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31.01.12 :: Abgrenzung

Probleme mit Abgrenzung treten bei Menschen mit sozialen Ängsten öfters auf. Als Mensch sind wir ein hochkomplexer Organismus, der sich immer wieder ausbalancieren muss. Wir haben ein Sensorium dafür, uns in Balance zu halten. Wir spüren, wenn etwas zu viel wird oder wenn irgendwo ein Mangel entsteht. Leben ist ein ständiges ausbalancieren, damit wir in unserer Mitte bleiben. Stark außerhalb dieser Mitte werden die Bedingungen schwierig, es tut uns nicht gut.

Abgrenzung ist ein Mittel, uns vor dem zu schützen, was uns nicht gut tut. Wenn z.B. jemand schon 5 Minuten auf uns einredet, ohne das wir mal selber zu Wort kommen, dann braucht es eine Abgrenzung. Dann geht es darum, dem anderen klar zu machen, dass er genug gesprochen hat und man selber zu Wort kommen möchte.

Abgrenzung greift in das Geschehen ein und übernimmt damit eine steuernde Funktion. Oft ist auch das Wort Begrenzung passender - man begrenzt z.B. jemanden in der Redezeit. Maßloses können wir nicht verdauen und bringt uns aus dem Gleichgewicht. Von daher braucht alles ein rechtes Maß und bei zu großen Abweichungen müssen wir aktiv werden.

Das ist der zentrale Punkt: Für Begrenzung und Abgrenzung muss man aktiv werden. Dem anderen klar machen, dass es jetzt reicht, das es genug ist oder das es jetzt etwas anderes braucht. Dafür braucht es auch immer wieder Durchsetzungskraft und eine Deutlichkeit in der Kommunikation. Gleichzeitig aber auch die richtigen Worte, damit der andere sich nicht verletzt oder abgelehnt fühlt.

Abgrenzung fällt deshalb oft so schwer, weil es die Beziehung zu einem anderen Menschen betrifft. Der andere könnte ärgerlich oder sauer auf uns werden. Oder er könnte aggressiv reagieren. Es wird immer wieder Konfliktsituationen geben, weil wir andere Bedürfnisse haben. Was dem einen schon lange zu viel ist, reicht dem anderen noch nicht. Wenn wir beginnen, uns mehr für unsere Bedürfnisse und unser Gleichgewicht einzusetzen, riskieren wir gleichzeitig, das mehr Konflikte entstehen und diese gemanagt werden müssen.

Doch was ist die Alternative? Die Lösung, unter der viele so stark leiden, ist die eigene Aufopferung. Man macht dann vieles mit, was einem eigentlich zu viel wird oder was nicht passend ist. Und je mehr man sich so vernachlässigt und sich etwas zumutet, was nicht gut ist, um so heftiger werden die Reaktionen des eigenen Organismus ausfallen. In der Selbsthilfegruppe berichten z.B. einige, dass sie Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen bekommen. Oder es entwickeln sich weit im Vorfeld Ängste vor Situationen, wo man sich überfordert fühlt. Mitunter ist man an manchen Punkten wund gerieben, so dass man sofort heftig auf Menschen reagiert, die bestimmte Angewohnheiten haben, die uns krank machen.

Die Folge von all dem kann dann immer mehr die Vermeidung sein - man zieht sich zurück in seine Welt, leidet dann aber wieder unter Einsamkeit und einem Mangel an guten sozialen Kontakten.

Viele Ängste entstehen auch nur deshalb, weil wir nicht gelernt haben, uns hinreichend um unsere Bedürfnisse zu kümmern! Angst ist in diesem Sinne ein starkes Signal, dass wir uns nicht ausbalancieren.

Wir können in vielen Fällen etwas für uns tun. Der Möglichkeitsraum, gut für uns zu sorgen, ist fast nie vollständig ausgeschöpft. Da gibt es eine Menge, was man lernen kann, um Einfluss auf die Umwelt und die Mitmenschen zu nehmen. Wir müssen unseren Einfluss geltend machen, damit wir nicht zugrunde gehen. Und damit wir uns eine Offenheit für andere bewahren.

Es ist übrigens nicht immer nur die Begrenzung und Abgrenzung. Es ist auch das aktive Gestalten in eine Richtung, die uns gut tut. Wenn wir uns z.B. von jemandem genervt fühlen, weil er schon 10 Minuten über ein für uns langweiliges Thema spricht, dann können wir auch spontan auf ein anderes Thema wechseln. Damit gestaltet man das Gespräch in eine Richtung, mit der es einem besser geht.

Wenn Menschen leiden, velieren sie oft die Fähigkeit, kreativ mit belastenden Situationen umzugehen. Von daher ist es wichtig, sich wieder daran zu erinnern, dass man ein schöpferisches Wesen ist, was Ideen verwirklichen kann. Nach belastenden Situationen kann man auch nochmal darüber nachdenken, um bessere Lösungen für die Zukunft zu finden, die man dann in der Praxis erprobt.

Selbsthilfegruppen sind auch ein Übungsfeld, um neue Ideen in Sachen Abgrenzung zu erlernen. Das geht schon bei so ganz kleinen Dingen los: Da schlägt jemand in der Gruppe eine Freizeitaktivität vor, an der man eigentlich nicht teilnehmen möchte. Die gewohnte Reaktion ist vielleicht, dass man nett lächelnd zustimmt, aber dann doch nicht kommt. Jetzt könnte man ausprobieren, sofort mitzuteilen, dass man nicht daran teilnehmen wird. Und man kann etwas über die Gefühle mitteilen, was es in einem auslöst. Gleichzeitig lernt man das Gefühl auszuhalten, mal nicht im Sinne eines anderen zu agieren. Wenn man das nicht gewohnt ist, ist das für viele eine ganz große Herausforderung.

Mitunter ist es auch gut, die anderen in der Gruppe einzuweihen, wenn man bestimmte Abgrenzungen in der nächsten Zeit üben will. Das kann zu mehr Verständnis bei den anderen führen, die einen dann auch darin unterstützen können. Gleichzeitig offenbart dies, dass da jemand am Üben ist, was auch andere motiviert, dem nachzueifern. So kann in einer Gruppe ein richtiges Wachstumsklima entstehen, in dem man mitgezogen wird. Sehr intensiv habe ich das mal in einer Klinik erlebt, in der wir uns alle täglich in vielen Situationen motiviert haben.

-- Fred

24.01.12 :: Wie Menschen etwas sagen und wie du darauf reagierst

Was ein Mensch sagt, ist das eine. Doch in dem, wie jemand etwas sagt, steckt oft viel mehr Botschaft. Vor allem sind es Botschaften der Beziehungsebene. Botschaften, wie der andere zu mir steht: Ob er mich mag, ob er mich ablehnt, ob er mich wert- oder geringschätzt. Und genau auf dieser Ebene sind sozial ängstliche Menschen oft sehr sensibel, weil sie auf dieser Ebene verletzt wurden.

Ich lade dich ein zu einer Achtsamkeitsübung: Beobachte einfach mal, wie Menschen in unterschiedlichsten Zusammenhängen des Alltags etwas zu dir sagen. Und dann werde dir gewahr, wie du darauf innerlich reagierst. Was macht es mit dir, wenn du etwas als Abwertung deutest? Wie fühlst du dich, wenn dich jemand wertschätzt? Kurzum, welche unterschwelligen Botschaften hörst du und was lösen diese in dir aus?

Wie man auf unterschwellige Botschaften reagiert, kann man verändern. Oft sind wir konditioniert: Jemand wertet uns ab und wir fühlen uns klein und schlecht. Doch das muss nicht so bleiben. Wir können uns lösen von solchen Konditionierungen. Jemand kann uns dann abwerten, aber die Reaktion ist nun eine andere. Man bewahrt in sich z.B. ein Gefühl von "Ich bin in Ordnung." und fragt sich eher: "Was hat mein Gegenüber für eine Schwierigkeit mit mir?". Ist erstmal die alte Konditionierung ein Stück weit aufgelöst, erkennt man ganz oft, dass entwertende Anwandlungen des anderen eher nichts mit mir persönlich zu tun haben. Auch mit einem anderen wäre er genauso umgegangen. Eine Frustration des anderen wird spürbar, er ist mit sich nicht im Reinen. Eine Aufgabe, die der andere für sich lösen muss, die er aber jetzt auf uns projeziert.

Entwertendes beim anderen zu lassen und nicht auf sich zu beziehen, ist eine wichtige Übung. Im Grunde ist es nie stimmig, wenn andere uns entwerten. Der Wert eines jeden ist unantastbar und steht nicht zur Debatte. Was in Ordnung ist, wenn andere sich über mein Verhalten ärgern oder es ihnen nicht gefällt. Aber auch hier kann man dies oft beim anderen lassen. Ich bin nicht auf der Welt, um im Sinne der anderen zu leben. Meins, was ich denke und fühle, hat die gleiche Bedeutung. Man kann Verständnis für den Ärger anderer entwickeln und muss sich trotzdem nicht ändern, wenn es nach Prüfung der Umstände nicht der eigenen Vorstellung entspricht.

Menschen, die sich von diesen alten Konditionierungen gelöst haben, können gelassener mit Angriffen umgehen. Sie sind flexibler in ihrer Reaktion. Sie können sich in den anderen einfühlen, können ihren Standpunkt nochmal deutlich machen oder diplomatisch eine Meinungsverschiedenheit schlichten.

-- Fred

21.01.12 :: Das Interessante erwarten

Angsterwartungen sind ein großes Problem. Wer einmal in einer bestimmten Situation eine schlechte Erfahrung gemacht hat, reaktiviert zukünftig in ähnlichen Situationen immer wieder diese Angsterwartung. Das läuft ganz automatisch ab. Bei sozialen Ängsten sind es die sozialen Situationen. Wenn das Befürchtete nicht eintritt, ist man zwar erleichtert, aber trotzdem gab es zuvor die Angst und die Anspannung. Und beim nächsten mal wird es wieder das Selbe sein. Meist sind es Situationen die wenig voraussehbar sind, z.B. wenn ein Gespräch mit einem fremden Menschen beginnt. Man kennt diesen Menschen noch nicht, man weiß nicht, wie sich das Gespräch entwickelt oder ob es sich überhaupt entwickelt.

Dabei gibt es eigentlich in diesen Situationen auch die andere Möglichkeit: Das es spannend und interessant wird. Menschen, die nicht mit einer Angsterfahrung in einer bestimmten Situation belastet sind, zeigen uns dies: Sie sind offen, neugierig und interessiert. Sie haben eine Lust daran, das Neue kennenzulernen. Und in der Tat ist das auch für den angstbelasteten Menschen eine Alternative.

Man steigt sozusagen mal aus der gewohnten Angstreaktion aus und versucht einmal, sich auf den spannenden und interessanten Aspekt zu konzentrieren, den eine solche Situation auch mit sich bringen kann. Man versucht, neugierig, interessiert und offen zu sein. Klar gelingt das nicht sofort völlig zwanglos. Aber man kann schon einen kleinen Geschmack davon bekommen, was gemeint ist und wie man die gleiche Situation auch erleben könnte. Und wenn man dies regelmäßig übt, kann sich diese Erlebens-Alternative immer mehr etablieren und zur Gewohnheit werden.

Angst ist eine starke Kraft, die uns in ein bestimmtes Erleben hineinzieht. Und doch kann man durch bewusste Konzentration seine Kräfte und seine Aufmerksamkeit auch in eine andere Richtung lenken. Bewusstheit ist wichtig, damit einem überhaupt auffällt, was gerade für Angstmuster ablaufen, um dann im Augenblick auch eine Alternative in sich abzurufen. Es braucht ja eine bewusste Entscheidung, jetzt im Moment mal etwas anderes zu versuchen.

So kann es mit der Zeit durchaus gelingen, dass unangenehme Situationen, die man sonst immer gemieden hat, auf einmal einen attraktiven und interessanten Charakter bekommen - etwas, wonach man sucht und was man gerne möchte.

-- Fred

19.01.12 :: Riskier mal was!

Bei manchen Betroffenen fällt mir eine Übervorsichtigkeit im Leben auf. Sie gehen keinerlei Risiko ein. Jedes Risiko wird als bedrohlich empfunden und muss nach Möglichkeit vermieden werden.

Es kann sein, dass es persönliche Erfahrungen gibt, dass ein Risiko, welches man einging, gehörig schief lief und mit großem Schmerz oder existenzieller Bedrohung verbunden war. In der Folge wurde es zur Angewohnheit, sich vor allem zu schützen, was einen unklaren Ausgang hat.

Andere haben eher solch ein Verhalten von den Bezugspersonen übernommen. Diese Übernahme läuft in großen Teilen unbewusst. Man erlebt seine Eltern in vielen Situationen, wo es um Risiko geht, als übervorsichtig und vermeidend. Das können auch ganz subtile Signale sein, die man als Kind aber als sehr bedeutsam versteht. In der Folge verhält man sich genauso. Vielleicht ist diese Fähigkeit, Angst der Eltern zu übernehmen, eine wichtige Überlebensstrategie in der Geschichte der Menschheit gewesen. Die Eltern geben so ihr "Gefahrenwissen" tagtäglich an ihre Kinder weiter, die dann vor diesen Gefahren auch in ihrem späteren Leben geschützt sind, weil sie die gleichen Vermeidungsmuster ausgebildet haben. Oft ist uns wenig bewusst, wie viele Vermeidungsmuster wir eigentlich leben.

Zur Risikovemeidung gehört ganz klar auch eine haltgebende Struktur. Menschen, die Risiken vermeiden, leben in festen Ritualen und sind in vielen Punkte unflexibel. Sie brauchen ihre Gewohnheit und wenn das Leben sie aus diesen Gewohnheiten herausschleudert, entstehen große Ängste und Unwohlsein. Sie mögen keine Spontanität.

Hier gibt es auch einen direkten Zusammenhang zur Sozialphobie: Gewohnte Menschen stellen ein Teil ihrer festen Struktur dar. Am besten, diese Menschen verhalten sich auch vorausberechenbar. Neue Menschen hingegen und neue soziale Situationen sind beunruhigend, weil das wieder Risiko bedeutet. Man weiß nicht, was passieren wird, man kann es nicht kalkulieren und das verunsichert.

Das große Problem mit Risikovermeidung ist, das das Leben sehr eng wird. Viel enger, als es eigentlich sein müsste. Man baut sich so sein eigenes Gefängnis.

Im Leben braucht es auch immer wieder eine befreiende Kraft. Sich aus den Grenzen, in denen man lebt, zu befreien. Die Grenzen immer mal wieder zu konfrontieren und zu schauen, ob sie noch gültig sind. Es geht sozusagen darum, immer wieder seine Grenzen zu weiten. Um sich Lebensraum zu erschließen. Freiheit und Lebensraum können unglaublich erquickende Gefühle in einem auslösen. Wer mehrfach so eine Erfahrung gemacht hat, sich einem Risiko zu stellen und gewonnen zu haben, bekommt Lust und Energie, es wieder und wieder zu tun. Das erklärt auch, warum so viele Menschen jede Menge Strapazen und Ungewissheit auf sich nehmen, weil sie etwas an Freiheit und Lebensraum gewinnen wollen. Sie wollen sich nicht mit den Grenzen zufrieden geben, in denen sie jetzt noch leben. Mir erscheint dies eine natürliche, in uns angelegte Triebkraft, uns immer wieder zu weiten.

Deshalb erscheint es mir als Krankheitsbewältigung bei Ängsten und Phobien wichtig, sich immer wieder Risiken im Leben zu suchen, die man bewusst eingeht. Und das geht schon bei ganz kleinen Dingen los. Gerade die kleinen Dinge sind gute Übungsfelder, weil es noch gut zu ertragen ist, wenn es schief geht.

In der Selbstilfegruppe kann das bedeuten, einfach mal drauf los zu quatschen, ohne jedes Wort vorher genau geprüft zu haben. Mal spontan zu sein, auch wenn nicht immer wohl überlegte Dinge dabei entstehen. Mal ein Gefühl äußern, ohne sich erst eine Erlaubnis vom Verstand zu holen.

Im Geschäft kann man einfach mal einen Verkäufer anquatschen, ohne schon genau zu wissen, was man eigentlich will.

Wenn man es schafft, diese Lust am Risiko wieder in sich aufzubauen, wird die Erweiterung seines Lebensraumes zu einem Selbstläufer. Der Verstand kann einem helfen, Risiken im Vorfeld abzuschätzen, um sich dosiert und nicht leichtsinnig in Risiken hineinzubegeben. Es braucht die richtige Ausbalancierung zwischen Schutz und Freiheit.

Die Lust am Risiko verändert auch die Außenwirkung und die Beziehung zu anderen Menschen. Interessant wird es immer dann, wenn Neues im Kontakt entsteht. Wenn man seine gewohnten Bahnen verlässt. Dann entsteht lustvoller Kontakt.

-- Fred

17.01.12 :: Lied der Woche

The Police - SO LONELY

So einsam, so einsam...

11.01.12 :: Infomedium VSSPS Ausgabe 5

Im Infomedium 5 des VSSPS geht es diesmal um Krisen in der Selbsthilfegruppe. Teilnehmer aus Berliner- und Brandenburger-Selbsthilfegruppen nehmen dazu Stellung.

Weiterhin gibt es die Auswertung einer Umfrage über Symptome, Therapie und Selbsthilfe bei Sozialphobie.

Hier der Link zum Infomedium:

09.01.12 :: Konträre Themen für Gruppendiskussion

Eine gute Übung für Sozialphobie-Selbsthilfegruppen ist das Üben von Gruppendiskussionen. Das Ziel ist, dass sich jeder genügend mit seiner Meinung einbringt. Es ist also ein Übungsfeld, wo man bewusst gegen seine Angewohnheit, nur Beobachter des Gruppengeschehens zu sein, angeht.

Für solche Diskussionen eignen sich aktuelle Themen gut, die konträr diskutiert werden. Derzeit ist es die Diskussion über unseren Bundespräsidenten Christian Wulff. Das Thema ist in der öffentlichen Wahrnehmung gerade so angeheizt und berührt einen vielleicht auch persönlich in vielerlei Hinsicht emotional, so dass eine Diskussion darüber leichter fällt.

Günstig ist es in solchen Diskussionen, wenn es einen Beobachter in der Gruppe gibt, der diejenigen in das Gespräch hineinholt, die längere Zeit nichts gesagt haben. Wobei man hier aber auch aufpassen muss: Das langfristige Ziel ist, selber ohne Hilfe ins Gespräch zu kommen. Es kann nämlich auch wieder schnell eine Angewohnheit daraus werden, immer darauf zu warten, bis man angesprochen wird. Man kann hier nach einer Diskussion nochmal darüber reflektieren, wie es gelingt, dass jeder selbstständig in eine Diskussion hineinkommt.

-- Fred

05.01.12 :: Unkontrolliert reden

Was hält Menschen eigentlich davon ab, in einer Gruppe munter drauf los zu reden? Oft sind es frühe Erfahrungen, dass es mit dem Drauflosreden unangenehm wurde. Mitunter sehr schmerzlich, peinlich oder beschämend.

Kinder sind sehr verletzlich, wenn sie mit ihrer Art der Kommunikation eine Bauchlandung machen. Werden sie dann nicht genügend aufgefangen und ermuntert, vermeiden sie mehr und mehr die Kommunikation. Und es entsteht eine innere Kontroll-Instanz. Auf der einen Seite der spontane Impuls, sich in ein Gespräch einmischen zu wollen, auf der anderen Seite die Kontroll-Instanz, die diesen Impuls ausbremst und blockiert. Herausgelassen wird nur noch das, was von dieser Kontroll-Instanz als ungefährlich bewertet wurde. Weil diese Bewertung Zeit braucht, geht die natürliche Spontanität verloren, alles kommt wohlüberlegt und zeitversetzt. Vieles kommt auch gar nicht, weil es als gefährlich eingestuft und blockiert wird.

Menschliche Interaktion ist sehr komplex. Selbst sehr geschulte Menschen ecken auch immer mal wieder an und geraten in Situationen, die man im Nachhinein als unpassend oder ungeschickt bezeichnen könnte. Schüchterne Menschen unterdrücken von vornherein alles, womit man evtl. anecken könnte und vermeiden damit solche Situationen. Sie werden dadurch aber auch nicht spürbar. Und sie beschneiden sich so stark in ihrem Selbstausdruck.

Wenn man sich nun fragt, was ist eigentlich die richtige Orientierung, um aus seiner kommunikativen Zurückhaltung herauszukommen, dann braucht es die Befreiung seiner spontanen Gesprächsimpulse. Also die Frage: Wie kann das, was in mir entsteht, wieder über meine Stimme frei nach außen fließen, ohne erst über einen strengen inneren Kontrolleur bewertet und aussortiert zu werden?

Im Grunde geht es darum, sprichwörtlich: Zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Ohne sich zu sehr Sorgen darum zu machen, dass das auch mal schief geht. Den Mut zu haben, sich auch mal ungeschickt auszudrücken.

Und dann geht es um ganz viel Übung. Es geht darum, auch ohne diese starke Kontroll-Instanz die richtigen Worte zu finden, geschickter in der Kommunikation zu werden. In etwa so, wie man geschickter bei einem Spiel oder in einer Sportart wird. Nicht zwanghaft, nicht stark kontrolliert, sondern von Lust getragen immer bessere Fähigkeiten zu entwickeln.

Sozialphobie-Selbsthilfegruppen können hier ein wesentliches Übungsfeld sein. Hier kann man lernen, die Kontrolliertheit loszulassen und einfach mal auszusprechen, was einem so in den Sinn kommt. Hier kann man viele kommunikative Erfahrungen sammeln. Weil das nicht einfach ist, braucht es hier immer wieder die aktive Ermunterung, sich darin zu üben. Sonst verfällt man schnell wieder in die alte liebgewonnene Gewohnheit, sich bei allem rauszuhalten. Kurzfristig ist diese Gewohnheit angenehmer, langfristig kommt man so nicht aus seiner Problematik heraus.

Reden und sich mit anderen austauschen soll ja schlussendlich eine freudvolle und bereichernde Erfahrung werden. Um dahin zu kommen, bedeutet dies für viele, erstmal ein Risiko einzugehen und durch unangenehme Gefühle hindurch zu gehen. Da ist erstmal Angst oder Scham. Und das sind auch alles völlig berechtigte Gefühle und dahinter stehen meist ganz reale alte Erfahrungen. Doch jetzt - hier und heute - ist viel mehr möglich, als das, was die alten Schranken zulassen. Diese alten Grenzen müssen konfrontiert werden, man muss sich nochmal ins Grenzgebiet wagen und neu erfahren, was geht und was Probleme macht. Und nicht jedes Problem bedeutet, dass etwas falsch war. Es ist auch die Einladung, bessere aktive Wege zu finden und nicht wieder den innerlichen Rückzug zu wählen.

Selbsthilfegruppen können hier auch ein Schutzraum sein, um sich auszuprobieren. Hier gibt es bewusst keine großen Ansprüche, hier darf jeder loslegen, wie es aus ihm heraus kommt.

In diesem Sinne seid ihr herzlich eingeladen, auch in diesem Jahr dem Ziel einer freien und offenen Kommunikation ein Stück näher zu kommen.

-- Fred

29.12.11 :: 100 Übungen für die Selbsthilfegruppe

In Selbsthilfetreffen kann man immer wieder Übungen einflechten, die eine praktische Auseinandersetzung mit den Ängsten ermöglichen oder neue Impulse für die Weiterentwicklung geben. Am Gruppenanfang können sie auch der Auflockerung dienen.

Der Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie hat jetzt einen Leitfaden herausgebracht, der 100 Gruppenübungen vorstellt. Sie sind praxiserprobt, hauptsächlich in der Sozialphobie-Selbsthilfegruppe in Paderborn. Wir haben Anfang des Jahres auch einen regen Austausch zu diesem Leitfaden mit dem VSSPS gehabt und uns viele Gedanken zu Übungen gemacht. Ebenso gab es im VSSPS-Netzwerkforum einiges an gruppenübergreifendem Austausch dazu. Schön, dass jetzt dieser wertvolle Leitfaden entstanden ist, den man als regelmäßige Anregung in die Gruppe mitnehmen kann. Ein großes Dankeschön an den VSSPS.

Hier kann der Leitfaden kostenlos heruntergeladen werden:

Wer eine ansprechende Übung im Leitfaden findet, kann die zur nächsten Gruppe einfach mal vorschlagen.

-- Fred

25.12.11 :: Innere Subpersönlichkeiten würdigen

Es gibt zahlreiche therapeutische Ansätze, die davon ausgehen, dass verschiedene Subpersönlichkeiten in uns wirken. Da gibt es z.B. nicht immer nur den schüchternen Teil in einem. Da gibt es vielleicht auch den Draufgänger oder den Spaßvogel in uns. Wenn man mit Menschen länger in unterschiedlichsten Situationen zusammen ist, lernt man ganz verschiedene Facetten einer Persönlichkeit kennen.

Im Buch "Die Intelligenz der Psyche" geht es viel um diese unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile in uns. Dieser Ansatz hat auch große Auswirkungen, wie wir bei der Bewältigung unserer Schwierigkeiten mit uns umgehen. Der Autor beschreibt einen Fall, in dem Thomas schüchtern auf einer Party steht. Alle amüsieren sich und sind gut drauf, aber er steht alleine in einer Ecke und ihm wird immer unwohler. Irgendwann verlässt er die Party und ärgert sich stark über sich, wie er nur so steif da rumstehen konnte. Warum konnte er nicht genauso ausgelassen wie die anderen sein?

Der Autor beschreibt weiter, dass bestimmte Therapieformen die Sache nun so angehen würden, die Schüchternheit nur als lästig anzusehen, um die dann loszuwerden. Ein Gegenmittel wäre dann mehr Selbstbewusstsein, was irgendwie aufgebaut werden muss. Oder mehr Kontaktfreude. Oder man würde es mit positiven Suggestionen angehen: "Ich bin selbstsicher und kontaktfreudig."

Doch dann - so der Autor - verliert man vielleicht etwas ganz Wesentliches: Die Chance, sich selber tiefer kennenzulernen und zu verstehen. Vielleicht hat dieser schüchterne Anteil ja neben der schwierigen Seite auch eine ganz wertvolle Seite. Wenn wir das nicht genügend erforschen, unterdrücken wir vielleicht nur unsere schüchterne Seite und damit viele positive Qualitäten, die das Leben bereichern und ein wichtiger Teil von uns sind.

Im weiteren Verlauf der Therapie mit Thomas stellt sich heraus, dass dieser schüchterne Teil zugleich sehr sensibel, empfindsam und feinfühlig ist. Er nimmt die Welt auf seine eigene Weise wahr, entwickelt Bilder und Phantasien. Die Bereicherung durch diesen Teil wird durch die therapeutische Auseinandersetzung deutlich und bewusst. Auf einmal entsteht die Erkenntnis: Stopp! Man darf so einen wertvollen Teil doch nicht einfach wegmachen wollen. Das wäre doch traurig, der Welt würde etwas wichtiges verloren gehen.

Ich habe das bei Betroffenen auch einige male erlebt: Wenn die eigene Kraft sich gegen die Schüchternheit richtete, diese Seite stärker unterdrückt wurde und man stattdessen sehr stark aufgetreten ist, ging etwas wichtiges verloren: Die Feinfühligkeit und die Empfindsamkeit. Betroffene, die diesen Weg einschlugen, wirkten unnahbar, konnten sich wenig einfühlen und strahlten eine Gewisse Härte sich und anderen gegenüber aus. Der schüchterne Teil war nicht integriert, er wurde vielmehr ausgegrenzt. Mag sein, dass das als kurzfristige Lösung durchaus Sinn macht, langfristig gehen dabei aber wichtige Seelenqualitäten verloren.

Eine gute Lösung lässt sich hier vermutlich nur darin finden, seine Persönlichkeit mit den unterschiedlichen Anteilen erstmal genügend kennenzulernen. Vor allem geht es auch um die wertvollen Anteile, die in jeder Subpersönlichkeit stecken und die bewahrenswert sind. Um dann nach neuen Wegen zu suchen, wie man durch Schritte der Veränderung alles Gute mitnimmt und nicht opfert.

Konkret könnte das bedeuten, dass man z.B. annimmt, dass man manchmal Lust hat, auch ausgelassen auf Partys sein zu können. Doch dann gibt es auch wieder Momente, da möchte man in Ruhe bei sich oder in der Natur sein. Oder man braucht Menschen, mit denen man tiefere Gespräche führen kann und die ebenso feinfühlig mit einem sind. Oder man erkennt, dass die feinfühlige Seite nach mehr Ausdruck verlangt und beginnt zu malen oder auf andere Weise künstlerisch tätig zu werden.

Buchtipp:

Weblinks:

-- Fred

12.12.11 :: Artikel zum Thema Anerkennung

Anerkennung zu bekommen, ist ein zentrales menschliches Bedürfnis. Wer schon früh in seinem Leben nicht genügend Anerkennung empfangen hat, hat meist auch ein schlechtes Selbstwertgefühl. Selbstwertempfinden und Anerkennung hängen ganz eng miteinander zusammen. Manchmal kommt Anerkennung bei Menschen auch gar nicht an, wenn z.B. die persönliche Messlatte für gute Leistung viel zu hoch gehängt wird. Man meint dann fast immer: Das, was man kann und ist, reicht nicht. Ich bin nicht gut genug. So entwertet man jede Anerkennung, die einem entgegengebracht wird.

Es ist sinnvoll, sich Quellen für Anerkennung zu schaffen. Sich mal umzuschauen: Wo bekomme ich in meinem Leben Anerkennung? Reicht das oder brauche ich mehr? Wo könnte ich mir neue Quellen für Anerkennung erschließen?

Anerkennung ist nicht nur Lob. Wenn Menschen für mich da sind und mir zuhören, ist das eine ganz wichtige Form, Anerkennung zu bekommen. Ich werde gehört und gesehen, ich bin nicht egal. Das ist auch ein zentrales Heilmittel von Selbsthilfegruppen. Sie sind Quellen für Anerkennung. In Selbsthilfegruppen kann man sich auch engagieren und so Sinnvolles schaffen und Anerkennung ernten. Umgedreht ist es wichtig, Anerkennung zu geben. Denn Anerkennung ist leider ein knappes Gut, es wird viel zu selten gegeben. Wenn wir in der Gruppe alle achtsam miteinander umgehen und würdigen, was wir sehen, dann hilft uns das gegenseitig. Gleichzeitig ist es eine Übung, aktiv zu werden, in Kontakt zu gehen und aus seiner Zurückgezogenheit herauszukommen.

Von daher auch die Frage: Wann hast du zuletzt Anerkennung gegeben? Wie lässt sich das noch ausbauen?

Einen sehr schönen Artikel zum Thema Anerkennung, findet ihr hier:

-- Fred

09.12.11 :: Das Geschäft mit unhaltbaren Heilsversprechen

Meist sind es die maßlosen Übertreibungen, die für große Anziehung und Medienwirksamkeit sorgen. Wenn sich nur jemand hinstellt und sagt: Mit meiner Methode werden sie nach kurzer Zeit angstfrei sein, dann sorgt schon das für Aufsehen. Wenn die Methode nun noch etwas geschickt verpackt wird, so dass man sie nicht gleich widerlegen kann, dann werden erstmal jede Menge Hoffnungen geweckt. Wo Hoffnungen geweckt werden, kann man auch ein großes Geschäft machen.

Nicht selten enden solche Storys so: Der versprochene Erfolg stellt sich langfristig doch nicht ein. Enttäuschung und Ernüchterung greift um sich und irgendwann verliert man das Interesse an dieser Methode. Doch da taucht auf einmal eine ganz neue Methode am Horizont auf, die noch viel mehr verspricht... Ab in die nächste Runde, bis zur nächsten Ernüchterung...

Ich glaube, es sind oft selber narzistische Persönlichkeiten, die solche Heilswege anbieten. Sie brauchen selber ganz stark das Gefühl, etwas erfunden oder entdeckt zu haben, was die Welt ganz groß beeindruckt. In diesem Sinne sind sie sicherlich sehr einfallsreich und kreativ. Auch bringen sie große Kräfte auf, um erfolgreich zu sein. Doch überschätzen sie sich auch maßlos und erfinden Theorien über die Welt, die ein stark verzerrtes Bild der Wirklichkeit erzeugen.

Hier mal ein paar Beispiele, wo ich glaube, dass dies Verzerrungen der Wirklichkeit sind:

  • Es wird behauptet, dass man im Leben alles erreichen kann, wenn man nur will. Ich glaube, Wille ist nicht alles. Jeder Mensch bringt ein Möglichkeitspotenzial mit, aus dem heraus im Moment das eine geht, das andere nicht. Natürlich entwickelt sich jeder Mensch auch weiter und morgen kann der Möglichkeitsraum schon gewachsen sein. Gleichzeitig muss man auch die Grenzen seiner Möglichkeiten anerkennen, dass eben jetzt etwas für mich nicht geht oder mich überfordern würde. Es gibt so vieles, was mich auch begrenzt und der Wille ist keine Allmacht, der alles andere aushebeln kann. Im Gegenteil, wer mit zu viel Willensenergie handelt, spaltet sich immer stärker und vergrößert das Leid. Davon zu unterscheiden sind Ermutigungen, die Hoffnung geben und Mut machen, ohne jedoch unrealistische Versprechungen zu machen.
  • Denke nur noch positiv und bekämpfe allen Zweifel, der in dir auftaucht. Auch hier sehe ich wieder eine Überhöhung einer grundsätzlich wertvollen Idee. Es ist sicherlich gut, sich positiven Aspekten des Lebens zu öffnen und seinen Fokus darauf zu setzen, was werden kann und was gut ist. Gleichzeitig hat auch der Zweifel und das Misstrauen eine wichtige Bedeutung. Diese Gefühle helfen uns, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Sie helfen uns, Fehler nicht immer wieder zu machen und erneut verletzt zu werden. Ein Mensch, der alle negativen Gefühle bekämpft und nur noch Freude, Spaß, Euphorie und Lebenslust erleben will, spaltet Wesentliches von sich ab und vergrößert so auch wieder sein Leid. Auch schwächt man damit stark seine vorbehaltslose Wahrnehmungsfähigkeit, weil nur noch sein kann, was sein darf.
  • Diese Methode wird ihr ganzes Leben verändern! Es gibt also irgendwas neues, was ich noch nicht kenne. Und wenn ich mir dieses neue zu eigen mache, dann wird sich mein ganzes Leben völlig verändern. Hier findet man auch regelmäßig eine extreme Überhöhung einer Idee. Die Idee an sich kann schon wertvoll und hilfreich sein, nicht aber in dieser extremen Überhöhung. Neben den narzistischen Bedürfnissen der Erfinder geht es oft auch um Geld, was damit verdient werden soll. Je höher der Nutzen, den eine Methode verspricht, um so mehr Geld geben Menschen dafür auch aus.
  • Alles, was du erlebst, hast du selber initiiert oder ziehst du an. Jedes Unglück, was dir widerfährt, hast du schon vorher in dir kreiert. Du musst nur anders denken und dir wird anderes widerfahren. Mit solchen Ideen könne man sogar einen Lottogewinn beeinflussen. Auch hier ist wieder eine extreme Überhöhung zu erkennen. Die Idee ist nicht grundsätzlich falsch, das wir manches anziehen, aufgrund unserer Einstellung oder einseitigen Wahrnehmung von der Welt. Solche Effekte gibt es also und wir können etwas daran verändern. Sie werden oft aber maßlos überschätzt. Es gibt einiges, was von uns abhängt und es gibt auch viel, was nicht von uns abhängt und wir auch nicht beeinflussen können. Es stimmt auch, dass man mit fortschreitender Persönlichkeitsentwicklung mehr direkten Einfluss auf das hat, was einem widerfährt bzw. seine eigenen Anteile mehr erkennt. Auf alles hingegen Einfluß nehmen zu können und somit alles unter seine Kontrolle zu bringen, spiegelt auch die geistige Grundhaltung und Wünsche der Erfinder wider. Neurotische Wünsche, für die viele empfänglich sind, die aber nicht zu wirklichen Gesundungsprozessen führen. Sie führen eher zu einer Entfremdung und zu illusionärem Denken.
  • Jede körperliche Krankheit entsteht im Kopf. Ändere dein Denken und du wirst auch körperlich nicht mehr krank. Auch dies ist wieder eine verlockende Idee und Allmachtsphantasie. Ich brauche nur auf eine bestimmte Art zu denken und werde unverwundbar. Durch die Kraft meiner Gedanken kann ich jede körperliche Erkrankung besiegen. Ganz falsch ist auch diese Idee nicht, Bewusstsein und Körper hängen nunmal miteinander zusammen und haben Einfluss aufeinander. Die Überhöhung ist allerdings das Problem, das alles Körperliche auf Geistiges zurückzuführen ist. Oft haben wir auch keinen Einfluss und können uns dem leidigen Thema körperlicher Erkrankungen nicht so einfach entziehen. Gleichzeitig müssen wir uns vielschichtig um Gesundheit bemühen. Menschen, die glauben, alles durch Gedanken machen zu können, vernachlässigen vielleicht Hygienemaßnahmen oder eine gesunde Ernährung.

Immer dann, wenn einem all zu großartige Versprechen gemacht werden, ist auch Skepsis und Vorsicht angebracht. Mag ja sein, dass einem eine neue Methode große Erfolge bringt, aber das muss dann praktisch erstmal überprüft werden. Viele großartige Ideen funktionieren in der Praxis nicht. Auch sollte man aufpassen, sich nicht in einseitige Überzeugungen zwängen zu lassen, mit denen man Teile der Wirklichkeit verdrängt oder abspaltet. Carl Rogers, der Erfinder der klienzentrierten Gesprächstherapie, sagte einmal:

Die Erfahrung ist für mich die höchste Autorität. Der Prüfstand für Gültigkeit ist meine eigene Erfahrung. Keine Idee eines anderen und keine meiner eigenen Ideen ist so maßgeblich wie meine Erfahrung. Ich muss immer wieder zu Erfahrung zurückkehren, um der Wahrheit, wie sie sich mir als Prozess des Werdens darstellt, ein Stück näher zu kommen.

-- Fred

08.12.11 :: Das Buch ist da

Vor ein paar Jahren hat uns Julian Kurzidim vom intakt e.V. angesprochen, ob wir Lust auf ein gemeinsames Buch haben, wo Erfahrungsberichte von Betroffenen veröffentlicht werden. Wir fanden das eine gute Idee. Es gibt nämlich kaum Bücher wo direkt Betroffene schreiben. Und dann auch noch eine schöne Mischung an Texten, wo zahlreiche Betroffene dran mitwirken.

Es war nicht einfach, so ein Projekt auf die Beine zu stellen. Zuerst einmal mussten genügend Betroffene dazu motiviert werden, mal etwas zu Papier zu bringen. Das ist gar nicht so einfach. Sich selbst schriftlich auszudrücken und das noch bei einem so persönlichen Thema, da schrecken doch viele zurück. Julian hat immer wieder dazu ermutigt, es trotzdem zu machen. Über die Jahre kamen dann zahlreiche Texte zusammen.

Auch viele organisatorische Hürden gab es zu nehmen. Rechtliche Aspekte mussten abgeklärt werden. Und einen Verlag brauchte es natürlich auch, der solch ein Buch druckt. Anfang des Jahres hörte ich von Julian, dass das Buchprojekt sich nun recht bald realisieren wird. Und vor ein paar Wochen war es dann soweit. Ich erhielt einen Brief, in dem mir mein Exemplar des Buches druckfrisch zugeschickt wurde. Das war ein ganz besonderer Moment der Freude.

Das Buch heißt Der ängstliche Panther, kostet 12,50 Euro und ist über jeden Buchladen zu bekommen. Insgesamt 18 Autoren haben daran mitgewirkt.

Eigentlich wollte ich erst was zum Buch schreiben, nachdem ich es vollständig gelesen habe. Doch es war zu viel anderes, so dass ich noch nicht die Zeit dazu hatte. Ein paar Beiträge habe ich aber schon gelesen und die fand ich sehr berührend. Gerade diese Vielschichtigkeit durch die unterschiedlichen Autoren finde ich gut. Die Offenheit, mit der geschrieben wird, finde ich beeindruckend.

Das Buch wird bald in unserer Bibliothek sein. Als Mitglied unserer Gruppe könnt ihr es euch dann ausleihen.

Ein großes Dankeschön an alle, die am Buch mitgewirkt haben.

-- Fred

01.12.11 :: Lied der Woche

Annett Louisan - Vorsicht zerbrechlich

Sie hat ein Geheimnis,
sie fürchtet sich,
sie würde es gern sagen,
doch sie traut sich nicht...

28.11.11 :: Ins Bewusstsein heben

Bewusstheit heilt. Es gab mal jemanden in der Gruppe, der sagte, er habe permanent große Angst. Ich fragte ihn, wie es denn im Moment gerade ist. Er sagte: "Ja, im Moment geht es eigentlich."

Durch diese kurze Interaktion ist etwas ins Bewusstsein gehoben worden. Seine Vorstellung von sich stimmte gar nicht mit seinem realen Erleben überein. Die Vorstellung von seinem Erleben war stärker und überlagerte die reale Erfahrung. Diese Interaktion ermöglichte ihm, zu erkennen, dass die Realität zumindest teilweise doch anders ist.

Vieles ist uns nicht bewusst. Einfach, weil wir nicht mehr darauf achten. Doch wenn wir es uns wieder bewusst machen, dann kann das viele Veränderungsprozesse anstoßen und zu einem gesunderen Leben führen.

Wie kann man etwas ins Bewusstsein heben? Freundliche Achtsamkeit ist ein Weg dahin. Also wach zu werden für all die lebenszugewandten Aspekte, die uns begegnen. Und diese dann würdigen. In einer Gruppe kann man etwas würdigen, in dem man es anspricht. Dann werden auch andere auf bestimmte Aspekte aufmerksam. Auch sie heben das, was da geschieht ins Bewusstsein. Alles, was man sich ins Bewusstsein holt, hat auch eine Wirkung. Manches wird auch wieder schnell vergessen. Oder an manches muss man sich hundert mal erinnern, bis man es verinnerlicht hat. Aber egal, jedes Bewusstmachen lebenszugewandter Aspekte ist ein Stück Zugewinn, etwas, was wirkt.

Für sich selber kann man sich im Alltag auch immer wieder positive Aspekte vergegenwärtigen. Sich Zeit nehmen für etwas, was da gerade auftaucht und sich positiv oder wertvoll anfühlt. Ein Funke von einer Kraft, eine einladende Stimmung oder einer Freude. Verweile für einen Moment und werde dir dessen voll bewusst.

-- Fred

24.11.11 :: Zuwendung

Zuwendung ist eine große transformierende Kraft. Zuwendung heißt, sich für etwas zu öffnen, es an sich heran zu lassen. Im Kontakt zu sein mit etwas, im Geiste wie im Herzen. Dies auf sich wirken zu lassen und seine Antworten zu finden. Speziell gilt das für menschliche Beziehungen: Sich für andere zu öffnen, den anderen in seinem Sosein anzunehmen und an sich heranzulassen. Durch Zuwendung kommt die Welt des einen in Kontakt mit der Welt des anderen.

Alles Ungelöste in uns und auf der Welt braucht unsere Zuwendung. Die Zuwendung ist oft die einzige Chance, damit sich Schwierigkeiten lösen.

Psychotherapie ist Zuwendung. Man spricht über Dinge und macht sich Gedanken über etwas, worüber man zuvor nie bewusst nachgedacht hat. Man schafft einen Rahmen, in dem man sich Zeit nimmt, sich all dem Unerlösten zuzuwenden. Manchmal braucht es gar nicht mehr, als nur dies: Sich jetzt Zeit zu nehmen und sich einer Sache zuzuwenden. Mit all dem, was einen ausmacht. Ein Mensch, der einem zuhört und ein fester Termin, kann dabei eine große Hilfe sein. Im Selbsthilfekontext kennt man hier auch das Co-Counseling, wo man genau diesen Rahmen schafft und sich seinen Problemen zuwendet. Natürlich sind auch die normalen Gruppengespräche ein Ort der Zuwendung. Hier sprechen Menschen über Dinge, die sie sonst mit niemandem bereden können.

Mit der Zuwendung ist es allerdings auch nicht immer einfach. Letztens sagte jemand: "Eigentlich müsste ich mich damit mal auseinandersetzen, aber irgendwie gelingt mir das nicht. Ich glaube, es müsste mir noch schlechter gehen, damit der Leidensdruck größer wird." Da braucht es also noch mehr Leid, um bereit zu sein, sich einer Sache zuzuwenden. Eigentlich weiß man, dass es da eine "Baustelle" gibt, der man sich zuwenden sollte. Andererseits gibt es Kräfte, die der Zuwendung entgegenstehen. Was sind das für Kräfte?

Zuwendung kann ungemütlich werden. Probleme und innere Widersprüche können zu Tage treten. Zuwendung kann einen nötigen, Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die schwierig sind. Zuwendung kann uns eine Menge abverlangen. Auch könnten wir in Kontakt mit alten Verletzungen kommen. All das, was verdrängt wurde, kommt durch Zuwendung wieder ans Licht. Zuwendung ist auch ein Risiko.

Zuwendung kann in Konkurenz zueinander stehen. Einem spannenden Fernsehfilm wendet man sich vielleicht lieber zu, als über einen Streit mit seinem Kollegen nachzudenken. Umgedreht kann es sein, dass wir uns ständig negativen Dingen zuwenden und nicht die positiven Seiten des Lebens sehen können. Jeder hat Zuwendungsmuster in sich, wie Magneten ziehen wir das eine an und stoßen das andere ab. Doch wie sind diese Muster in mir gewachsen und sind diese auch veränderbar?

Manchmal kann uns die Vernunft helfen: Man wird sich gewahr, dass es sinnvoll ist, sich einer Sache zuzuwenden, obwohl man vielleicht keine rechte Lust dazu hat. Will man seine Zuwendungsmuster verändern, muss man ja oft gegen diese Magneten arbeiten. Vernunft und Wille kann einem helfen, sich diesen Dingen zuzuwenden, denen man sich normal nicht zuwenden würde.

Was bräuchte meine Zuwendung? Wer sich diese Frage öfters mal stellt, bekommt Antworten. Manchmal führt eine leicht abgewandelte Frage zu noch besseren Ergebnissen: Was bräuchte eigentlich meine Zuwendung?

Es ist sicherlich kein einfaches Leben, aber vielleicht ist Heilung da zu finden, wo Menschen gelernt haben, sich dem zuzuwenden, was gerade dran ist. Unerschrocken und mutig. Nicht ständig, aber immer mal wieder.

Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart,
der bedeutendste Mensch immer der, der dir gegenüber steht,
und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.
(Meister Eckhart)

-- Fred

16.11.11 :: Auch der andere...

Kennt ihr diese Sichtweise? Wenn etwas im Kontakt mit anderen Menschen schief läuft, liegt das natürlich an der eigenen Unfähigkeit. Ganz klar, schließlich ist man ja von Sozialphobie betroffen. Das Problem bin ich.

Diese Vorstellung kann tief verankert sein. So stark, dass man sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, ob auch die anderen, mit denen man einen kommunikativen Unfall erlebt, ihren Anteil daran haben. Vielmehr glaubt man, alle anderen würden perfekt agieren, kann sich gar nicht vorstellen, dass auch der Gegenüber seine Schwierigkeiten hat.

Diese Sichtweise muss man sich erstmal erarbeiten und sie ist wichtig. Zieht man sich doch sonst für alles mögliche den Schuh an. Auch für vieles, was nicht auf eigenen Schwierigkeiten beruht.

Hinzu kommt noch, dass Kommunikation sowieso eine hochkomplexe Angelegenheit ist, die oft genug auch mal etwas schief geht. Klar kann man hier Fähigkeiten erlernen und geschickter werden. Aber selbst sehr geschulte Menschen treten immer mal wieder ins Fettnäpfchen und blamieren sich.

Es ist oft so, dass überhaupt niemand Schuld an etwas ist. Das Schicksal präsentiert uns einfach eine Situation, in der Komisches passiert. Was man sich allerdings angewöhnen kann: Man kann über Komisches lachen. Das entspannt eine Situation meist, wo sonst vielleicht Schamgefühle entstehen würden.

-- Fred

15.11.11 :: Misstrauen

Misstrauen ist in vielen sozialen Systemen ein Tabuthema. Wenn man jemandem offen Misstrauen entgegenbringt, wird nicht selten die Beziehungsebene völlig zerstört. Der andere empfindet diese Misstrauensäußerung als zutiefst kränkend und verletztend und grenzt sich dann massiv ab.

In unserer Gesellschaft wird deshalb oft vermieden, Misstrauen direkt und offen auszusprechen. Stattdessen hat man jede Menge Spielarten entwickelt, das Gefühl von Misstrauen so zu verpacken, dass es nicht so massiv beschädigend wirkt. So könnte die Formulierung: "Ich verstehe das jetzt noch nicht so richtig, kannst du mir nochmal erklären, warum das für dich wichtig ist?", in Wirklichkeit keine Verständnisfrage sein, sondern eher aus einem Misstrauen begründet. Wir haben natürlich auch gelernt, das hinter vielen Aussagen und Fragen in der Tiefe noch andere Tatmotive versteckt sind und werden manchmal entsprechend hellhörig. Meist sind es Formulierungen die uneindeutig sind und damit vieles bedeuten könnten. Es könnte sein, dass mir da jemand gerade sein Misstrauen entgegenbringt.

Ich habe mal eine Gruppentherapie mitgemacht, in der wir einen besseren Umgang miteinander lernen wollten. Und hierzu zählte es auch, Misstrauen klar und deutlich zu äußern. Misstrauen also nicht mehr als ein Tabu zu sehen, sondern als ein ganz normales Gefühl, was wichtig ist, was da sein und ausgesprochen werden darf. Misstrauen, was nicht die Beziehung zerstört, sondern wo jeder auch aushalten lernt, dass ihm immer wieder auch Misstrauen entgegenweht. Oft werden ja nur die Dinge tabuisiert, mit denen wir nicht umzugehen gelernt haben. Und hier lernte ich, wie man mit Misstrauen auch offen umgehen kann. Und so lernten wir auch eine Menge über uns und erkannten, wie oft doch auch Misstrauen im Spiel ist. Und das Misstrauen natürlich ganz viel mit Angst und unangenehmen Erfahrungen aus der Vergangenheit zu tun hat.

Wenn Misstrauen kein Tabuthema mehr ist, kann man darüber reden. Und was so in Kontakt kommt, kann sich auch verändern. Man kan erkennen, wo Misstrauen durchaus angebracht ist und wo ich vielleicht eine alte Erfahrung meine Wahrnehmung so überschattet, dass ich das Hier und Jetzt nicht mehr richtig einschätzen kann.

Mit dem Misstrauen ist das so eine Sache. Wir können dem Leben keine Garantien abringen. Alles, was wir tun, wird immer auch mit Risiken verbunden sein. Wir müssen sozusagen vertrauen. Mit dem Risiko, dass wir enttäuscht und verletzt werden. Denn die Angstreaktion, nichts und niemandem mehr zu vertrauen, führt unweigerlich zu immer stärkeren Rückzug. Schlussendlich isolieren wir uns soweit, bis wir ganz alleine dastehen und der ganzen Welt misstrauen. Sich nicht nur seine Angst anzuschauen, sondern auch sein Misstrauen, kann nochmal ein ganz neuer Blickwinkel auf die eigene Thematik sein.

Das ganze Leben ist ein Risiko, ein Wagnis. Wir können etwas wagen und wenn es gut geht, hat es unser Leben bereichert. Wenn es schief geht, schmerzt es. In Liebesbeziehungen wird dieses Prinzip ganz deutlich erkennbar.

Sich mit Vertrauen und Misstrauen auseinanderzusetzen, scheint mir ein ganz essentielles Thema bei Sozialphobie. Sozialphobie entsteht ja oft gerade daraus, weil etwas massiv schief gelaufen ist im menschlichen Kontakt. Weil man stärker, als man es aushalten konnte, durch andere beschädigt wurde. Deshalb meidet man jetzt viele Formen menschlichen Kontakts. Das ist im Grunde eine Lösungsstrategie - vermeide alles, was Angst macht. Und die Angst hat ja durchaus Recht - dort wo die Angst ist, sitzt auch eine reale Erfahrung, wo mal Gefahr war.

Die Schattenseite ist, dass diese Lösungstrategie zu massiven Einschränkungen im Leben führt und man vieles nicht mehr Leben kann, was Erfüllung bedeuten würde. Von daher verlangt wirkliche Angstbewältigung uns etwas merkwürdiges ab: Genau das wieder zu tun, wo wir schonmal so verletzt wurden. Diesmal aber vielleicht besser, so dass wir Risiken auch "managen" können.

Ich erlebe unter Betroffenen auch immer wieder ein Phänomen, dass man Naivität oder Gutgläubigkeit nennen könnte. Sie haben zu wenig Misstrauen und glauben, Menschen meinen es nur gut mit ihnen. Sie können nicht erkennen, dass hinter vielem auch Eigennutz steht. Sie erkennen die Täuschung nicht. Und dann stolpern sie immer wieder in Situationen hinein, in denen ihr naives Vertrauen ausgenutzt wird. Hier zeigt sich, dass Misstrauen auch eine wichtige Eigenschaft ist, die uns gerade davor schützt, nicht Opfer zu werden.

Wer die Realität gut abschätzen kann und sich der wirklichen Risiken bewusst wird, hat gute Chancen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört sowohl die angenehme Seite, was also Vertrauen in andere ermöglichen kann, aber auch die andere Seite: Wo spüre ich Unbehagen, wo misstraue ich einer Sache? Um dann dieses Misstrauen genauer zu erkunden: Ist es gerechtfertigt? Gibt es Signale oder Widersprüchlichkeiten in der jetzigen Situation? Oder ist es eine alte Angst, eine alte Erfahrung, die jetzt reinfunkt. Auch die ist wichtig und braucht Würdigung. Und doch muss man auch überprüfen, ob sie für die heutige Situation uneingeschränkt Gültigkeit hat.

Hier zeigt sich, dass ein offener Umgang mit Misstrauen wichtig für die Selbsthilfearbeit ist. Wird nicht darüber gesprochen, erstarren die eigenen Misstrauens-Konzepte und können sich so nicht erneuern. Es ist gut, das eigene Misstrauen wahrzunehmen und damit in den Austausch zu kommen. Und es braucht Wege, wie man mit dem Misstrauen umgeht, wenn es sich gegen einen richtet.

-- Fred

14.11.11 :: Lied der Woche

Max Prosa - Im Stillen

Ein Newcomer, bei dem man spürt, dass er was ganz Eigenes macht und aus seiner Tiefe schöpft. Erfrischend schön.

12.11.2011 :: Selbsthilfefreundliches Krankenhaus Lütgendortmund

Wir arbeiten derzeit an einem Projekt mit, welches sich Selbsthilfefreundliches Krankenhaus nennt und in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Krankenhaus Lütgendortmund stattfindet.

Worum gehts? Wenn alle Patienten in den Krankenhäusern über die Möglichkeit von Selbsthilfegruppen informiert wären, dann würde viel öfter von diesem Angebot Gebrauch gemacht. Umgedreht erfahren wir häufig von Betroffenen, dass es für sie sehr hilfreich gewesen wäre, wenn sie viel früher über die Möglichkeit einer Selbsthilfegruppe informiert gewesen wären.

Selbsthilfegruppen haben für Betroffene immer wieder eine ganz wesentliche Bedeutung in der Krankheitsbewältigung. Wenn man sich mit ebenso Betroffenen trifft, die schon viele Erfahrungen im Umgang mit einer Erkrankung gesammelt haben, dann ist das sehr wertvoll. Ganz egal, ob es sich um körperliche oder psychische Erkrankungen handelt.

Das ist das vordergründige Ziel der Kooperation: Was kann ein Krankenhaus tun, damit Patienten über die Möglichkeit der Selbsthilfe gut informiert sind? Und was können die Selbsthilfegruppen dazu beitragen?

Das Evangelische Krankenhaus Lütgendortmund nimmt hier eine Vorreiterrolle in Dortmund ein. Mit Unterstützung von Frau Christa Steinhoff-Kemper erarbeiten wir gemeinsam Maßnahmen und Strukturen, damit auch langfristig Patienten im Krankenhaus gut über die Selbsthilfemöglichkeiten informiert werden. Frau Steinhoff-Kemper bringt dabei eine Menge Erfahrungen mit ein, sie hat bereits zahlreiche Einrichtungen in diesem Prozess begleitet. Vertreter der Klinik, der Selbsthilfegruppen und der Selbsthilfe-Kontaktstelle arbeiten gemeinsam in Workshops zusammen, um hier eine gute Basis zu schaffen. Aber nicht nur das, es geht darum, langfristig eine gute Zusammenarbeit zwischen Klinik und Selbsthilfegruppen zu etablieren. Es braucht ein System, welches langfristig funktioniert.

Ein einfaches Beispiel: An einer gut sichtbaren Stelle soll eine Selbsthilfe-Informationswand installiert werden. Dort wird auf die Möglichkeit von Selbsthilfegruppen aufmerksam gemacht. Und hier findet man auch Flyer von Selbsthilfegruppen. Langfristigkeit würde hier bedeuten: Wie kann es gelingen, dass dort immer ausreichend Flyer aller Gruppen verfügbar sind? Wie kann es gelingen, dass Flyer auch aktuell sind? Dies wäre eine der Aufgaben, die eine Selbsthilfe-Beauftragte der Klinik übernimmt. Sie arbeitet eng mit den eingebundenen Selbsthilfegruppen zusammen. Die Selbsthilfegruppen haben umgedreht so einen Ansprechpartner in der Klinik, mit dem sie Wünsche und Ideen diskutieren und umsetzen können. Gerade dieser schnelle und unkomplizierte Kontakt stellt sicher, dass Zusammenarbeit auch wirklich gelebt werden kann.

Neben der Information über Selbsthilfe, gibt es auch weitere Möglichkeiten der Zusmammenarbeit. Ärzte und Therapeuten können Selbsthilfegruppen hilfreich zur Seite stehen. Sie könnten z.B. in die Selbsthilfegruppe kommen, um in Vorträgen hilfreiches Wissen zu vermitteln. Selbsthilfegruppen können umgedreht Räume des Krankenhauses nutzen, um spezielle Veranstaltungsangebote zu organisieren.

In regelmäßigen Austauschgesprächen wird über die Zusammenarbeit reflektiert werden, um diese kontinuierlich zu verbessern. Hierbei handelt es sich um einen fortwährenden Prozess aus dem Qualitätsmanagment: Planen > Ausführen > Prüfen > Optimieren.

Für uns als Sozialphobie-Selbsthilfegruppe hat dieses Projekt noch ein paar weitere interessante Aspekte. Diese Zusammenarbeit hat natürlich mit Kontakten auf unterschiedlichsten Ebenen zu tun. Es ist damit ein gutes Übungsfeld, was Menschen mit sozialen Ängsten als Herausforderung nutzen können. Kontakt entsteht hier auch in neuen Rollen: Hat man Krankenhaus bisher nur als Patient kennengelernt, kann man nun auf Augenhöhe mit Ärzten, Sozialarbeitern und Pflegepersonal reden. Dieser Rollenwechsel und die neuen Erfahrungen, die man damit macht, sind sehr wertvoll, um aus seinen Ängsten herauszuwachsen.

Wir bekommen so auch näheren Kontakt zu den konkreten psychotherapeutischen Abteilungen, in denen Patienten mit sozialen Ängsten behandelt werden. Hier können wiederum viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit wachsen. Erste Gespräche haben hier bereits stattgefunden.

Heute fand der erste gemeinsame Workshop von 10-16 Uhr statt. Wir haben uns gefreut über die große Offenheit und das Engagement, mit der das Krankenhaus in diesen Prozess hineingeht. Das macht wirklich Lust, gemeinsam an so einer wertvollen Sache zu arbeiten. Wir sind gespannt, wie sich das Projekt entwickeln wird.

Weblinks:

08.11.11 :: Umgang mit der Vergangenheit

In der letzten Offenen Gruppe haben wir über das Thema Umgang mit der Vergangenheit gesprochen. Das Thema ist gar nicht so einfach zu packen und es gab auch konträre Meinungen dazu.

Psychotherapeutische Schulen gehen mit diesem Thema auch sehr unterschiedlich um. Es hilft aber, ein paar Ideen dahinter zu verstehen, um seinen eigenen Weg zu finden.

Die kognitive Verhaltenstherapie steht im Ruf, sich nicht sonderlich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und sich stattdessen auf das Neulernen im Hier und Jetzt zu konzentrieren. Moderne verhaltenstherapeutische Ansätze messen der Beschäftigung mit der Vergangenheit aber schon eine gewisse Bedeutung bei. Es geht darum, ein grundsätzliches Verständnis dafür zu entwickeln, warum man der geworden ist, der man ist und wo die Probleme herkommen. Es wird aber nicht sehr viel Zeit damit verbracht, alles bis ins letzte Detail zu ergründen, es reicht ein grundlegendes Verständnis. Den Hauptfokus hat die Verhaltenstherapie darauf, etwas im Hier und Jetzt zu lernen. Ganz konkrete Lernerfahrungen zu machen, um neue Verhaltensweisen auszubilden, die für das eigene Leben wichtig und hilfreich sind. Umlernprozesse, durch die sich Probleme lösen.

Tiefenpsychologische Ansätze und die Psychoanalyse messen der Vergangenheit einen viel größeren Stellenwert bei. Sie sprechen von Aufarbeiten oder Durcharbeiten der Vergangenheit. Es steht die Idee dahinter, dass das Erlebte die Ursache für viele Schwierigkeiten ist, die wir heute haben. Und dass man sich diesem Erlebten in irgendeiner Form nochmal zuwendet, mit dem Resultat, dass sich dadurch Schwierigkeiten auflösen. Man spricht auch von Vergangenheitsbewältigung. Es gibt also durch die Vergangenheit irgendetwas Unerlöstes oder Problematisches in uns, was durch passende Zuwendung erlöst werden kann.

Der gestalttherapeutische Ansatz geht davon aus, das wir Unerledigtes und Unfertiges in uns herumtragen. Material, welches sich im Laufe unseres Lebens in uns angesammelt hat. Ein einfaches Beispiel wäre: Man hat sich mit einem guten Freund zerstritten und noch viele Jahre danach schmerzt das. Da gab es vielleicht auch Gemeinheiten, die man sich gegenseitig an die Kopf geworfen hat. Das alles hat einen noch nicht losgelassen. Man spürt, dass es gut wäre, da nochmal aufeinander zuzugehen und sich auszusprechen, um seinen Seelenfrieden zu finden. Und wenn man das dann getan hat - ganz real oder über eine therapeutische Übung - kann man loslassen. Die Sache ist abgeschlossen, hat ihr Ende gefunden. Die Gestalt ist vollendet. Der gestalttherapeutische Ansatz geht davon aus, dass alles, was noch keinen Abschluß gefunden hat, immer wieder in unserem Bewusstsein auftauchen wird. Und er sieht dies als eine Art Selbstheilungskraft des Organismus an. Der Organismus will sich von Unerledigten Dingen befreien, in dem er sie in irgendeiner Form vollendet. Dadurch befreit man sich von Altem und ist wieder frei und offen für Neues. Damit schaut dieser Ansatz sich auch immer wieder all das Vergangene an, was innerlich auftaucht und danach schreit, geheilt oder erlöst zu werden.

Es gibt traumatherapeutische Ansätze, die vertreten die Auffassung, dass es nicht gut ist, alles Schmerzliche der Vergangenheit wieder hervorzuholen. Es stattdessen ruhen zu lassen und Methoden zu erlernen, sich nicht wieder in den alten Schmerz hineinziehen zu lassen. Also Abgrenzungskräfte zu entwickeln, damit das Vergangene nicht ständig das Hier und Jetzt überschattet. Vielleicht ist manches, was Menschen erlebt haben, so schrecklich, dass man es in einem Menschenleben nicht wieder aufarbeiten und integrieren kann.

Gerade die Traumatherapie zeigt auf, dass es bei dem Thema Vergangenheit auch immer darauf ankommt, wo man in seinem Entwicklungsprozess steht. Der Umgang mit der Vergangenheit kann sich wandeln. Es kann sein, dass es heute für mich sinnvoll und wichtig ist, mich gänzlich von der Vergangenheit abzugrenzen und mich auf das Jetzt zu konzentrieren. Es kann irgendwann wichtig werden, mich vergangenen Erfahrungen zu öffnen und mich damit zu beschäftigen. Man muss dabei auch sehen, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit auch Kraft und Stabilität braucht. Vielleicht muss man dies zuerst in einer Therapie erreichen, bevor man sich irgendwelchen schwierigen Themen der Vergangenheit zuwendet.

Aus dieser Sichtweise ist es Unsinn, eine grundsätzliche Antwort darauf zu finden, ob es nun gut ist, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen oder nicht. Es kommt, wie so oft, ganz darauf an. Jeder Mensch steht an einem anderen Punkt in seiner Entwicklung.

Die andere Seite ist, wenn man wichtige Erfahrungen der Vergangenheit gar nicht mehr an sich heranlässt und sie abwehrt. Viele psychische Probleme manifestieren sich, weil man dem Vergangenen bewusst aus dem Weg geht. In einer Klinik, in der ich war, sprach man von aufdeckender Therapie. Hier ging es darum, sich genau dem Vergangenen zuzuwenden, dem man selber immer wieder so gerne aus dem Weg geht. Mit dem Ziel, eigene starre Lebenskonzepte aufzulösen und seine Flexibilität wieder zurückzuerlangen. Ich denke, dass dies als gesichertes Wissen gilt: Menschen neigen dazu, bestimmte Lebenserfahrungen aus Angst vor Schmerz und unguten Gefühlen zu verdrängen. Und wenn man sich auf geeignete Weise genau diesen Erfahrungen zuwendet, kann man diese schwierigen Erfahrungen integrieren und sich aus den Einschränkungen befreien, die die Verdrängung mit sich gebracht hat. Man wird wieder ein Stück mehr zu dem, der man sein kann.

Es ist in diesem Sinne auch typisch, dass Psychotherapie oft etwas mit Aufspüren zu tun hat. Ein Prozess, in dem man selber geschickte Hakenschläge oder Ablenkungsmanöver kreiert, um sich einer vergangenen Erfahrung nicht zuwenden zu müssen. Und ein Therapeut, der sich davon nicht irritieren lassen darf, sondern mit seinem Scharfsinn erkennt, wie wir ihn gerade wieder in die Irre leiten wollen und von Wesentlichem ablenken. Mit der Zeit natürlich auch eine eigene Reife, selber zu erkennen, das Ablenkung nicht zu Heilung führt.

In Selbsthilfearbeit wird die Vielschichtigkeit in der Auseinandersetzung oder Nicht-Auseinandersetzung mit der Vergangenheit deutlich. Manche leiden unter schwierigen Stimmungen, in die sie immer wieder hineingezogen werden. Manche können sich kaum an Vergangenes erinnern. Für manche ist das Reden über frühe Erfahrungen sehr wichtig, andere reflektieren vor allem das, was in den letzten Tage so passierte. Manche sehen viele Parallelen zwischen dem, was sie heute erleben zu dem, wie sie durch die Vergangenheit geprägt wurden. Andere sehen in dem, was sie gerade erleben, eine Einschränkung, die sie durch Übung überwinden wollen. Ohne dabei in die Vergangenheit zu blicken. Man spürt dabei auch immer wieder, welche Form von Therapie jemand macht und welcher Orientierung er folgt.

Die Frage, wie man mit seiner Vergangenheit umgeht, ist auf jeden Fall interessant für die Selbsthilfearbeit. Denn irgendeine Art, damit umzugehen hat ja jeder. Meist ist dies unreflektiert, man hat noch nie darüber nachgedacht. Mehr darüber zu wissen, wie man mit Vergangenheit umgeht und wie andere damit umgehen, kann helfen, neue Impulse für seine Entwicklung zu bekommen.

-- Fred

07.11.11 :: Lied der Woche

Loituma - "Ievan Polkka" (Eva's Polka)1996

Das Lied strahlt für mich die Freude aus, wenn eine Gruppe gut in Resonanz kommt. Wenn in einem Selbsthilfegruppentreffen die Mitglieder auftauen und ein angeregtes Gespräch entsteht, tauchen ähnliche Gefühle auf.

04.11.2011 :: Reaktionsvermeidung

Ein Phänomen, was ganz häufig in unseren Gruppen vorkommt, verdient es, endlich mal einen Namen zu bekommen: Reaktionsvermeidung

Abstrakt gesprochen könnte man sagen, es gibt Reize in der Gruppe, auf die gesunde Menschen reagieren würden. In der Gruppe hingegen bleibt eine Reaktion aus. Nichts passiert, ein Vakuum entsteht.

Da macht z.B. jemand einen Vorschlag, mal eine Wanderung zu machen. Normal wäre jetzt, das eine Reaktion kommt, also z.B.: "Wanderung, find ich gut, bin mit dabei." oder "Nee, auf Wanderung hab ich keine Lust." Stattdessen aber passiert nichts.

Reaktionsvermeidung ist eine zentrale Strategie, Kontakt zu vermeiden. Man wird selber nicht spürbar und wer nicht spürbar ist, kann auch nirgends anecken, nichts Falsches sagen, sich nicht lächerlich machen usw. Gerade in Gruppen gelingt es einem, durch Reaktionsvermeidung im schützenden Hintergrund zu bleiben.

Die große Schattenseite dieser Vermeidungsstrategie ist natürlich, nicht wirklich im Kontakt zu sein, nicht spürbar zu werden. Keiner weiß, was man denkt und fühlt. Und über das, was ich denke, fühle und will, wird auch nicht diskutiert. Ich werde so nicht Teil einer Gruppe, ich bleibe lediglich ein Zaungast, ein passiver Beobachter. Ich bleibe allein und isoliert.

Reaktionsvermeidung ist biografisch gut nachvollziehbar, als ein wichtiger Schutzmechanismus. Jetzt aber ist es zu einer festen Angewohnheit erstarrt, mit der man jedes zwischenmenschliche Risiko meidet. Weil man sich gar nicht anders kennt, meint man auch, so wäre man eben, das gehört zur eigenen Natur. Doch es geht immer auch ganz anders, wenn man sich dafür öffnet und wieder etwas riskiert.

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, diese Reaktionsvermeidung in der Selbsthilfe immer wieder zu konfrontieren. Konfrontation im Sinne, sich damit aktiv auseinanderzusetzen und es nicht unreflektiert dabei zu belassen. Es ist eine zentrale Vermeidungsstrategie, die verhindert, in einen echten zwischenmenschlichen Kontakt zu kommen. Sie verhindert auch, dass sich die eigene Persönlichkeit entwickelt. Eine Persönlichkeit, die sich nicht am anderen reibt und die sich nicht ausdrückt, erstarrt immer mehr und wird anfällig für Fehlwahrnehmungen und falsche Ansichten. Gesundheit entsteht dort, wo die Kommunikationskanäle offen sind und Menschen miteinander in echten Kontakt treten. Wenn man ausspricht, was man denkt, welche Meinung man hat, was man fühlt, was man mag und was einem wichtig ist.

Meine Erfahrung ist, dass sich Reaktionsvermeidung oft nicht von alleine auflöst. Betroffene müssen angesprochen und aufgefordert werden, sich einzubringen und Bezug zu nehmen auf das, was in der Gruppe passiert. In der Selbsthilfegruppe kann diese Funktion der Moderator übernehmen. Aber auch jeder sonstige Teilnehmer kann das tun. Auch ist es gut darauf zu achten, wie die Gruppe als Gesamtorganismus funktioniert. Ob in diesem Organismus öfters ein Mangel an Reaktion spürbar wird. Wenn dem so ist, dann könnte sowas zum Thema gemacht werden.

Reaktionsvermeidung kann auf der anderen Seite auch Gefühle von Wut und Ärger auslösen. Wenn Einzelne in der Gruppe aktiv werden und null Reaktion bekommen, dann löst das Gefühle von Ohnmacht aus oder man weiß gar nicht woran man ist. Es ist auch frustrierend, wenn man das System Gruppe anregt, diese Anregung aber ohne Resonanz verpufft. Man verliert schnell die Lust an einem System, was sich scheinbar nicht anregen lässt. Gepaart mit einem niedrigen Selbstwertgefühl sucht man den Fehler dann bei sich und verortet das Problem in der eigenen Unzulänglichkeit. "Was ich sage, scheint hier keinen zu interessieren."

Resonanz und Reaktion ist so wichtig. Als wir mal einen Workshop mit einer Therapeutin machten, war sie auch oft verwundert, warum keine Reaktion kommt. Sie konfrontierte das auch, in dem sie z.B. sagte: "Georg hat doch gerade in die Runde gefragt, warum kommt keine Reaktion?" oder "Jetzt braucht es eine Reaktion von euch.". Sie musste da immer wieder ackern, um gegen die Reaktionsvermeidung anzugehen.

Reaktionsvermeidung tritt vor allem in Gruppen auf. Von daher sind solche Probleme nur schwer in einer Einzeltherapie zu bearbeiten. Hier zeigen sich die Vorzüge einer Gruppentherapie gerade bei Sozialphobie und Schüchternheit. Der Therapeut erlebt das Problem direkt im Hier und Jetzt und kann unmittelbar Bezug darauf nehmen.

-- Fred

31.10.2011 :: Lied der Woche

Ton Steine Scherben - Alles verändert sich

Es gibt keine Wahrheit, wenn wir sie nicht suchen.
Es gibt keinen Frieden, wenn wir ihn nicht wollen.
Alles verändern sich, wenn du es veränderst,
doch du kannst nicht gewinnen, so lange du alleine bist.
...
Es gibt keine Freiheit, wenn wir sie nicht leben.

31.10.2011 :: Freiraum vergrößern

Man stelle sich einen Kreis vor. Der Bereich innerhalb dieses Kreises ist der Raum, in dem man sich angstfrei durch die Welt bewegen kann. Außerhalb ist der Bereich von Möglichkeiten, die Angst in uns auslösen. Je weiter außerhalb eine Möglichkeit liegt, um so mehr Angst macht sie auch.

Diesen Raum kann man auf ganz unterschiedlichen Ebenen finden. Es kann der tatsächliche Bewegungsraum sein. Manche können sich innerhalb von 5 Km Entfernung zur eigenen Wohnung sicher bewegen, bekommen aber Ängste, wenn sie weiter wegfahren wollten. Andere fühlen sich nur in der eigenen Wohnung sicher, alles außerhalb ist mit Angst verbunden.

Raum kann auch bedeuten, das man zwar angstfrei ins Kino gehen kann, sich aber nicht in eine Disco traut. Oder das der Kontakt mit bestimmten Personen ohne Angst möglich ist, bei anderen aber Ängste auftreten.

All das im Kreis ist das, dem wir uns auf der Welt angstfrei zuwenden können. Der Kreis zieht die Grenzlinie zu dem Erfahrungsfeld, welches mit Angst behaftet ist. Genau auf der Kreislinie beginnt es für uns, zu kribbeln, ein flaues Gefühl zieht durch den Magen oder ein Schauer läuft uns über den Rücken. Wie genau Angst empfunden wird, ist verschieden. Du kannst aber dein Angsterleben entdecken und genauer erforschen.

Der Kreis ist für unser Leben nicht starr festgelegt. Er tendiert bei vielen Angsterkrankungen dazu, zu schrumpfen. Besonders dann, wenn man sich nur noch in der Komfortzone bewegt. Das ist ungefähr so, wie im Sport: Geht man in eine Anstrengung hinein, steigt Kraft und Ausdauer. Wer 2 Wochen nur noch im Bett liegt, baut stark an Muskeln ab und hat Mühe, ein paar Schritte zu gehen.

Angsttraining wäre in diesem Sinne, mit der Grenze zur Angst zu spielen. Sich nicht beeindrucken zu lassen von der Angstgrenze, sondern spielerisch da hinein zu gehen. Das ist ungefähr so, wie kalt zu duschen: Es ist nicht so angenehm. Die Erfahrung, in eine Herausforderung hinein zu gehen, lässt einen aber stark werden und wachsen. Der Kreis vergrößert sich. Der Raum im Kreis wächst. Das, was wir angsfrei tun können, wird mehr. Diese Erfahrung hören wir in den Gruppen gerade bei Menschen, die schonmal extrem eingeschränkt waren. Betroffene, die sich nicht mehr aus der Wohnung getraut haben und jetzt wieder vieles angstfrei tun können. Diese neue Freiheit entstand dadurch, sich wieder beängstigenden Sachen zuzuwenden, die Kreislinie zu übertreten, in die Angst hineinzugehen.

Das Spielen mit der Angst scheint etwas Wesentliches zu sein. Also nicht jede Angst zu vermeiden, sondern in der Angst stehen zu können und das Gefühl von Angst bejahend durch seinen Körper hindurchfließen zu lassen. Motivieren kann, dass es eine lohnende Sache ist. Man erobert sich Land zurück. Der Kreis wird größer. Es ist schön, seinen Lebens- und Möglichkeitsraum zu erweitern.

Eine Betroffene wurde in einer Klinik damit motiviert, dass man ihr sagte: Verliebtheit und Angst sind im Grunde das Selbe. Sind sie nicht gerne verliebt?

In diesem Sinne sollte man sich öfters mal die Frage stellen: "Was könnte mich denn heute mal beunruhigen?", um dann kreativ zu werden und was spannend-beängstigendes zu finden, was eine Chance bietet, seinen Raum zu vergrößern. Natürlich ist nicht alles, was einen beunruhigt eine sinnvolle Angstübung. Man muss hier für sich herausfinden, was konstruktive Angst-Übungen sind, die wirklich das Potenzial haben, den Kreis zu vergrößern. Umgedreht sollte man besorgt sein, wenn man in den letzten Wochen seines Lebens keinerlei Herausforderung findet, die einen mit Angst konfrontiert hat.

Angstkonfrontation bewirkt ganz oft eine Vergrößerung seines Möglichkeitsraumes. Dies zeigen Erfahrungen von Betroffenen in unseren Gruppen.

Um dem Thema gerecht zu werden, muss aber auch erwähnt werden, dass es Ängste gibt, die sich durch Konfrontation nicht verändern oder gar schlimmer werden. Insofern ist fachkundige Unterstützung hier sinnvoll. Durch Psychotherapie entsteht auch immer mehr die eigene Fähigkeit, seine Begrenzungen zu verstehen und sich sinnvolle Herausforderungen zu suchen. Menschen reifen durch Psychotherapie und lernen, besser mit sich umzugehen.

In der Selbsthilfegruppe kann man von solchen Reifungsprozessen anderer profitieren. Jeder kann seine Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten einbringen. Jeder kann Bezug nehmen zu dem, wie andere mit ihren Problemen umgehen. So entstehen immer wieder Impulse und Ideen, was der nächste Schritt im eigenen Leben sein könnte.

Selbsthilfegruppe kann auch die direkte Herausforderung sein, die Kreislinie zu überschreiten. Letztens haben wir in einer Kerngruppe mal wieder so eine Übung gemacht, die deutlich ins Grenzgebiet außerhalb des Kreises hineinreichte. Wir bauten eine Art Hörsaal auf, wo vorne ein Rednerpult stand. Wer wollte, konnte nach vorne, um im Rampenlicht einen Text vorzulesen. Natürlich mit Beifall danach.

Es gibt immer wieder Möglichkeiten, direkt in der Gruppe, den Kreis zu überschreiten, in der Angst zu stehen und sich so neues Gebiet zu erobern. Und es gibt immer wieder die Gefahr, es sich all zu gemütlich einzurichten, in der Gruppe ;-)

-- Fred

27.10.2011 :: Kontrolle und Fließen

Angst und Kontrolle sind eng miteinander verknüpft. Wenn wir Angst haben, ist ein Teil unseres Bewusstseins damit beschäftigt, alles unter Kontrolle zu halten: Unsere Bewegungen, Körpersignale, unser Denken und was wir sagen. Das Gegenteil wäre aufblühen und sich frei fühlen. Dann fließt etwas auf ganz natürlich-wunderbare Weise in uns. Dann entsteht Fülle, Spontanität, Lebendigkeit und Freude. Dann wird der Mensch hinter der Kontrolliertheit spürbar. Und das erfreut andere Menschen, weil nun auch die Energie von Mensch zu Mensch fließen kann.

Wenn sich fremde Menschen das erste mal begegnen, herrscht oft erst mal eine eingefrorene Stimmung. Jeder kontrolliert sich noch. Manche haben gelernt, trotz ihrer Kontrolle eine lockere Fassade aufzusetzen. Doch etwas tiefer innen drin gibt es doch diese Kontrolle. Die Lockerheit ist nur gespielt, ist aufgesetzt. Wenn Menschen sich dann mehr und mehr vertraut werden, kann die innere Kontrolliertheit loslassen. Innere Impulse beginnen, ungestört zu fließen und alles wirkt natürlicher. Man schwingt miteinander, man ist gut im Fluß.

Bei Sozialphobie ist ein zentrales Thema, mit anderen Menschen nicht so leicht in Fluß kommen zu können. Das, was andere vielleicht nur in den ersten Minuten eines fremden Kontaktes wahrnehmen, wird zu einem Dauerzustand: Gestresste Angespanntheit, alles bleibt unter Kontrolle. Man könnte das auch als ein Überlebensprogramm bezeichnen, was da aktiv ist. Die Kontrolle als wichtiger Schutzmechanismus. Wozu soll das gut sein?

Schaut man in die Biografien von Menschen, die nur schwer Kontrolle loslassen können, lassen sich oft traumatische Erfahrungen finden. Erfahrungen, in denen diese Kontrolle sehr wichtig war, um zu überleben oder sich vor großem Schmerz zu schützen. Da war vielleicht der jähzornige Vater, der ausrastete, wenn man etwas Falsches sagte. Oder die verletzte Mutter, die sich beleidigt zurückzog, wenn man sie nicht genügend wertschätzte, und die so durch Liebesentzug strafte. Von Eltern ignoriert zu werden, kann für ein Kind unerträglich sein. Es gibt viele Spielarten, wie man gerade im Kindesalter in starken emotionalen Stress geraten kann. Situationen, die so schmerzen, dass man sie auf jeden Fall in Zukunft vermeiden will. Und dafür ist dann diese innere Kontrolle wichtig.

Kontrolle entwickelt sich meist schon in früher Kindheit, immer dann, wenn Kinder merken, dass sie nicht so sein dürfen, wie sie auch immer sind. Dabei geht es nicht um normale Grenzen, die auch jedes Kind braucht und die aufgezeigt werden und klar vertreten werden müssen. Es geht eher um die Erfahrung, dass es extrem schmerzliche Konsequenzen hat, wenn man einfach so ist, wie man ist. Man lernt, dass man so, wie man ist, ganz unannehmbar ist und fängt deshalb an, sich mehr und mehr zu kontrollieren. Man entwickelt eine Instanz in sich, die alle spontanen Impulse erst nochmal gegencheckt und jenes unterdrückt, was Gefahr bedeuten könnte. So entstehen eingeschüchterte Menschen, die sich nicht trauen, sich zu zeigen.

Natürlich kann es auch in späteren Lebensphasen Erfahrungen geben, die uns stark einschüchtern und in denen wir eine stärkere innere Kontrolle entwickeln. Die Schulzeit war für viele eine große Herausforderung, weil man in der Gruppe der Mitschüler in seinem Sosein nicht akzeptiert war. Oder später im Berufsleben macht man vielleicht Mobbingerfahrungen. Gerade aus Gruppen heraus können starke Energien gegen einen selber gerichtet sein.

Dies alles zeigt, Kontrolle ist nachvollziehbar und wichtig, gleichzeitig verlieren wir aber das so wichtige Fließen. Fließen bedeutet Fülle und Erfüllung. Wenn wir in Fülle anderen Menschen begegnen können, dann wird es wunderbar. Es ist deshalb gut, sich diesem Aspekt zuzuwenden: Wie kann ich wieder ins Fließen kommen?

Fließen hat etwas mit Loslassen zu tun. Und Loslassen braucht Mut und Vertrauen. Ganz oft beginnen Verändungsprozesse im Kopf: Das man eine Bereitschaft entwickelt, loszulassen, mehr in Fluß zu kommen und offener zu werden. Und das man mit diesem neuen Willen nun der Welt in allen möglichen Situationen begegnet. Der Wille bahnt sich seinen Weg.

Es gibt immer wieder Situationen im Alltag, wo man eine neue Offenheit ausprobieren kann. Wo man etwas wagen kann. Das können ganz kleine Dinge sein. Ich glaube sowieso, dass es die vielen kleinen Dinge im Alltag sind, die uns vor allem wachsen lassen.

Was Loslassen heißt, lässt sich in diversen Entspannungsverfahren ausprobieren. Besonders die progressive Muskelentspannung (nach Jacobson) ist ein erster guter Einstieg, weil es einem so schön die Polarität zwischen Anspannung und Entspannung bewusst macht.

Zu wissen, wer man wirklich ist und was einen ausmacht, ist ebenso wichtig. Hier braucht es interessanterweise den Rückzug und das Alleinsein. Wenn man sich im Kontakt mit anderen Menschen befangen und kontrolliert fühlt, sich sozusagen verliert, kann man im Alleinsein besser zu sich finden. Hier ist auch der Selbstausdruck im Alleinsein wichtig, um sich kennenzulernen. Man kann malen, Tagebuch schreiben, tanzen, musizieren, singen oder etwas handwerkliches machen. Wichtig ist, sich in seinem Wesen zu erleben.

Auch gut sind Kontakte mit Menschen, wo man das Gefühl hat, dort so sein zu dürfen, wie man ist. Wo man gelassen und entspannt sein kann und sich angenommen fühlt. Solche Kontakte helfen, sein Wesen zu stärken und damit Kontrolle immer öfters überflüssig zu machen.

Wichtig ist zu verstehen, dass man Kontrolle und Anspannung nicht durch Kraftanstrengung oder Kampf wegmachen kann. Gerade für willensstarke Menschen ist das schwer zu verstehen, weil sie normalerweise schwierige Aufgaben durch noch mehr Kraftanstrengung bewältigen. Loslassen ist aber genau das Gegenteil. Es ist sozusagen ein völlig anderer Prozess. Es braucht Zeit und Anleitung, für diesen Prozess ein Bewusstsein zu entwickeln.

Loslassen geht mit Sanftmut, Toleranz, Güte, Mitgefühl und sich lassen einher. Solche Seelenqualitäten können einem helfen, immer mehr und immer öfters loszulassen. Meditative Ansätze vermitteln oft diese Seelenqualitäten.

Kontrolle loszulassen und sich so zu erleben, wie man wirklich ist, kann ein spannendes Entdeckungs-Abenteuer werden. Ein Abenteuer, was Lust macht, sich immer mehr zu entdecken, sich immer mehr zu lassen. Ich wünsche euch viel Mut und Freude dabei.

-- Fred

01.10.2011 :: Ganz leicht - Ganz schwer

Mir ist in den letzten Jahren immer wieder eine paradoxe Situation aufgefallen. Eigentlich ist alles ganz einfach. Es wird gut ersichtlich, was man eigentlich tun müsste, um mit seinen Lebensthemen und Schwierigkeiten weiter zu kommen. Es geht dabei um eine klar erkennbare, scheinbar ganz einfache Sache. Aber genau das, was so einfach scheint, ist doch wieder so unglaublich schwer.

Wie kann etwas ganz leicht und zugleich ganz schwer sein? Das ist das große Paradoxon vieler Probleme auf psychischer Ebene. Vielleicht ist es gut, diesen Widerspruch gar nicht aufzulösen, sondern ihn bewusst so stehen zu lassen. Beides stimmt irgendwie und es wird der Sache nicht gerecht, wenn man versucht, es auf etwas Geringeres zu reduzieren.

Ein Beispiel: Ein Betroffener bekommt seit Jahren von seinem Therapeuten aufgetragen, in der Stadt mal fremde Menschen anzusprechen. Er soll z.B. mal nach dem Weg oder der Uhrzeit fragen. Für einen Außenstehenden ganz leicht und eine überschaubare Sache. Und doch für den Betroffenen so schwer, dass er es nicht tun kann und seit Jahren mit dieser nicht bewältigten Situation herumläuft. Aber dieser Betroffene weiß eigentlich auch um diese Seite, dass es irgendwie auch ganz einfach ist. Es ist schwer und es ist einfach! Und dann irgendwann gelingt es ihm, er macht es einfach. Und es war in der Tat ganz einfach. Er wundert sich: "Das war doch total einfach, warum hab ich das nicht schon längst mal gemacht?" Es war einfach, und doch war es auch so schwer, dass er so lange gebraucht hat. Das ist schon alles eine verrückte Sache. Eine Widersprüchlichkeit, die man nur schwer versteht.

Sich beider Seiten bewusst zu sein, kann helfen, psychische Probleme zu bewältigen. Es ist leicht sagt uns, es könnte jederzeit gehen, wir sind oft kurz davor, etwas zu bewältigen. Dann braucht es manchmal nur einen kleinen Funken Mut und es gelingt. Wir müssen nur wach für den Augenblick sein und den Willen in uns warm halten, den Schritt zu wagen, wenn er sich anbietet.

Es ist schwer sagt uns, geduldig mit uns zu sein, nicht aufzugeben und sich nicht über sich zu ärgern. Die Schwere einer Sache wertzuschätzen hilft uns, nicht zu verzweifeln oder mit uns zu hadern. Denn das untergräbt unser Selbstwertgefühl. Wenn man nur die leichte Seite sieht, meint man schnell, unfähig zu sein. Aber man ist nicht unfähig, auch wenn es leicht aussieht, es gibt auch die ganz schwere Seite daran und die macht es uns oft unmöglich, das eigentlich Leichte zu tun.

Eine Spielart ist auch, dass wir eigentlich wissen, was wir tun müssten. Aber wir tun alles mögliche andere, wo wir eigentlich wissen, dass das nicht zielführend ist. Aber es ist einfacher. Wir vermeiden das, worum es eigentlich geht und hoffen, über einen anderen Weg zum Ziel zu kommen. Obwohl uns eigentlich klar ist, dass es so nicht geht. Sich hier immer mal wieder zu erinnern, worum es eigentlich geht und was wir eigentlich tun müssten, ist sinnvoll und erspart einem viele Umwege.

Das Wort "Eigentlich" verrät uns oft diese Doppel-Charakteristik. Eigentlich ist die Einschränkung, die wir machen, wenn etwas mehrere Seiten hat. Da gibt es noch etwas anderes, wo es sich lohnt, auch diese Seite mal zu betrachten.

Wenn Menschen ihre psychischen Themen lösen, dann war es schlussendlich doch ganz einfach. Das macht Mut, dran zu bleiben. Die Lösung ist oft zum Greifen nahe. Spontanität und etwas Verrücktheit können helfen, mal Dinge zu tun, die uns ausbrechen lassen, aus Gewohntem. Und dann wird es auf einmal ganz leicht...

-- Fred

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