Sopha Selbsthilfe

Tagebuch schreiben

von Fred vom Jupiter im November 2005

Mir fällt gerade auf, dass sich so was herauskristallisiert. Ich spüre irgendwie immer mehr, was alte Muster sind, die ablaufen und was das Wahre ist, das was ich leben könnte wenn diese Muster überwunden sind.

Tagebuch schreiben ist heilsam. Man muss kein toller Schreiber sein und es geht nicht darum, schöne Sätze zu machen. Worauf es ankommt: Zu schreiben, was man erlebt hat, was einen beschäftigt, was sich in einem und um einen herum ereignet.

Toll ist am Giebelsaal, das man sich im Fenster spiegelt und ich so mich sehen konnte. Das hat Spaß gemacht, meinen Körper zu entdecken, damit zu experimentieren. Und obwohl ich den restlichen Abend alleine war, war ich nicht einsam. Es war einfach schön, alleine zu sein.

Und auch, wenn es einem anfangs schwer fällt, es besteht die Chance, dass man irgendwann richtig Freude darin entwickelt. Durch das beschreiben, was ich erlebe, schärft sich meine Bewusstheit. Ich werde genauer, kann das, was ich erlebe, besser in Worte fassen. Ich kann es klarer erkennen und ich kann durch das Schreiben auch zu Erkenntnissen gelangen.

Die Theaterspielgruppe lief recht gut, ich nahm mir vor, den Weg zu wählen, der ohne Druck ist. Und das klappte recht gut. Da merkte ich auch mein eigentliches Problem. Ich bin früher immer viel zu schnell in was reingedrängt worden, musste schneller lernen, als es mir gemäß war. Und da das immer fürchterlich mit Stress verbunden war, hat es mir auch Angst gemacht.

Die Dinge passieren nicht nur einfach - nein, durch das Schreiben mache ich sie mir auch bewusst. Ich sehe: "Ah ja, so ist das mit mir. Das habe ich heute erlebt. Und das scheint was zu tun zu haben, mit einer alten Erfahrung." Ich schaue auf das, was täglich passiert. Und darüber lerne ich, was ich für ein Mensch bin.

Das abschließende tanzen war dann wieder für mich eine ziemliche Überraschung, ein Überfall, aber alle taten es. Ich musste mich mal wieder stark überwinden - Gott sei dank hatte ich in den letzten Monaten mit dem Tanzen Erfahrungen gemacht. So ging es dann doch recht gut - das Gefühl von Scham bzw. der Angst ausgelacht zu werden, blieb jedoch die ganze Zeit.

Wer mutig ist, traut sich auch das zu schreiben, was er nicht so an sich mag, was er eigentlich gar nicht so genau über sich wissen will. Doch genau dort, wo unser Schatten liegt, tut Versöhnung not. Wenn wir uns langsam durch das Schreiben da heran tasten, kann etwas heilen. Sich so sehen zu können, wie man ist, mit seinen schönen und seinen unangenehmen Seiten, schafft Klarblick. Und den braucht es, wenn man sein Leben entwirren will.

Was mir gerade so auffällt: Natürlich habe ich die ganzen Probleme in Beziehungen, Probleme in der Arbeit usw. Dinge, die sich mit Rollenspielen ganz gut lösen lassen. Ich habe aber im Moment das Gefühl, das etwas dran ist, was tiefer sitzt. Ich will im Moment nicht meine Energie da rein bringen, ich will an das ran, was tiefer sitzt. Die Frage ist, wie kann mich da die Gruppentherapie unterstützen? Kann das gehen oder ist die Gruppe eher für diese anderen Dinge da?

Jeden Tag entstehen Konfliktfelder in einem. Etwas passt nicht zusammen, Widersprüche entstehen, etwas will geklärt werden. Tagebuch schreiben kann ein guter Klärungsprozess sein. Und es kann auch ein Prozess der Verarbeitung sein.

Später kam ich in einen Konflikt rein, der wieder sehr viel inneren Druck auslöste. Einerseits erschöpft und am liebsten kaum noch was tuend heute, andererseits die Möglichkeit und der Wille, an der Meditation teilzunehmen. Ich wollte eigentlich nicht, aber etwas war in mir streng und wollte mich unter Druck setzen: "Na los, verschlaf nicht alles, nutze die Zeit hier, tue was, versäume nicht dieses Angebot."

In einem Tagebuch kann ich alles sagen, was ich sonst vielleicht mit niemanden bereden kann. Mein Tagebuch ist damit ein Freund, mit dem ich wichtige Dinge austauschen kann. Und manchmal ist es wie ein Wunder und eine weise innere Stimme gibt mir Antwort. Oder man bekommt eine Ahnung, worum es eigentlich geht, was jetzt wichtig für mich ist.

Heute war recht schön. Viele kleine Erkenntnisse sind mir gekommen, so als wäre heute der Tag, wo sich alles ordnet und Sinn ergibt, die Ernte für die Bemühungen der letzten Tage, die Früchte sind gereift.

Ausdauer ist wichtig für's Tagebuch schreiben. Es gilt, dranzubleiben. Immer wieder. Nicht unbedingt jeden Tag, aber mehrmals in der Woche sollte man sich schon Zeit nehmen. Sonst versandet es wieder.

Wer regelmäßig Tagebuch schreibt, wird wacher für das, was im Leben geschieht. Schon während des Tages spürt man: "Das ist jetzt gerade eine wichtige Situation, die muss ich mir später noch aufschreiben und ein wenig darüber nachdenken."

Als Marga konfrontiert wurde, spürte ich einen Teil in mir, der sich darüber freute. Ich wollte ihn unterdrücken, lies ihn dann aber bewusst zu und unterstützte ihn. Ich stellte mir vor, wie ich so richtig sadistisch bin und einen Mensch trete und nieder mache. Auf einmal kippte es und ich dachte und fühlte: "Was für ein Wahnsinn, was ist das für eine Wahnsinn." Und da begriff ich, wie meine Energie nach Zerstörung nur ein Bewältigungsversuch ist, die eigene Gewalterfahrung zu verarbeiten. Etwas in mir ist immer noch schockiert und entsetzt und sprachlos.

Wenn man in seinem Tagebuch zurückblättert, mal wieder liest, was man erlebt hat, dann findet man vielleicht etwas, was man immer wieder ähnlich erlebt. Man wird aufmerksam und wach für die Muster des eigenen Lebens. Vielleicht beginnt man zu erahnen, dass nicht nur die Welt im außen mir das immer wieder beschert, sondern das ich irgendwas damit zu tun haben muss, warum gerade mir sowas passiert.

Auch kann man sich beim zurückblättern an Erkenntnisse erinnern. Man erlebt etwas, wo man weiß, dass war doch schonmal so ähnlich da. Dann kann man schauen, wie man damals gedacht hat. Vielleicht hatte man schonmal mehr Klarheit und kann sich wieder daran erinnern. Manches vergisst man schnell wieder, gerade wenn es gänzlich neue Ideen oder Erkenntnisse sind.

Ich konnte mich mal wieder besinnen und merke, wie ich doch aufpassen muss, das ich mich nicht verzettele, dass ich hier wirklich das erreiche, was ich erreichen will. Die Zeit hier ist kostbar und wichtig für mich.

Ein Tagebuch kann auch eine Hilfe sein, sich etwas vorzunehmen. Im Klärungsprozess entstehen Einsichten, was eigentlich gut wäre. Im Tagebuch festzuhalten, dass man sich dies oder jenes vornehmen möchte, kann helfen, der Sache auch Energie und Aufmerksamkeit zu geben. Es geht nicht darum, sich unter Druck zu setzen, sondern eher um eine Bitte, das einem genügend Kraft geschenkt werden möge, dies zu tun.

Jedes Tagebuch ist anders. Versuche nicht, in einem Stil zu schreiben, der nicht deiner ist. Finde viel mehr mit der Zeit heraus, was deine Art ist, das Tagebuch schreiben für dich sinnvoll zu nutzen.

Anfangs braucht es ein Stück Bemühen und Ausdauer. Irgendwann entwickeln sich daraus vielleicht schöne Momente der Besinnung.

Ich wünsche dir gutes Gelingen.

Weblinks und Buchempfehlungen