wenn Menschen so reagieren? Würde mich das heute noch verletzen? Und wenn ja, warum und wie kann ich das alles auf eine neue Weise verstehen und verinnerlichen, dass es heute ok für mich wird, wenn mich andere auch mal für dumm halten.
  • Such dir ein Umfeld, wo du so sein darfst, wie du bist. Dort kannst du üben, das zu zeigen, was du sonst nicht von dir zeigst. Das klappt dann, wenn du deine gewohnten Denkmuster bewusst erkennst und dir vornimmst, bewusst das zu tun, was du sonst gerne vermeidest.

So können wir Stück für Stück diesen Bedeutungs-Sumpf aufräumen und uns entschlacken von Dingen, die heute keine Bedeutung mehr für uns haben oder denen wir keine Bedeutung mehr geben wollen. Es geht darum, zu immer mehr Seinsweisen sagen zu können: "Es ist vollkommen ok, wenn du so bist, wie auch immer du bist."

-- Fred

15.02.2018 :: Tiefere Quellen für Selbstwert

Wie baut man seinen Selbstwert auf? Oft liest man, man muss sich viel loben. Das hört sich erstmal sinnig an. Wer ständig das Gefühl hat, nicht gut genug zu sein, braucht mehr Erfahrungen in Richtung, dass Dinge gut laufen und gelingen.

Schaut man es sich genauer an, könnte man auch in einer problematischen Bewusstseins-Struktur festhängen. Es geht um die Vorstellung, dass man nur dann etwas wert ist, wenn man irgendwelche Maßstäbe erfüllt.

Beispiele für solche Maßstäbe:

  • Ich bin ein wertvoller Mensch, wenn ich besonders intelligent bin.
  • Ich bin ein wertvoller Mensch, wenn ich gut in der Schule oder im Studium bin.
  • Ich bin ein wertvoller Mensch, wenn ich schlank und hübsch bin.

Man hängt seinen Selbstwert also an die gute Erfüllung irgendwelcher Maßstäbe. Und in der Regel hängen wir den Maßstab ziemlich hoch.

Wer seinen Selbstwert an solche Maßstäbe hängt, wird sich ständig im Leben anstrengen müssen, um seinen Selbstwert zu bewahren. Das ist alles sehr mühevoll. Auch wird man manipulierbar - andere können uns mit Lob und Tadel gut steuern und antreiben.

Und trotz aller Mühe bleibt so ein Selbstwert sehr instabil. Spätestens dann, wenn wir durch Krankheit geschwächt sind, können wir diese hohen Maßstäbe nicht mehr bedienen. Dann rutscht neben der Krankheit auch noch unser Selbstwert in den Keller. Diese Dynamik entsteht z.B. beim Burnout: Es betrifft oft Menschen, die ihren Selbstwert durch hohe Leistung aufbauen. Und der Burnout lässt sie unfähig werden, die einfachsten Dinge zu tun, damit rutscht der Selbstwert total in den Keller. Ein Teufelskreislauf...

Ich glaube, es braucht hier einen vertikalen Entwicklungsschritt. Vertikal heißt, dass man nicht im System bleibt, sondern aus diesem System aussteigt. Ich meine das System, dass Selbstwert an der Erfüllung eines Maßstabes hängt.

Selbstwert sollte sich aus einer tieferen Quelle speisen. Aus etwas, was beständig ist und nicht an irgendwelchen Leistungen hängt. Auch nicht daran, wie hübsch ich wirke oder wie schlank ich bin.

Was könnte das für eine tiefe und beständige Quelle sein? Ich denke, es geht so in die Richtung, dass das Leben grundsätzlich ein Wunder ist und das man den Wert des Lebens besser versteht. Wenn wir ein Baby sehen, können wir es oft unmittelbar emotional erfahren, dieses Wunder. Ein Baby kann noch nichts, aber irgendwie beglückt es uns und wir wünschen uns, dass dieses Leben ein gutes Leben geschenkt bekommt. Wir sorgen und kümmern uns um dieses kleine Wunder.

Vielleicht müssen wir uns täglich in dieser Art sehen: Als etwas Kostbares, hinter dem wir stehen, was wir fördern und unterstützen und woran wir uns erfreuen.

Dann ist es auch völlig egal, was wir leisten und was wir können. So lange wir leben und wie unser Leben sich auch immer gestalten wird: Diese Form, liebevoll mit sich verbunden zu bleiben, kann beständig erhalten bleiben. Sie hängt nicht von so flüchtigen Dingen wie Schönheit oder Leistung ab. Wir können uns entspannen und im Sein Befriedigung finden.

Wird damit Leistung, Intelligenz oder Schönheit abgelehnt? Keineswegs, aber all das hat keine große Bedeutung für unseren Selbstwert.

07.02.2018 :: Radikal konstruktiv

Ich hab die letzten Jahre immer wieder positive Erfahrungen mit einer neuen Geisteshaltung gemacht. Das erste Mal hörte ich sie vor vielleicht 20 Jahren, oder vielmehr wurde sie mir von einem Therapeuten vorgelebt. Vor vielleicht 6 Jahren erlebte ich dann nochmal einen Tier-Homöopathen, der ebenso stark von dieser Geisteshaltung geprägt war.

Worum gehts? Die typische Geisteshaltung, die ich oft bei mir und in meinem Umfeld erlebe, ist ein Betrübtsein über alles, was nicht so läuft, wie man sich das vorstellt. Oder wenn etwas passiert, was scheinbar ungünstig für einen ist. Man geht dann schnell in die Opferhaltung und hadert mit seinem Schicksal. Es gibt Menschen, die sind permanent in dieser Opferhaltung gefangen. Man leidet unter dem Leben und all dem, was einem zustößt. Und aus dieser Geisteshaltung heraus stößt einem auch ständig was zu.

Es gibt aber noch ein viel größeres Dilemma: Diese Opferhaltung sorgt dafür, dass wir genau in dem festhängen, was uns belastet. Mitunter beschreiben das Menschen auch so, dass das Gefühl Opfer zu sein, irgendwie auch etwas Anziehendes hat. Vielleicht kennt ihr das, das man auch mal gerne traurig ist und es auch bleiben will. Als eine Phase wird das vielleicht auch Sinn machen, aber wenn es dauerhaft dafür sorgt, dass wir uns im Leben nicht herausentwickeln aus dem Leid, wird es zu einem ernsthaften Problem.

Die neue konstruktive Geisteshaltung wäre diese: Egal, was auch immer passiert, was kann ich Gutes daraus machen? Wo liegen die Chancen in dieser Situation?

Es geht darum, jeder Situation, in der man steckt, die positiven Möglichkeiten abzuringen. Sich aktiv damit auseinandersetzen, um zu schauen, was jetzt möglich wird und welche Chancen ich entdecken kann.

Neutral betrachtet kann man sagen: Jede Veränderung im Leben, ob vermeintlich gut oder schlecht, beschert uns etwas anderes, etwas Neues. Im ersten Augenblick fällt uns schnell das Negative auf und daran beißen wir uns gerne fest. Aber das ist nicht die einzige Wahrheit. Die neue Situation kann immer auch viele positive Möglichkeiten beinhalten. Vielleicht nicht direkt und offensichtlich, aber wenn wir uns auf die Suche nach dem Guten machen, werden wir vielleicht fündig.

Diese Geisteshaltung kann in uns wachsen, so dass sie irgendwann zu selbstverständlichen Haltung wird, wie wir allen Veränderungen begegnen.

Man könnte auch sagen, wir verbünden uns mehr mit unserer Lebensenergie, mit unserer Lebendigkeit. Das Leben hat eine starke, innewohnende, sich entfaltende Kraft. Leben will Leben, das ist uns genetisch mitgegeben. Und wenn wir schauen, was immer auch werden kann, dann sind wir in Verbindung mit dieser starken inneren Kraft, die leben und sich aus Enge befreien will.

Menschliche Entwicklung ist auch nicht nur ein linearer Prozess des "Besserwerdens". Vielmehr ist es ein Auf- und Ab, was es vielleicht auch irgendwie braucht. Damit es uns langfristig besser geht, müssen wir auch durch Täler gehen. Mit einer konstruktiven Sichtweise kann man eine Bereitschaft entwickeln, durch solches sinnvolles Leid hindurchzugehen, weil das irgendwie Teil des Entwicklungsprozesses ist. Diese Einstellung hab ich von dem Homöopathen gelernt, der jeder Verschlimmerung eines Symptoms sehr optimisch sah, als Teil des Heilungsprozesses. Mir wurde klar: Selbst dann, wenn homöopathische Mittel reines Placebo sind, ist diese Geisteshaltung etwas Kostbares.

Was kann falsch daran sein, in jeder Situation die Möglichkeiten und Chancen zu entdecken? Und wie kann man so eine Geistehaltung fest in seinen "seelischen Werkzeugkasten" integrieren?

Affirmationen und Leitsätze:

  • Irgendwofür wirds schon gut sein.
  • Alles hat einen Sinn.
  • Nichts was passiert, passiert umsonst.
  • Was kann ich daraus lernen?
  • Welche Aufgabe gibt mir das Leben?
  • Wenn es einen guten Grund gibt, wie könnte der lauten?
  • Kann ich ein Lern-Projekt daraus machen?
  • Kann ich es als eine Aufgabe annehmen?
  • Was brauchts, damit es besser wird?
  • Um welches tieferliegende Thema gehts hier eigentlich?

-- Fred

05.02.2018 :: Die Welt am seidenen Faden

Viele Jahre hörte ich aus Kreisen der Verhaltenstherapie folgenden Blickwinkel auf Angsterkrankungen: Unser Leben ist eigentlich recht sicher. Doch in unseren Genen steckt immer noch die Angst vor dem Säbelzahntiger, der uns anfallen und zerfleischen könnte.

Es wurde das Bild gezeichnet, dass wir sozusagen Opfer alter genetischer Prägungen sind, die heute in der modernen Welt nicht mehr passen. Die entstehenden Ängste werden als irreal bezeichnet, weil es scheinbar keine echte Bedrohung mehr gibt, unsere Gene oder auch Prägungen uns aber vorspielen, als würde es tatsächlich noch eine reale Bedrohung geben. Das Ziel der Therapie ist dann, diesen Trugschluss zu erkennen und sich davon zu überzeugen, dass es in vielen Situation wirklich keine Gefahren gibt.

Ich denke, dass in dieser Sichtweise eine Wahrheit steckt, es dieses Phänomen also real gibt. Kommt auch noch hinzu, dass Angst die Eigenschaft hat, sich auf viele Bereiche auszudehnen, die man zuvor nie als bedrohlich empfunden hat. Auch hier entstehen dann Ängste vor etwas, wo wir noch nie reale Bedrohungen erlebt haben. Und dann kann es hilfreich und gut sein, in das Beängstigende hineinzugehen, um sich leibhaftig davon zu überzeugen, dass etwas nicht wirklich bedrohlich ist. Wir müssen uns sozusagen überzeugen, dass es die Geister, die in unserem Kopf sind, gar nicht gibt.

Ich glaube mittlerweile aber, dass dies einiges nicht erklärt bzw. es scheinbar krankhafte Ängste gibt, die man damit nicht erklären kann.

Im Laufe der Jahre hat sich eine weitere Sichtweise für mich entwickelt. Es könnte sein, dass wir gesellschaftlich in einer riesengroßen Illusion von Sicherheit leben. Wir unternehmen viel, um uns diese Illusion von Sicherheit aufzubauen. Im Internet kennt man dieses Phänomen der Informationsblasen mittlerweile ganz gut. Was man über so eine Blase an Information aufnimmt, beeinflusst stark die Sichtweise auf die Welt. Genauso wirkt natürlich unsere Gesellschaft mit all den Interaktionen und den ganzen Informationsquellen, an denen sich Mitglieder dieser Gesellschaft typisch orientieren.

Das Thema Tod und Krankheit halten z.B. viele Menschen reflexhaft aus ihrem Leben raus. So gut es geht. Stattdessen soll die Illusion aufrecht erhalten werden, dass das Leben ein fortlaufender Prozess von Konsum, Wohlstand, Spaß und positiver Lebensgestaltung ist. Auf die Spitze getrieben lebt uns das die Werbung vor. Mein Haus, mein Pferd, mein Auto, meine Yacht... Werbung offenbart ja viel die Ideale oder Wunschträume einer Gesellschaft. Wir leben in einer Sorgloswelt und Angst brauchen wir uns wirklich keine mehr zu machen. Für alles ist gesorgt, für alles gibts ein Produkt, was uns Sicherheit gibt oder was ein Problem löst.

Doch real ist das nicht so. Und das wird Menschen auch immer mal wieder leibhaftig bewusst. Es gibt reale Bedrohungen in unserem Leben. Die Illusion platzt z.B. dann, wenn ein junger und gesunder Mensch in unserem Umfeld plötzlich stirbt. In diesem Moment wird es einem - zumindest für einen Moment - bewusst, dass das Leben zumindest nicht 100% sicher ist und wir alle 95 Jahre alt werden und bis dahin ein gutes Leben hatten.

Und jetzt kommt es viel darauf an, was ein Mensch mit dieser Erfahrung macht. Es gibt Menschen, die können das schnell wieder vergessen und leben dann auch wieder weiter in der Illusion von Sicherheit, Spaß und dem Aufbau einer eigenen schönen Welt.

Es gibt aber auch Menschen, denen auf einmal all die möglichen Bedrohungen bewusst werden. Sie wachen sozusagen aus der kollektiven Illusion auf. Und weil wir in der kollektiven Illusion all diese Bedrohungs-Themen so stark herausgehalten haben, überschwemmen sie einen jetzt. Auf einmal sieht man überall etwas Bedrohliches, was man zuvor nicht gesehen hat. Diese Erfahrung haut unglaublich rein und kann einem die Schuhe ausziehen.

Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung aus vielen Gesprächen mit Menschen, die angstkrank geworden sind. Das, was ihnen Angst macht, kann man gar nicht wegdiskutieren, wenn man es ehrlich meint. Ich hatte oft das Gefühl, sie haben recht damit, was sie beängstigt. Sie haben in der Tat reale Bedrohungsszenarien entdeckt, die man zumindest nicht als unsinnig abtun kann. Lediglich die Frage, wie wahrscheinlich so etwas ist, hätte man diskutieren können. Aber geringe Wahrscheinlichkeiten sind oft nur ein schwacher Trost. Die Menschen finden keine Ruhe mit dem Gedanken, dass es überhaupt etwas geben kann, was ihr Leben bedrohen könnte.

Ich glaube deshalb, dass es eine weitere Form der Angstbewältigung braucht. Eine Angsterkrankung könnte nämlich auch als ein Aufwachen aus der kollektiven Illusion verstanden werden. Die Menschen sind eigentlich nicht krank, sondern sie sehen auf einmal etwas, was wir sonst kollektiv ausblenden. Und sie stehen sehr oft alleine da mit diesem überwältigenden Bewusstwerdungsprozess. Dies stellt dann regelmäßig eine völlige Überforderung dar, woraus dann z.B. Panikattacken entstehen.

Wenn es wirklich so ein Phänomen gibt, dass man aus einer Illusion aufwacht und das Leben nun realistischer sieht mit all den Bedrohungen, die es gibt, was macht man dann damit?

Auf jeden Fall wird man sich mit diesem Thema intensiv beschäftigen müssen, dass das Leben oft an einem seidenen Faden hängt. Das Leben ist gefährlich und endet mit dem Tod, so sagt man. Wenn wir diese Vorstellung wirklich an uns heran lassen, verzweifeln wir dann am Leben? Ist es dann unmöglich, entspannt weiter zu leben?

Genau das ist der Punkt: Viele, die auf einmal von dieser Realität überrascht werden, dass das Leben auch sehr bedrohlich sein kann, können sich nicht vorstellen, wie sie jemals wieder entspannt leben können. Sie sind stattdessen sehr angespannt, entwickeln starke Ängste, Zwänge oder Panikattacken. Und sie können sich in Anbetracht der Bedrohungslage überhaupt nicht vorstellen, trotzdem wieder gelassen werden zu können.

Und doch ist genau das möglich. Ich glaube fest daran, das dies ein wichtiger Weg der Angstbewältigung ist: Nicht mehr ein Schönreden und damit wieder eine Flucht in die Verdrängungung bzw. kollektive Illusion. Sondern sich all der Bedrohungen des Lebens bewusst zu sein und trotzdem entspannt ja sagen können zum Leben. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass wir Menschen hier unglaubliche Anpassungsleistungen vollbringen können. Anpassung im Sinne, gut in unterschiedlichsten Lebensbedingungen leben zu können. Es anzunehmen, dass das Leben bedrohlich ist und sich darauf einzulassen.

Es geht darum, einen guten Umgang mit den Risiken des Lebens zu finden. Also nicht immer mehr das Leben zu vermeiden, sondern sich auch immer mal wieder ins Risiko zu trauen. In vollem Bewusstsein, dass es riskant ist.

Ich glaube, dass dieser Weg, in voller Klarheit der Bedrohung einen guten Weg zu finden, ein anspruchsvoller Weg ist. Ein Weg, der Zeit und Mut braucht. Er hat aber einen großen Vorzug: Es ist ein wahrer Weg, der nicht auf der Basis einer Illusion basiert. Illusionen können ständig bedroht werden, weshalb illusionäre Wege auch wieder am seidenen Faden hängen - sie sind ständig bedroht, entzaubert zu werden. Was aber auf einer klaren und realen Basis steht, das kann nicht bedroht werden und das muss auch nicht ständig verteidigt werden. Ich glaube, wahre Gelassenheit kann sich nur einstellen, wenn man die Welt wirklich so sieht, wie sie ist. Auch, oder gerade auch mit den unangenehmen Seiten, die wir gerne verdrängen.

Schlussendlich ist das auch eine große Integrationsleistung: Die gesellschaftlich verdrängten Seiten wieder in unsere Seele zu integrieren. Und psychische Gesundheit kann man als Maß bezeichnen, wie gut man all das integriert hat, was man erlebt.

-- Fred

25.01.2018 :: Sich für das Angstgefühl interessieren

Ich machte letztens beim Sport eine interessante Erfahrung. Wenn man die Muskeln fordert, erlebt man ja auch Schmerz. Meine normale innere Reaktion auf diesen Schmerz ist eher etwas in Richtung Abwehr. Ich will ihn nicht haben, ich lehne ihn innerlich ab, ich leide darunter.

Als ich mal wieder in diesem Schmerz war, erinnerte ich mich an die meditative Erfahrung, in der man alles offen und freundlich annimmt, was ist. Und in dem Moment dachte ich - das ist es, so muss man damit umgehen. Nun war meine innere Haltung für einen Moment völlig anders: Ich trat dem Schmerz gelassen und selbstbewusst gegenüber. Ich fühlte mich frei und heiter. Und ich sagte mir: "Ich möchte diese Erfahrung von Schmerz einfach mal annehmend auf mich wirken lassen." Wie fühlt sich also dieser Schmerz an? Und kann ich mitten in diesem Schmerz sein? Kann ich bestehen?

Und ja, das funktionierte wunderbar. Und damit wird es gleich eine ganz andere Erfahrung. Es hatte etwas spielerisches: "Mal schauen, wie viel Schmerz ich gut aushalten kann."

Im Nachhinein dachte ich darüber nach, ob man das auch auf alle anderen unangenehmen Gefühle übertragen kann. Da war ich natürlich gleich bei der Angst. Und ja, ich denke, auch hier ist das möglich. Ebenso bei damit verbundenen Gefühlen wie Scham, Minderwertigkeitsgefühle usw.

Ich denke, man kann lernen, auf diese Weise mit solchen Gefühlen umzugehen. Und ich denke, das verändert ganz viel. Es verändert die Beziehung zu diesen Gefühlen. Gleichzeitig werde ich flexibler, ich flüchte nicht mehr vor jedem unangenehmen Gefühl, ich stelle mich stattdessen und gehe in einen spielerischen Kontakt damit.

Damit kann es mir gelingen, ein Übermaß an Vermeidungsverhalten aufzugeben, was ja bekannterweise den eigenen Möglichkeitsraum immer weiter einschränkt. Dann gehe ich vielleicht wieder mal raus aus meiner Wohnung, anstatt mich dort zu verkriechen. Und draußen gehe ich mal bewusst ins spüren, wie sich diese Angst jetzt gerade anfühlt.

Je öfter ich das tue, um so mehr gewöhne ich mich auch an unangenehme Gefühle. In etwa so, wie man auch gut damit sein kann, wenn einem mal ein kalter Wind entgegenweht.

Ich denke, dass ist ein guter Umgang mit meinen unangenehmen Gefühlen.

-- Fred

01.01.2018 :: Neues Beginnen

Und plötzlich weißt du:
Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen
und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.
(Meister Eckhart)

Wenn du Lust hast, in unsere Selbsthilfegruppe einzusteigen, melde dich einfach. Unsere Mitgliederzahl hat sich wieder gut eingependelt, so dass wir derzeit keine Warteliste führen müssen. Ihr könnt also direkt in die Offene Gruppe einsteigen. Der nächste Termin ist der kommende Sonntag, 7. Januar 2018.

22.12.2017 :: Das Leben bleibt eine Herausforderung

Gibt es einfache Wege, Ängste oder Depressionen zu überwinden? Braucht es nur ein paar Tipps, mit denen wir unsere Schwierigkeiten bewältigen?

Über die Jahre Selbsthilfearbeit erscheinen mir viele Probleme als eine ganz persönliche schwierige Lebensaufgabe. Viele sind an einem Punkt der Ohnmacht angekommen: Sie haben ein Problem, was sie mit ihren Ressourcen und Möglichkeiten nicht gelöst bekommen.

Das ist im gewissen Sinne auch logisch: Zuerst einmal beschäftigt sich jeder mit seinen Problemen und versucht sie zu lösen. Und bei vielen Problemen des Alltags finden wir auch Lösungen, die funktionieren. Doch dann gibt es sehr hartnäckige Probleme, wo wir lange dran herumdoktern und keine Lösung finden. Wir scheitern immer wieder. Und erst dann, wenn wir über längere Zeit keine Lösung für unser Problem finden und stark darunter leiden, kommen Betroffene in unsere Selbsthilfegruppe.

Sie bringen also nicht die leichten Probleme mit, die man mit einem kleinen Tipp gelöst bekommt. Sie bringen die wirklich schwierigen Lebensthemen mit, die sie aus ihrem Möglichkeitsraum nicht mehr bewältigt bekommen. Und der eigene Möglichkeitsraum erweitert sich auch nicht wesentlich durch ein paar Tipps.

Oft fällt anderen dann auf, was diejenigen einfach machen müssten: Grenz dich mehr ab! Sag mal deine Meinung! Setz dich mal durch! Lass dir nicht alles gefallen! Sei einfach mutiger! Vermeide nicht so viel!

Aber auch hier wieder: Wissen tun es die meisten, was sie eigentlich tun müssten. Aber sie können es aus ihren Möglichkeiten heraus einfach nicht. Das wäre ungefähr genauso, als würde man zu einem Elefanten sagen: "Du musst einfach nur fliegen!"

Das es so einfach nicht geht, wissen eigentlich auch die Tipp-Geber. Wer keine Beziehung hinbekommt, hat oft die besten Beziehungstipps. Einfach weil sie sich schon viel mit seinem Problem auseinandergesetzt hat und damit die Knackpunkte kennt, worum es eigentlich geht. Aber sie wirklich umzusetzen, daran scheitert sie genauso.

Bei Betroffenen entsteht oft der Eindruck, das Schicksal meint es mit ihnen nicht besonders gut. Doch mir fällt immer häufiger auf: Jeder Mensch hat Lebensthemen, an denen er scheitert, wofür er noch keine Lösung hat. Wir werden vom Leben immer wieder an unsere Grenzen geführt. Jeder Mensch.

Wie löst man nun solche widerspenstigen Probleme? Eine typische Qualität solcher Probleme ist: Auf sie ist unglaublich viel Verlass. Sie sind so mit das Stabilste, was in uns vorhanden ist. Wenn alles sich verändert, diese Themen schleppen wir weiter mit uns rum. Damit ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass ein paar Tipps oder Ratschläge dieses Muster verändern werden. Es ist auch unwahrscheinlich, dass eine spezielle Therapieform sie in wenigen Stunden verändert.

In der Regel brauchts eine längerfristige und beständige Auseinandersetzung mit solchen Lebensthemen. Es kommt darauf an, seine Kraft zu fokussieren, um mit geeinten inneren Kräften diese Problematik zu verändern.

Viele kommen übrigens mit einer gewissen Fokussierung zu uns. Sie spüren innerlich, dass die Zeit jetzt reif ist, etwas zu tun. Es wächst eine stärkere Veränderungsenergie und genau die führt dann auch dazu, mit uns in Kontakt zu treten und den Schritt in eine Selbsthilfegruppe zu wagen. Die meisten, die einsteigen, erlebe ich als engagiert und mit einem tieferen Veränderungswillen.

Wichtig erscheint mir, die Themen erstmal ins Licht zu holen, also in der Gruppe darüber zu sprechen und das zu reflektieren, was da in mir wirkt. Mit all den Widersprüchen und Merkwürdigkeiten.

Darüber reden, um ein immer besseres Verständnis dafür zu entwickeln, erscheint mir sehr bedeutsam. In einer annehmenden Weise. Denn wenn man zu früh in eine Veränderung drängt, weil man sich in seiner Soheit noch gar nicht angenommen hat, hat man das Problem oft noch nicht tief genug verstanden. Bewältigungsversuche, die aus einem oberflächlichen Verständnis ohne Selbstannahme gemacht werden, scheinen oft genug keine wirkliche Veränderung zu bewirken. Man sagt ja auch: "Man muss das Übel an der Wurzel packen."

Oft erscheint mir Veränderung nicht sprunghaft abzulaufen, obwohl wir oft darauf hoffen. So im Sinne, dass es da etwas gibt und wenn ich etwas Bestimmtes praktiziere, wirds ganz schnell besser. Möglich ist das schon, aber vieles scheint sich doch eher ganz langsam und schleichend zu verändern.

Hierzu ein Beispiel: In der Vortragsgruppe, die wir machen, reicht es in der Regel nicht, ein paar Vorträge zu machen und alles ist gut. Es sind eher Veränderungsprozesse, die über Jahre ablaufen. Man geht immer wieder in etwas hinein, was einen innerlich nervös macht oder aufregt. Man lernt einen Umgang mit solchen Gefühlen. Man erfährt immer wieder konstruktives Feedback und entwickelt Ideen, woran man üben möchte. Vielleicht bekommt man die Rückmeldung, dass man wenig ins Publikum schaut und nimmt sich vor, dass mal mehr zu tun. In der Regel ist das dann ungewohnt und unangenehm, aber irgendwie lernt man da auch laufen. Die Dinge verändern sich, wenn auch eher langsam und kaum spürbar.

Hier darf man den Mut und die Hoffnung nicht verlieren. Wir ackern nunmal an unseren Lebensaufgaben. Und das sind die beständigsten Muster in uns. Diese widersetzen sich allen Veränderungsbemühungen. Wir behauen sozusagen den eigenen Fels und die Arbeit ist mühsam. Aber wenn wir mal 1-2 Jahre zurückblicken, wird stark deutlich, wie viel sich manch einer durch beständiges Üben auch verändert hat.

Und wenn wir uns gar nicht verändern? Auch das ist ganz typisch für unsere Lebensthemen. Wir verlieren immer mal wieder die Lust daran, uns damit wirklich auseinanderzusetzen. Und dann bewegen wir uns vielleicht Jahre wirklich nicht von der Stelle. Wir stehen uns sozusagen selbst auf den Füßen. Doch jeder Tag kann der Beginn sein, uns erneut damit auseinanderzusetzen. Und dann wird es auch wichtig, dranzubleiben und den Weg der Veränderung zu Ende zu gehen.

Das alles geht jedem Menschen so, auch wenn die Themen, worum es sich dreht, sehr unterschiedlich sind.

-- Fred

04.12.2017 :: Die eigenen Widersprüche

In letzter Zeit wird mir eine Dynamik immer bewusster: Menschen sind widersprüchlich und sie leiden unter ihrer eigenen Widersprüchlichkeit.

Es gibt viele Spielarten, wie Menschen mit ihrer Widersprüchlichkeit umgehen. Manche lehnen sich stark ab oder sind beschämt, wenn sie sich widersprüchlich erleben. Andere verleugnen es oder basteln es sich im Kopf so lange um, dass ihr Verhalten wieder schlüssig wirkt. Manche geraten in tagelanges Grübeln, weil sie nicht annehmen können, dass sie so sind, wie sie sind.

Das wir unsere Widersprüchlichkeiten nur so schwer annehmen können, liegt glaube ich auch daran, dass wir dafür oft gesellschaftlich Ablehnung erfahren: Menschen werden wütend oder ärgerlich auf uns.

Eine typische Widersprüchlichkeit bei sozialen Ängsten ist, dass man einen Termin mit einem freudvollen Gefühl zusagt und dann doch nicht erscheint. Ich erlebe das recht häufig bei Interessierten, die in unsere Gruppe einsteigen wollen. Ich spüre echte Lust bzw. echtes Interesse an der Gruppe. Doch dann kommen sie nicht. Und ich spüre dann oft auch, dass es denjenigen unangenehm ist, weshalb sie dann manchmal den Kontakt ganz abbrechen.

Mir erscheint es so, dass wir der Widersprüchlichkeit gesellschaftlich keinen Raum geben. Wir sprechen wenig darüber, versuchen nicht, Widersprüchlichkeit zu verstehen und sie als ganz normalen Teil einer jeden Persönlichkeit zu sehen. Stattdessen muss dieses Verhalten möglichst schnell "abgestellt" werden. Sonst fliegen wir raus oder werden sanktioniert.

Damit leitet man dann schnell für sich ab: Alles Widersprüchliche an mir ist nicht in Ordnung. Und damit werde ich dann auch oft alleine gelassen.

Gerade in unseren eigenen Widersprüchen stecken aber oft die ganz großen Herausforderungen in der persönlichen Entwicklung. Die großen psychischen Themen zeigen sich in unseren Widersprüchen.

Insofern ist es eine große Chance, sich liebevoll-interessiert seinen Widersprüchen zuzuwenden, um sie zu erforschen. Selbstablehnung und Verleugnung ist hingegen problematisch, weil sie das Problem in aller Regel zementiert bzw. verfestigt. Oder wir entwickeln eine Härte und Strenge gegen uns selbst, um mit Kraft und Macht gegen unsere Widersprüche zu kämpfen. Das mag zwar manchmal funktionieren, man zahlt aber einen hohen Preis. Seelische Verhärtungen zerstören die weichen Seiten in uns wie Mitgefühl, liebevolle Zuwendung, Offenheit, Interesse und nehmen uns schlussendlich auch die emotionale Flexibilität. Und weil gilt "Wie im Innen, so im Außen.", werden wir dann auch anderen mit dieser Härte entgegentreten.

Ich glaube es ist gut, sich offen-interessiert mit seinen Widersprüchen zu beschäftigen. Sie zuerst einmal anzunehmen und sagen zu können: "Ja, auch dieser Widerspruch ist ein Teil von mir." Das ist schon ein großer erster Schritt.

Im Selbsthilfe-Zusammenhang erscheint es mir sinnvoll, wenn man seine Widersprüche immer mal wieder zum Gruppenthema macht. Gerade auch die Widersprüche, die zu Reibung untereinander führen werden. Denn wenn man drüber spricht, kann auch das gegenseitige Verständnis füreinander wachsen.

Die Selbsthilfegruppe kann hier ein heilsamer Gegenpol zu unserer Gesellschaft sein: Hier brauche ich meine Widersprüchlichkeiten nicht zu verstecken, hier kann ich sie offen einbringen. Hier kann ich ein Verständnis dafür entwickeln. Und Verständnis bedeutet auch immer Selbstbewusstsein: "Ja, so bin ich und ich kann zu mir stehen!"

Das Geheimnis eines guten Selbstwertgefühls ist doch: Wir müssen nicht immer besser werden, um zu einem guten Selbstwertgefühl zu kommen. Wir müssen einfach unsere Schwächen annehmen lernen, und unsere Stärken sehen.

Werden

Du bist ein werdendes, nicht ein gewordnes ICH.
Und alles Werden ist im Widerspruch mit sich.
Unendliches das WIRD, muss ENDLICH sich gebären.
Und Endliches will, indem es wird,
unendlich werden.

Friedrich Rückert

-- Fred

02.12.2017 :: Dankbarkeit

Dankbarkeit könnte eine oft vergessene Möglichkeit sein, glücklicher zu werden. Ja, sie könnte uns sogar darin unterstützen, unser Potenzial zu entwickeln.

Was hast du für eine Beziehung zum Thema Dankbarkeit? Hast du eine Aversion gegen das Wort, weil es dir wie eine aufdringliche Verpflichtung vorkommt? Oder empfindest du es als eine belebende Herzensangelegenheit, die dich tiefer berührt?

Manche Wörter sind emotional belastet und das ist sehr schade. Man kann sie dann aber neu erfinden, nochmal ganz anders denken, um einen neuen Bezug herzustellen.

Was ist Dankbarkeit eigentlich? Es geht darum, sich der postiven Dinge und Möglichkeiten bewusst zu werden, die einen umgeben. Und es geht darum, das positive Potenzial in ihnen zu erkennen. Dankbarkeit ist etwas, was aus einer tieferen Quelle in uns hervorsprudelt und keinesfalls eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an uns.

Beispiel: Wenn man einen schönen Wald in der Nähe seiner Wohnung hat, dann kann man sich bewusst darüber werden, wie gut das ist. Man hat die Möglichkeit, der Wohnung zu entfliehen und regelmäßig schöne Spaziergänge zu machen oder zu joggen. Das ist für einen unmittelbar und direkt wertvoll. Natürlich nur dann, wenn man auch ein Bedürfnis danach hat und nichts anderes im Wege steht.

Dankbarkeit ist also ein Bewusstseinsprozess, das zu erkennen, was nützlich und gut für das eigene Leben ist. Etwas, was einen in dem unterstützt, was man braucht und was man gerne hat. Dankbarkeit ist nicht nur ein verstandesmäßiges Erkennen, sondern vor allem ein emotionaler Prozess der Wertschätzung: Ich freue mich, dass mir diese Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Ich spüre in mir diese Bereicherung oder diese Chance. Vielleicht spüre ich Freiheit, die damit verbunden ist, die Lebenslust oder ein Berührtsein.

Dankbarkeit braucht keinen Adressaten. Es gibt eine spirituelle oder universelle Dankbarkeit. Man kann dem Universum dankbar sein, das viele Dinge so angelegt sind, dass wir davon profitieren und uns gut tun. Das die Sonne scheint, ist zum Beispiel etwas, was gut tun kann und wofür wir ein Gefühl von Dankbarkeit entwickeln können.

Doch wenn es einen Adressaten gibt, ist es auch gut, mit Dankbarkeit in den Kontakt zu gehen: Dankbarkeit bereichert, wenn sie geteilt wird. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, wie wir uns gegenseitig bereichern können.

Möchte man von Dankbarkeit wirklich profitieren, braucht es irgendwie eine Verinnerlichung dieser Geisteshaltung. Sie entfaltet nur ihren Nutzen, wenn wir Dankbarkeit regelmäßig praktizieren.

Ich hörte letztens von der Idee der 6-Minuten-Tagebücher. Darin beantwortet man jeden Tag den Satz: "Ich bin dankbar für...". Genau damit holt man das Thema Dankbarkeit in den täglichen Fokus. Diese Idee kann man aufgreifen und sein Ritual finden, wie man sich täglich auch mit Dankbarkeit beschäftigt.

In Selbsthilfegruppen kann man das auch tun. Eine Methode von Manitonquat - der sich viel mit der Entwicklung einer guten Gruppenkultur beschäftigte - lässt bei Zusammenkünften zuerst die Frage "Was ist neu und gut?" durch die Runde gehen. Gerade in Selbsthilfegruppen ist diese Frage gut, weil man mal den Fokus weg von Problemen bewegt, hin zu Potenzialen und positiven Dingen.

Oft ist schon ganz viel da, wir müssen es nur sehen. Doch dadurch, dass wir uns zu oft einseitig auf Probleme fokussieren, sehen wir das nicht, was schon längst da ist und was wir bereits nutzen können.

-- Fred

26.11.2017 :: Wuppertaler Gruppe

Die Wuppertaler Selbsthilfegruppe gründete sich vor etwa einem Jahr. Jetzt gibts auch eine schöne Homepage. Wir freuen uns, dass ihr so ein tolles Angebot in Wuppertal aufgebaut habt. Und ein großes Lob an die Gestalterin der Homepage. Toll gemacht!

30.10.2017 :: Bewusstsein schaffen

Wie löst man seine psychischen Probleme? Und wie entwickeln sich gute Gruppen?

Ich glaube, beides hat viel mit Bewusstsein zu tun. Mir ist in der Gruppenarbeit immer wieder aufgefallen, das es das Bewusstsein ist, was heilt.

Es gibt auch viele Therapieformen, die die Schaffung von Bewusstsein als zentrale Methode nutzen. In der klientzentrierten Gesprächstherapie geht es z.B. nicht darum, dass ein Experte einem sagt, wie man sein Leben leben sollte, damit es gut wird. Ganz im Gegenteil, diese Therapieform geht davon aus, dass schon alles in mir ist. Es braucht nur ein Gegenüber, was mir hilft, mich mit mir zu beschäftigen und mich zu reflektieren. Das ist nichts anderes, als das ins Bewusstsein zu holen, was in mir ist. Und das heilt!

Moshe Feldenkrais - ein Körpertherapeut - sagte einmal:

"Du kannst nur tun, was du willst, wenn du weißt, was du tust."

Er beobachtete, dass Menschen sich ein Leben lang falsch bewegen und damit ihren Körper überlasten. Warum tun sie das? Weil ihnen dieser Umstand nicht bewusst ist und weil sie unbewusst einer Gewohnheit folgen. Aber in dem Moment, wo es ihnen bewusst wird, fangen sie an, mit besseren Alternative zu experimentieren und das sorgt für eine Lösung der Probleme.

Wenn man sich den Umweltschutz anschaut: Sicherlich brauchen wir hier auch Regeln und Absprachen, woran sich alle halten. Aber das, was die stärkste Veränderung bringt, ist ein gemeinsame Bewusstsein darüber. Das jeder Mensch tiefer versteht, dass es sehr unklug ist, wenn wir uns unsere Lebensbasis zerstören. Auch der verstärkte Kauf von Bioprodukten ist schlussendlich dem erwachten Bewusstsein zuzuschreiben.

So ist es auch mit vielen psychischen Themen. Wenn wir wirklich begreifen, wie kalt und bösartig wir mit uns selber umgehen, dann werden wir anfangen, Selbstmitgefühl zu entwickeln. Einfach weil wir erkennen, wie unnötig quälend unser Umgang mit uns selbst bisher war. Wenn wir erkennen, wie unsinnig ein überzogener Perfektionismus ist und warum wir das überhaupt tun, dann werden wir uns ändern.

Bewusstsein hat in meinem Augen eine starke transformierende Kraft. Allerdings ist es nicht immer leicht, Bewusstheit zu schaffen. Es gibt nunmal auch viele Abwehr- und Verdrängungsmechanismen, die auch ganz normal zum Menschsein gehören. Sie sollen uns vor weiterer Verletzung und unangenehmen Erfahrungen schützen, verhindern aber so oft auch die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und den Lebensumständen. Und damit behindern sie die persönliche Weiterentwicklung. Und sie behindern auch die Entwicklung von Gruppen, Gesellschaften und der ganzen Welt. Wie im Kleinen, so im Großen.

Selbsthilfegruppen können ein Raum sein, wo Bewusstsein entsteht. Wenn man sich mal davon löst, schnelle Tipps und Tricks von anderen haben zu wollen, kann man einen Raum eröffnen, wo man einfach über das redet, was man erlebt. Und damit holen wir das ins Bewusstsein, was in uns wirkt. Und wenn es so im Lichte ist, können wir uns auch gegenseitig anregen, wie man damit umgehen kann. Jeder wird schon Erfahrungen gemacht haben und einen Weg gegangen sein. Das Wichtigste erscheint mir aber immer erstmal, etwas ins Bewusstsein zu holen. Darüber reden hilft, innere Prozesse und innere Themen ins Bewusstsein zu holen und sich klarer darüber zu werden. Das ist ein zentraler Sinn von Selbsthilfegruppen für mich.

Bewusstseinsarbeit passt auch gut in das Selbsthilfeumfeld, weil wir keinen Experten brauchen, der uns sagt, wie Leben richtig funktioniert und was falsch ist. Stattdessen kann jeder in dem Maße, wie es für ihn möglich ist, seine Themen reflektieren. Bewusstseinsarbeit braucht erstmal kein tiefgehendes Know-How und keine langwierige Ausbildung. Wir brauchen einen Ort, wo wir uns gegenseitig zuhören und dann fließt schon ganz vieles von alleine.

-- Fred

20.10.2017 :: Negative Psychosprache

Viele psychotherapeutische Schulen stehen in einer Tradition der negativen Psychosprache. Da spiegelt sich eine Krankheitslehre drin und keine Gesundungslehre.

Nehmen wir das Wort Vermeidungsverhalten. Wie oft habe ich in Therapie gehört, dass ich oder andere etwas vermeiden und das wäre nicht gut. Eine Therapierichtung entwickelte sogar den Begriff des Vorwärtsvermeiders - ein Mensch, der in sozialen Situationen sehr aktiv wird, um z.B. den Gesprächsablauf zu bestimmen. Damit entzieht er sich seiner Angst, dass Ungewisses auf ihn zukommt.

Was sagt das Wort Vermeidung eigentlich aus? Es sagt mir, dass es einen erwünschten Zustand gibt, von dem ich abweiche. Ich tue etwas nicht, was ich tun sollte. Und weil ein Therapeut oft als übergeordnete Instanz wahrgenommen wird, fühle ich mich schnell nicht in Ordnung, weil mein Verhalten nicht in Ordnung ist.

In mir identifiziert sich mein Über-Ich mit dem Therapeuten und haut dann auch auf mein Ich drauf: "Du sollst doch nicht vermeiden! Schäm dich!". Und natürlich wirkt sich diese vermeintliche Fehlleistung auch auf das Selbstwertgefühl aus: "Ich bin nicht in Ordnung, wie ich bin, weil ich ja vermeide."

Ich denke, vieles hängt an dieser Sprache, die auf Mängel fokusiert. Und weil natürlich Therapieerfahrene diese Denkweise auch in die Selbsthilfe einbringen, wirkt auch hier dieser mängelfokusierte Ansatz.

Schauen wir uns mal die Alternative an. Da gibt es etwas, was gut wäre, wenn ich es tue. Weil ich etwas davon hätte. Ich spüre aber auch, es beängstigt mich etwas. Und deshalb brauche ich Mut. Und es braucht meine Entscheidung, mich in ein Risiko hineinzuwagen.

Wie nennt man das, was Risiko und Chance beinhaltet? Ich würde es Abenteuer nennen.

Da wartet also ein Abenteuer auf uns. Etwas Spannendes, was uns bereichern kann. Und auch etwas, was uns an unsere Grenzen bringt. Eine Grenzerfahrung.

Dieser positive Ansatz spricht mehr unsere Sehnsüchte, Wünsche und unser Wollen an. Ich glaube, dass diese Quelle viel machtvoller ist, als ein "du solltest", wo das Über-Ich uns dazu nötigt, etwas zu tun, was wir eigentlich gar nicht tun wollen.

Die Gefahr, bei einer Angsterkrankung vieles zu vermeiden und das eigene Leben immer enger zu machen, ist groß. Von einer neuen positiven Sprache könnte man es dann so formulieren: "Bei einer Angsterkrankung ist es wichtig, dass man sich regelmäßig Abenteuer sucht. Das man sich in etwas hineinwagt, was Ängste auslöst. Wo man aber auch schon ahnt, dass real gar keine Gefahr droht."

Ich glaube, die Sprache hat eine große Macht, weil in ihr auch eine Sichtweise oder Blickwinkel enthalten ist. So macht es einen riesen Unterschied, ob mein Gegenüber dabei ist, Mängel in mir aufzuspüren oder ob er mein Potenzial erkennt und mir hilft, dieses zu entfalten.

Ich denke aber auch, alle Sichtweisen können hilfreich sein. Es wäre sicherlich verkehrt, gar nicht mehr über Mängel zu sprechen. Das würde zu einer künstlichen positiven Umschreibung von Mangel führen, wie man es aus Arbeitszeugnissen kennt. Wenn es aber darum geht, seine psychischen Fähigkeiten wieder zu bereichern, dann sollte eine Sprache im Vordergrund stehen, die den inneren Reichtum anregt und sich mit unserem Wollen verbündet.

-- Fred

10.10.2017 :: Potenzial erschließen statt Symptome bekämpfen

Worum gehts eigentlich bei der persönlichen Auseinandersetzung mit seinen Ängsten? Gehts darum, ein paar Symptome in den Griff zu bekommen?

Wäre es nicht ein viel spannenderes Ziel, als Mensch sein Potenzial zu erschließen? Wer bin ich wirklich? Was macht mich aus? Wie kann ich in dieser Welt wirksam werden? Wie kann ich mir meiner Stärken bewusst werden und sie leben? Wie kann ich Vertrauen in meine Kraft und meine Fähigkeiten entwickeln?

Wenn ich mein Potenzial erschließe, kann ich mehr leben, bin mehr ich selbst, kann mich besser in die Welt einbringen und mit anderen verbinden, fühle mich freier. Und ich kann besser für mich sorgen und werde zufriedener, manchmal sogar richtig satt. Dann bin ich vielleicht glücklich.

Menschen, die so viel mehr sie selbst geworden sind, können auch einen wertvollen Beitrag in die Gemeinschaft einbringen, wo immer sie auch wirken.

Vielleicht geht es ja um etwas viel Größeres, als nur ein paar Symptome zu überwinden...

-- Fred

01.10.2017 :: Seminar zum Thema Konflikte in Selbsthilfegruppen

Die Kontaktstelle für Selbsthilfe bietet regelmäßig Seminare an, die die Selbsthilfearbeit unterstützen. Gestern war ein solches Seminar und einige von uns waren dabei. Es ging um das Thema Konflikte, die in Gruppen auftauchen.

Konflikte in Selbsthilfegruppen? Soll es da nicht nur friedlich und wohlwollend zugehen?

Ein gutes Gruppenklima erscheint mir auf jeden Fall wichtig, um in einen konstruktiven gemeinsamen Austausch zu kommen. Gerade bei psychischen Themen ist das besonders wichtig. Denn es geht ja um Öffnung. Wir wollen etwas von uns mitteilen, wo wir Vertrauen in die anderen brauchen.

Doch kann das wirklich gelingen, Konflikte komplett aus Selbsthilfegruppen herauszuhalten?

Meine Erfahrung ist, dass das nicht geht. Es ist wie überall, wo Menschen aufeinandertreffen. Wir sind numal alle unterschiedlich. Damit hat jeder eigene Erwartungen und eigene Bedürfnisse. Und jeder bringt auch Angewohnheiten in eine Gruppe, die andere belasten können.

Ein typisches Beispiel für einen Konflikt wäre der Redeanteil in der Gruppe. Wenn ein Mensch in der Gruppe immer wieder sehr viel Rederaum einnimmt und dabei viele Details äußert, die für andere nicht von Belang sind, kommt schnell Unmut, Frust oder gar Ärger auf. Die Redebalance stimmt dann in der Gruppe nicht mehr.

Viele Menschen haben Angst vor Konflikten. Das gilt nochmal besonders bei Menschen mit sozialen Ängsten. Nicht jeder, der soziale Ängste hat, ist konfliktscheu, aber es gibt schon eine gewisse Tendenz, Konflikte zu vermeiden.

Was passiert aber, wenn Konflikte nicht benannt und angesprochen werden? Ein typisches Muster wäre, dass es einen innerlich immer mehr aufregt. Man ist mehr und mehr damit beschäftigt. Und entweder explodiert man irgendwann oder man zieht sich zurück. Beide Reaktionen kosten einen hohen Preis: Entweder verletzen wir andere stark und sorgen dafür, dass ein Konflikt tatsächlich ein destruktives Ende nimmt. Oder aber, wenn wir uns zurückziehen und aus der Gruppe aussteigen, verlieren wir das, was doch eigentlich mal so hilfreich für uns war. Und in einer anderen Gruppe ist es sehr wahrscheinlich, dass ich recht bald in einem ähnlichen Konflikt bin.

Ein Punkt des Seminars war, Konflikte als etwas eher Natürliches wahrzunehmen. Wir müssen uns immer mal wieder aneinander reiben. Und daran kann jeder wachsen. Daran kann auch die Gruppe wachsen. Ja, damit man überhaupt gemeinsam wachsen kann, ist es mitunter von zentraler Bedeutung, dass Konflikte benannt und bewusst gemacht werden.

Was es braucht, sind konstruktive Wege, wie man mit Konflikten umgeht. Wie kann man sie als Chance begreifen und auch nutzen?

Im Seminar lernten wir ein Werkzeug kennen, das sogenannte Zwiegespräch. Konflikte neigen dazu, dass man sehr schnell in eine impulsive Dynamik hineinkommt, wo keiner mehr den anderen ausreden lässt. So verstehen wir nicht mehr wirklich, was das Anliegen des anderen ist. Auch passiert es schnell, in eine reine Verteidigungshaltung zu gehen. Dann ist man nicht mehr offen für den anderen.

Das Zwiegespräch schafft nun einen Rahmen, was dieser Tendenz entgegenwirkt. Wir haben es so praktiziert: Zwei Personen, die einen Konflikt haben, setzen sich gegenüber. Die Gruppe ist Zuschauer und kann nach dem Zwiegespräch Feedback geben. Beide Personen bekommen nun jeweils 3-4 Minuten, ihre Situation zu schildern. Hierbei achtet man darauf, in Ich-Botschaften zu sprechen und auch die Gefühle mit einzubeziehen. Wie erlebe ich den Konflikt? Was macht das mit mir? In der Zeit, wo der eine spricht, hört der andere nur zu. Er mischt sich in keiner Form ins Gespräch ein, auch nicht dann, wenn für ihn etwas unverständlich ist oder er Dinge anders sieht. All das spart er sich auf, bis er dran ist. Nach 4 Minuten wechselt dann die Rolle. Nun kann der andere seine Sicht erzählen. Man macht in der Regel mehrere Durchgänge. Auf das, was der andere gesagt hat, kann man natürlich resonieren. Aber auch hier wieder sollten es Ich-Botschaften sein.

Was passiert dadurch? Erstmal nimmt man sich mehr Zeit, um sich wirklich zu verstehen. Es passiert in der Regel aber noch mehr: Wir begegnen uns auf direkte Weise und fördern Einfühlung und Wertschätzung. Das kann die wohlwollende Beziehung stärken. Also im Sinne von "Ich höre dir zu. Du bist mir wichtig. Mich interessiert, wie du dich fühlst." und auch umgedreht "Ich spüre Wertschätzung. Mir wird zugehört. Ich werde gesehen und mit meiner Meinung wertgeschätzt."

Mit dem Zwiegespräch könnten wir an den Punkt kommen, Missverständnisse auszuräumen, den anderen in seinen Bedürfnissen besser zu verstehen, mehr Klarheit über die Situation zu erlangen und auch unsere Unterschiedlichkeit klarer herauszuarbeiten.

Solche Gespräche helfen auch, überhaupt erstmal ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir eben auch alle unterschiedlich sind. Andere Menschen haben andere Bedürfnisse und das ist gut so. Das braucht Toleranz und auch ein gegenseitiges Engagement: "Damit du dich hier wohlfühlen kannst, möchte ich mich auch für deine Bedürfnisse engagieren. Wenn auch du das für mich tust, fühlen wir beide uns wohl. Und das eröffnet uns so viele Möglichkeiten."

Das ist für mich die Kraft der Kooperation. Sich positiv mit anderen Menschen zu verbinden, kann so vieles möglich machen. Es lohnt sich, sich gemeinsam dafür zu engagieren.

-- Fred

Weblinks:

29.09.2017 :: Das Ungewisse

Für Angstmenschen ist das Ungewisse eine große Projektionsfläche für alles, was Angst macht. Das Ungewisse ist wie eine Bühne. Wir wissen ja nicht, was sein und werden wird. Dies Bühne füllt man deshalb mit Vorstellungen und bei Angstmenschen sind es überwiegend Katastrophengedanken. Von daher beunruhigt das Ungewisse immer wieder stark. Und deshalb sorgen Angstmenschen dafür, dass möglichst wenig Ungewissheiten in ihr Leben kommen.

Angstmenschen fürchten das Ungewisse.

Der Tod ist eines der ganz großen Themen für Ungewissheit. Und er betrifft jeden Menschen. Es gibt Psychotherapeuten, die sagen, dass jede Angst sich schlussendlich auf die Angst vor dem Tod zurückführen lässt. Und damit ist es die Angst vor dem Großen Ungewissen. Wenn ein Angstmensch eine absolute Sicherheit hätte, dass der Tod eine wunderschöne Angelegenheit ist, dann wären viele Ängste vielleicht überflüssig.

Bei sozialen Ängsten spielt die Ungewissheit auch ständig eine Rolle. Das ist vielleicht sogar das zentrale Thema, warum überhaupt soziale Ängste entstehen. Soziale Interaktionen sind nicht vorausplanbar und berechenbar. Uns überrascht sozusagen ständig etwas, was kurz davor noch ungewiss war. Und das Ungewisse bringt auch immer die Möglichkeit mit hinein, dass uns Schlimmes widerfahren kann. Auf die Idee, dass es auch richtig gut werden könnte, kommt ein angstgetriebener Mensch nicht. Die Angst sorgt dafür, dass man fast nur Negatives ahnt, was da auf einen zukommt.

Positive Erfahrungen alleine beeindrucken die Angst nur wenig

Da helfen auch nur wenig die vielen positiven Erfahrungen, die man vielleicht gemacht hat. Denn die Angst lässt sich ja nur schwer entkräften: Immer dann, wenn das Ungewisse in unser Leben kommt, besteht ja tatsächlich die Möglichkeit, dass die Angst mit ihren Vorstellungen recht haben könnte. Die Möglichkeit steht im Raum. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit recht gering ist, überzeugt das unser Angstzentrum nur wenig. Sicherheit scheint es in diesem Sinne nur zu geben, wenn Befürchtungen 100% ausgeschlossen werden können. Nur wo ist im Leben etwas 100% auszuschließen?

Es gibt keine hunderprozentige Sicherheit im Leben!

Wenn wir unter Menschen gehen, ist kaum eine Befürchtung 100% auszuschließen. Wir begeben uns vielmehr in einen Raum, in dem vieles möglich und einiges wahrscheinlich ist. Die 100% Lösung gibts nur in der Vermeidung. Wer nicht unter Menschen geht, vermeidet das zu 100%, was eben unter Menschen möglich wäre. Doch kann es wirklich Sinn machen, alles im Leben zu vermeiden? Und wie trostlos ist ein Leben, was nicht mit Inhalt gefüllt wird? Menschliche Kontakte scheinen zudem das zu sein, was richtig gelebt, etwas sehr erfüllendes sein kann.

Die Ungewissheit entsteht bei sozialen Ängsten auch dadurch, dass wir oftmals nicht wissen, was andere Menschen über uns denken und wie sie uns wahrnehmen. Auch führt die Angst dann auf der Bühne der Ungewissheit alle möglichen Befürchtungen auf. Doch wie viel hat dieses Schauspiel unserer Gedanken mit der Realität zu tun? Gewiss, das was die Angst uns da vorführt, ist oft genug vorstellbar und eine Möglichkeit. Aber eben auch nur eine Möglichkeit. Was ist mit den ganzen anderen Möglichkeiten, die vielleicht auch richtig gut sein können?

Leben heißt, das Risiko anzunehmen!

Das führt zu der Erkenntnis, dass der Wunsch unserer Angst nach hundertprozentiger Sicherheit unerfüllbar ist. Und vielleicht ist die Orientierung nach mehr Sicherheit völlig verkehrt. Gerade bei sozialen Änsten.

Das Ziel müsste eher lauten, seinen Frieden mit der Ungewissheit zu schließen. Wie können wir Meister darin werden, mit der Herausforderung Ungewissheit einen guten Umgang zu finden?

Jeder Mensch hat Angst.

Das zeigt natürlich auch, dass aus der Ungewissheit des Lebens resultiert, dass jeder Mensch auch Ängste kennt. Irgendwo hat jeder Mensch Bedrohliches erlebt. Und in dem Moment, wo eine Ungewissheit die Möglichkeit beinhaltet, dass das Bedrohliche sich ereignen könnte, taucht Angst auf. In der Regel auch schon dann, wenn die mögliche Bedrohung recht unwahrscheinlich ist.

Vertrauen ins Leben, Vertrauen in mich.

Vertrauen ist hier auch ein wichtiger Baustein. Wie können wir Vertrauen ins Leben entwickeln? Und Vertrauen darin, dass wir eine Situation schon meistern werden?

Hier spielt es eine große Rolle, dass wir einen realistischen Blick auf unsere Fähigkeiten haben. Glauben wir, eine Situation gut bewältigen zu können? Oder zweifeln wir ständig an uns selbst?

Auch der Aufbau neuer sozialer Fähigkeiten kann entlastend wirken. Je mehr wir in der Lage sind, unterschiedlichste soziale Situationen zu managen oder sogar zu genießen, um so gelassener können wir anderen Menschen begegnen.

Das Denken hat seine Grenzen!

Ungewissheit zeigt uns auch die Begrenztheit unseres Denkens auf. Das Denken kann uns in vielerlei Hinsicht nicht helfen. Doch viele sind es gewohnt, Probleme durch denken zu lösen. Es gibt noch eine andere Quelle für ein Stück Sicherheit, die wir uns erschließen können. Es ist die Intuition oder die Ahnung. Man könnte hier die These aufstellen, das ängstliche Menschen oft den Zugang zu dieser Ebene verloren haben. Der Verstand kann einem nicht die Sicherheit geben. Wir müssen aus einer tieferen Quelle ein Gefühl entwickeln, dass uns das Leben trägt. Wenn wir auf eine neue Weise in uns hineinlauschen, können wir neben der Angst vielleicht auch etwas entdecken, was intuitiv weiß, wie sich etwas entwickeln wird und was uns Mut macht, unser Leben zu leben.

-- Fred

20.09.2017 :: Neue Mitte statt Gegensatz

Ganz oft lässt sich ein Muster als menschliche Reaktion beobachten. Irgendetwas wird als schlecht erkannt und dann wird dieses Schlechte abgelehnt und das Gegenteil gemacht.

Ein Beispiel aus der Persönlichkeitsentwicklung las ich gerade in einem Buch. Derzeit sind achtsamkeitsbasierte Wege in Mode, was ich grundsätzlich gut und hilfreich finde. Beim Thema Achtsamkeit ist man dann sehr schnell bei dem Mantra "Lebe im Hier und Jetzt". Das meint, dass wir nicht ständig in Gedanken irgendwo anders sein sollen, weil das Leben ja eigentlich nur im Moment gelebt werden kann. Wenn wir ständig in Gedanken von Vergangenheit oder Zukunft gefangen sind, bekommen wir all das, was im Moment passiert, nicht mit.

Ich glaube auch daran, dass das Hier und Jetzt eine große Bedeutung hat und das es heilsam ist, viel öfter präsent im Moment zu sein.

Das Buch überzieht dies nun aber in meinen Augen. Hier wird jegliches Nachdenken über die Vergangenheit oder Zukunft als unnütze und schlechte Angewohnheit abgetan. Und darin sehe ich einen zentralen Fehler.

Auch hier findet sich oben beschriebenes Muster: Das Nachdenken über Vergangenheit oder Zukunft wird als schlecht erkannt und dann abgelehnt. Stattdessen soll man nur noch im Hier und Jetzt sein.

Ich glaube, dass die Fähigkeit des Menschen, über Vergangenheit und Zukunft nachdenken zu können, eine wunderbare evolutionäre Erweiterung des Bewusstseins ist. Etwas, was viele Tiere noch nicht oder nur sehr eingeschränkt können. Das Problem ist nicht, dass wir diese besondere Fähigkeit haben.

Es ist vielmehr so, dass jede Fähigkeit oder Möglichkeit immer auch eine Schattenseite hat: Sie kann sich ungünstig ausformen, so dass sie zu einem Problem wird. Oder wir können sehr einseitig werden und damit den Bogen überspannen.

Aber man muss eben auch die Sonnenseite sehen: Jede Fähigkeit und Möglichkeit kann uns bereichern. Wenn wir es hinbekommen, richtig damit umzugehen. Ja sogar noch mehr: Viele Fähigkeiten sind notwendig, damit wir zu einem guten Leben finden.

Insofern ist das Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft eine Bereicherung. Wir haben damit das Potenzial, die Vergangenheit nochmal in einer Weise aufzuarbeiten, dass wir sie besser loslassen oder annehmen können. Das ist sehr entlastend. Oder wir können aus der Vergangenheit etwas Wichtiges lernen.

Schauen wir in die Zukunft, können wir wichtige Dinge vorausplanen, was sehr nützlich ist. Wir können Visionen entwickeln, andere dafür begeistern und gemeinsam genügend Motivation entwickeln, wunderbare Ideen umzusetzen. Und selbst Zukunftssorgen können uns anspornen, das Richtige zu tun, um mögliche Gefahren in der Zukunft abzumildern oder zu umgehen. Zum Beispiel könnten wir früh damit beginnen, uns um Alternativen zur Rente Gedanken zu machen, weil diese recht wahrscheinlich gering ausfallen wird.

Oft ist es in diesem Sinne verkehrt, das abzulehnen, mit was man Probleme hat. Es ist fast immer die Einseitigkeit oder die falsche Nutzung einer Fähigkeit.

Sozial ängstliche Menschen leiden nicht selten darunter, sich überall zu stark unterzuordnen und zu viel Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen. Dann kippen sie im Laufe ihrer Entwicklung mitunter und werden dann sehr egoistisch. Sie leben dann die Idee "Der andere ist mir jetzt scheißegal!". Die Reaktion ist verständlich, aber hier finden wir wieder genau dieses Muster. Die Fähigkeit für Mitgefühl und Einfühlung wird nun völlig abgelehnt. Doch das funktioniert auch nicht, weil wir so ganz schnell in schwierige Konflikte mit anderen Menschen geraten. Auch wird die so wichtige Kooperation nicht mehr möglich, von der wir alle profitieren.

Auch hier muss es darum gehen, die richtige Balance wieder herzustellen. Natürlich ist es sinnvoll, ein gutes Einfühlungsvermögen zu haben. Und es ist auch wichtig, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen und uns dafür einzusetzen. Und hier muss man ansetzen: Das Eigene braucht mehr Beachtung und vor allem mehr Mut, sich auszudrücken.

Hier zeigt sich auch ein weitere wichtige Idee bei der Persönlichkeitsentwicklung: Es geht fast immer um Integration und nicht um Abspaltung. Wir müssen schauen, all unser Potenzial zu leben, anstatt schwierige Seiten von uns abzuspalten. Schwierige Seiten müssen verwandelt bzw. transformiert werden, damit wir sie uns nutzbar machen.

Das lässt sich auch auf Gruppen übertragen: Man könnte bei jedem Problem die Mitglieder ausschließen, die das Problem (scheinbar) verursacht haben. Oder man versteht sich als Gemeinschaft, wo jeder Einzelne Potenzial und Möglichkeiten in die Gruppe einbringt. Und man sucht gemeinsam nach Wegen, wie alle gut integriert sind. Man setzt sich mit den Widersprüchen auseinander, die im Miteinander auftauchen.

Wenn man auf diese Weise in der Gruppe übt, Störendes zu integrieren anstatt abzuspalten, wird das recht wahrscheinlich auch zurückwirken auf den Umgang mit sich selbst. Man wird lernen, das innere Team zu integrieren. Denn jede Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen ist problematisch. Es braucht viel Kraft und man wird ärmer dadurch. Man verliert auch wichtige Teile in sich, die dafür sorgen, sich optimal auszubalancieren und fällt nicht selten in eine immer stärker werdende Einseitigkeit.

Ich denke, genau das ist wichtig: Das Problematische möglichst wertfrei zu erkennen und klar zu benennen. Um es dann zu transformieren in einer Form, die dem Ganzen dient.

Das ist auch das, was mit Mitte gemeint ist. Die Mitte ist eine integrierende Kraft, die alles berücksichtigt und die um ein gutes Ganzes ringt.

-- Fred

13.09.2017 :: Intuitive Persönlichkeitentwicklung

Persönlichkeitsentwicklung kann man sehr rational und strukturiert angehen. Es gibt zahlreiche Therapie- und Coachingmethoden, die so funktionieren. Man analysiert genau und definiert dann, was man in welcher Art verändern möchte. Diese Methode erscheint mir zweifellos nützlich. Damit ist man in der Lage, zahlreiche persönliche Schwierigkeiten zu lösen oder Entwicklungsprozesse anzustoßen.

Da gibt es aber noch einen ganz anderen Zugang, der über das intuitive Verständnis abläuft. Und ich glaube, dass wir auch diesen brauchen. Denn mir scheint es so, dass es viele Probleme gibt, die man nur über diesen intuitiven Zugang gelöst bekommt.

Der intuitive Zugang ist in der Regel ein unscharfer Zugang, was rationale Menschen oft schwer annehmen können. Das Rationale mag das, was man klar definieren und benennen kann. Insofern werden dann die intuitiv-unscharfen Zugänge schnell abgewertet, belächelt und als unnütz bewertet.

Menschen die auch in anderen Bereichen intuitiv arbeiten, tun sich hier leichter. Künstler zum Beispiel oder spirituell offene Menschen. Oder Menschen, die viel mit Menschen arbeiten. Denn auch in der menschlichen Kommunikation ist diese intuitive Ebene sehr bedeutsam.

Ein Beispiel für so eine intuitive Arbeitsweise habe ich in einer Klinik mal kennengelernt. Es war eine Meditation, in der wir erstmal für 15 Minuten nur auf den Atem geachtet haben. Dies diente der Beruhigung des Geistes. Wenn der Geist sich beruhigt, kann sich das intuitive Gewahrsein öffnen. Das kennen wir ja auch aus dem Alltag: Wenn man mit allen möglichen Alltagsproblemen belastet ist, kann man schwer seinen kreativen Geist erwecken. Deshalb ziehen sich z.B. Schriftsteller in die Stille zurück, um Freiraum im Kopf zu schaffen.

Nach dieser Phase des inneren Stillwerdens ging es darum, ein Thema auf sich wirken zu lassen. So ein Thema könnte z.B sein: "Was in mir möchte fließen?" Das an sich ist schon eine eher schwammige Frage, mit der unser analytischer Geist wenig anfangen kann. Und doch gibt es auch einen intuitiven Geist, der damit viel anfangen kann. Er kann auf einer ganz anderen Ebene nachspüren und findet antworten. Dieser intuitive Geist nimmt eher ganzheitlich wahr und Erkenntnisse entstehen unmittelbar, nicht schrittweise. Auf einmal wird uns etwas klar.

Es geht hier nicht um nachdenken, es geht eher um gewahr werden, was auftaucht, wenn ich diese Frage auf mich wirken lasse. Oft wirken solche Fragen auch noch nach - man nimmt sie aus so einer Übung in den Tag oder in die Woche hinein.

Auch wenn die eigentliche Suche nach Antwort hier intuitiv abläuft, kann man den Sinn dahinter rational erklären. Schaut man sich an, was bei psychischen Deformationen, Neurosen oder Kränkungen passiert, dann ist es ganz oft eine Blockade. Wir halten innerlich irgendwie fest, um uns zu schützen. Das, was vorher natürlich in uns in Bewegung war, ist nun blockiert. Wenn Menschen in sich hineinspüren, können sie das so erleben. Und so kann es ein unmittelbarer Zugang sein, einfach mal zu schauen, woran man festhält, was nicht weich und durchlässig in einem ist.

Es gibt Therapeuten, die viel mit solchen intuitiven Zugängen arbeiten. Wir hatten mal eine Therapeutin eingeladen, die viel mit Bildern arbeitete. Sie hatte zahlreiche Fotos dabei und jeder sollte erzählen, was ein Bild bei ihm auslöst. Es ging ihr eher um Stimmungen, Erlebnisse und Erfahrungen, die dabei auftauchten. So kann ein Bild sehr viel über den Menschen erzählen, der es betrachtet. Und daraus können dann wieder Impulse entstehen, wo man mal genauer hinschauen kann, weil dort innere Verhärtung oder Deformation spürbar wird.

Schlussendlich gehts ja darum, innerlich wieder gut in Fluss zu kommen. Die Verhärtungen hinter sich zu lassen, die durch schwierige Lebenserfahrungen entstanden. Nicht immer ist das möglich, aber zumindest kann man einen Umgang damit finden, sobald es einem bewusst wird.

Intuitiv und rational - beides erscheint mir wichtig. Das Eine kann das Andere nicht ersetzen. Persönliche Auseinandersetzung und Veränderung erscheint mir sowieso oft so anspruchsvoll, dass wir es uns gar nicht leisten können, auf mögliche Zugänge zu verzichten.

-- Fred

12.09.2017 :: Angst verengt und hungert aus

Die Angst ist die mahnende Stimme, die uns zur Vorsicht auffordert. Sie ist immer dann zur Stelle, wenn unser Organismus irgendetwas Gefährliches erspürt. Oft kann etwas in uns schon sehr viel früh Gefahren spüren. Noch weit bevor es uns klar und bewusst wird. Wir brauchen in diesem Sinne nichts zu tun, die Angst stellt sich von alleine ein.

Vieles auf dieser Welt ist in der Tat gefährlich. Einiges bedroht uns körperlich, einiges kann uns emotional verletzen. Wenn man schon einmal stark bedrohliche Situationen erlebt hat, dann ist unser Angstzentrum in diesem Bereich stärker aktiviert bzw. sensibilisiert. Es ahnt dann viel früher schon Gefahren und meldet sich mit Angst. Wer z.B. schon einmal schweres Mobbing erlebt hat, achtet auf kleinste Anzeichen von abwertenden Aussagen und interpretiert hier vielleicht mehr hinein, also real gemeint war. Wir werden in dieser Hinsicht dann besonders sensibel, dünnhäutig und vorausahnend.

Die Angst ist hier auch sehr umfassend: Wenn die kleinsten Anzeichen auf die Möglichkeit einer Bedrohung hindeuten, alarmiert uns unser Organismus mit Angst.

Eigentlich ist das ein sehr intelligenter und sinnvoller Mechanismus. So organisiert sich unser Organismus, um mögliche Gefahren abzuwehren. Wir Menschen sind sehr universell und flexibel und müssen uns immer wieder auf die aktuellen Gegebenheiten anpassen. Wir können so für spezielle Gefahren unserer Zeit oder unserer Umwelt sensibel werden und uns schützen.

Gedanklich können wir vieles vorwegnehmen. Wenn die Angst uns hat, gehen die Gedanken in die Richtung, was alles passieren könnte. Und hier ist wirklich ganz viel vorstellbar. Fast alles auf dieser Welt kann sich auf eine Weise ausformen, dass es gefährlich für uns wird. Jedes Auto könnte z.B. zu einer tödlichen Begegnung werden. In diesem Sinne dürfte man weder Auto fahren, noch sich überhaupt in der Nähe von Straßen aufhalten.

Das macht auch recht schnell klar: Wir können nicht ohne Risiko leben. Wir müssen immer wieder Risiken im Leben eingehen, wenn wir wirklich leben wollen.

Die Angstseite in uns sieht nur die Gefahr. Doch da gibt es noch etwas anderes, was genauso Bedeutung hat: Wir brauchen ganz viel im Leben. Vor allem dann, wenn es ein erfülltes Leben werden soll. Wir brauchen spannende Erfahrungen, den Kontakt mit anderen Menschen, Nähe und Verbundenheit oder Herausforderungen, wo wir uns voll hineingeben können.

Wer nur auf die Angstseite hört, schützt sich zwar vor vielen möglichen Gefahren. Aber sein Leben wird immer enger und inhaltsloser. Immer weniger wird möglich. Und das hungert uns aus. Viele Bedürfnisse finden keine Erfüllung mehr. Und die Freiheit der Möglichkeiten geht verloren. Je starrer bzw. unflexibler wir werden, um so schwieriger wird auch der Kontakt mit anderen Menschen. Denn unsere Starrheit überträgt sich auch auf andere. So fühlen sich andere durch meine Starrheit in ihrem Handeln eingeschränkt, was zu Spannungen führt. Denn auch Freiheit und Flexibilität ist ein wichtiges Grundbedürfnis. Die andere brauchen ja genauso, um Erfüllung zu finden.

In diesem Sinne wird das Leben nur gut, wenn wir bereit sind, Risiken einzugehen. Auch auf die Gefahr hin, dass es mal schief geht. Hier wäre dann eher die Frage: Was kann ich tun, dass es nicht so schmerzt, wenn es schief geht? Wie könnte ich kalkulierbare Risiken eingehen?

Einerseits kann ich hier schauen, wohl dosiert in kleinere Risiken hineinzugehen. Andererseits kann ich aber auch lernen, einen Umgang mit schwierigen Situationen zu finden. Gerade die vielen Situationen, die wir emotional als belastend empfinden, können wir so entschärfen.

Ein Beispiel: Jemand findet es extrem bedrohlich, wenn er in einem Vortrag einen Blackout hat. Real wird ihm dafür nicht der Kopf abgerissen, aber er empfindet es als stark schambelastet. Vor allem aber ist es diese Hilflosigkeit in der Situation, die es so schwierig macht. Wenn man hingegen lernt, auch eine Blackout-Situation souverän zu meistern, fühlt sich so eine Situation nicht mehr bedrohlich an und ist es auch nicht mehr. Wir haben etwas für uns getan, was eine frühere Bedrohung völlig entschärft. Und so geht das mit ganz vielen Situationen, die wir früher noch als extrem gefährlich erlebt haben.

Der Weg aus überzogenen Ängsten heraus kann eigentlich immer nur sein, sich wieder in das hineinzutrauen, was man als beängstigend empfindet. Bewusst kalkulierbare Risiken einzugehen. Zu lernen, mit Risiken umzugehen. Erkennen, was man im Leben braucht, um emotional satt zu werden und sich darum kümmern, dieses Land wieder für sich zu erschließen.

-- Fred

23.08.2017 :: Therapie statt Medikamente

Psychotherapeut und Psychotherapieforscher Falk Leichsenring rät bei sozialen Ängsten zu einer Psychotherapie und von Medikamenten ab. Sein Hauptargument dabei: Durch Medikamente verbessert man die Situation leicht, womit man die wirkliche Behandlung verschleppt. Und eine dauerhafte Lösung sind sie für ihn eh nicht. Nach dem Absetzen würden die gleichen Probleme wieder auftauchen.

Dem könnte man entgegenhalten, dass Betroffene durch Medikamente erstmal in die Lage versetzt werden, schwierige Situationen auszuhalten. So können Sie sich in Übungssituationen begeben, die sie sich früher nicht getraut haben. Und diese Übungseffekte bleiben auch nach dem Absetzen der Medikamente erhalten. Die Frage wäre dann eher, ob jemand dann auch üben wird, wenn er etwas Erleichterung durch ein Medikament erfahren hat.

Es gibt in der Fachwelt seit vielen Jahren die etablierte Meinung, dass bei einer sozialen Phobie nicht einseitig mit Medikamenten gearbeitet werden sollte. Wenn überhaupt, dann begleitend zu einer Therapie. Das erscheint mir besonders dann sinnvoll, wenn man selbst in der Vermeidung festhängt und Veränderungsimpulse von außen braucht.

Weblinks

-- Fred

18.08.2017 :: Millionen für Selbsthilfeförderung

In den letzten Jahren gab es eine recht positive Entwicklung, was die finanzielle Förderung der Selbsthilfelandschaft angeht. Zumindest profitieren davon alle Selbsthilfegruppen, die gesundheitsbezogen sind. Die Krankenkassen sind nämlich seit 2008 dazu gesetzlich verpflichtet, mit einem bestimmten Betrag die gesundheitsbezogene Selbsthilfe zu unterstützen. Gesundheitsbezogen sind alle Gruppen, deren Thema eine Erkrankung ist.

Konkret waren es 2017 1,08 Euro pro Versicherten. Bei rund 71 Millionen gesetzlich Versicherten macht das rund 77 Millionen Euro. Damit kann man schon was bewegen.

In NRW waren es dieses Jahr 4,6 Millionen Euro, die verteilt wurden. 3,1 Millionen gingen davon an Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfebüros. Das sind ja die zentralen Anlaufstellen, wo sich Bürger hinwenden können, wenn sie eine Selbsthilfegruppe suchen. Kontakstellen engagieren sich auch um die Entwicklung der Selbsthilfelandschaft in der Region auf unterschiedlichsten Ebenen. Oder sie organisieren Fortbildungsveranstaltungen für Selbsthilfegruppen. Die Arbeit der Kontaktstelle war für uns auch immer wieder sehr wertvoll.

Die restlichen 1,5 Millionen Euro gingen dann direkt an die Selbsthilfegruppen, kommen also dort an, wo die eigentliche Gruppenarbeit stattfindet.

Wofür brauchen Selbsthilfegruppen überhaupt Gelder? Bei uns ist der größte Posten die Raummiete. Jährlich geben wir dafür etwa 1500 Euro aus. Dann gibt es den Bereich Gruppenmaterialien, also alles, was uns darin unterstützt, unsere Gruppenarbeit zu machen. Auch Buchanschaffungen gehören dazu. Für Werbung brauchts auch immer ein kleines Budget, um z.B. mal neue Flyer zu drucken. Ein wenig Büromaterialkosten fallen an, z.B. Papier oder Druckpatronen. Manchmal müssen wir auch ein etwas teureres Gerät kaufen. So konnten wir z.B. vor 4 Jahren einen Laptop und einen Beamer kaufen, der uns bei verschiedenen Gruppenangeboten unterstützt. Solche größeren Posten kommen aber relativ selten vor.

Ein wichtiger Teil ist auch noch der Kompetenzaufbau. Hier machen Mitglieder Workshops, um mit dem erworbenen Wissen die Gruppe zu unterstützen. In der Regel sind es relativ preisgünstige oder geförderte Workshops. So gibt es z.B. für 20 Euro pro Person mehrere Tages-Workshops der Kontaktstelle im Jahr.

Ach ja, dann sind da auch noch ein paar Kosten für Internetdienstleistungen, z.B. diese Homepage hier. Das wars dann aber auch schon. Vielmehr taucht für das normale Alltagsgeschäft auf unserer Kostenseite nicht auf.

Es gibt auch die Möglichkeit, zu konkreten außergewöhnlichen Projekten spezielle Gelder zu beantragen. Je nach Interesse und Engagement der Mitglieder nutzen wir diese Möglichkeit. Dann organisieren wir z.B. einen professionell geleiteten Workshop über mehrere Abende, der dann auch durchaus mal 500-1000 Euro Gesamtkosten verursachen kann. Jeder leistet hier auch einen Eigenanteil, aber in der Regel bekommen wir über 2/3 der Kosten über Fördergelder finanziert.

Alles in allem ist das eine wirklich komfortable Situation für uns, dass wir auf diese Weise unterstützt werden.

Weblinks:

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