Sopha Selbsthilfe

Weblog

08.06.2011 :: Selbstausdruck - Möglichkeit zur Empathie

Hab lange hier nicht mehr geschrieben, mag aber jetzt mal etwas Gedanken-Input geben, einfach mal schreiben, was mir grad durch den Kopf geht.

Ihr erlaubt zuvor ein Gedicht von Goethe?

"Geh, gehorche meinen Winken,
nutze deine jungen Tage,
lerne zeitig klüger sein.
Auf des Glückes großer Waage
steht die Zunge selten ein:
Du musst steigen oder sinken.
Du musst herrschen und gewinnen
oder dienen und verlieren,
leiden oder triumphieren,
Amboss oder Hammer sein."

Klingt etwas martialisch. Wahr daran ist, dass jeder Verzicht auf Selbstausdruck (aus Angst) uns auf die leidende Seite verschlägt. Wo wir aber Ausdruck finden, gewinnen wir Anschluss an eine Art "Common sense" des Selbstgefühls. Wir betreten die Gemeinschaft derer, die sich ausdrücken. Und selbst, wenn das, was wir ausdrücken, sehr einzeln und verschieden von anderem sein kann, - so ist doch der Vollzug des Auf-die-Bühne-Kommens und der emotionale Raum, in dem wir dann sind, nicht individuell, sondern ein allgemein-menschliches Gestimmtsein und Lebensgefühl. Die Ankunft dort bewirkt deshalb Geborgenheit. - Wer sich nicht durchringen kann, sich auszudrücken und dem allgemeinen Lebensvollzug beizutreten, empfindet sein Zurückbleiben als Weltverlust - als Angst.

Mir sind beide Stimmungen vertraut: Die Empfindung meiner Vereinzelung, des Feststeckens und zu keiner Gemeinschaft Kommens; aber auch der gelingende Vollzug, wenn ich mich entscheide, der und der zu sein, und spüre, dass das ankommt, dass ich dadurch für andere erkennbar werde. So wird das, was unserem Lebensgefühl als unsicher erscheint: Ausdruck, Erkennbarkeit und Kontakt, zu einem Geschehen, das uns in Sicherheit bringt, wenn wir nur lernen, uns darauf einzulassen.

-- MichaelS

21.07.2009 :: Selbstwert - Gedanken zum Bildungsabend

Beim letzten Bildungsabend hörten wir einen Vortrag von Boglarka Hadinger zum Thema Selbstwert. Gleich eingangs wurde eine bedeutende Frage gestellt: "Fühle ich mich wertvoll?" Ich finde das eine wirklich wichtige Frage, die vor allem gefühlt werden will. Fühle ich, dass ich wertvoll bin? Und wovon hängt es ab, dass ich mich wertvoll fühle?

Boglarka Hadinger sagt, dass der Selbstwert durch die eigene Bewertung zustande kommt. Das ist etwas, was auch mir oft auffällt: Viel Wertvolles, was Menschen in die Welt bringen, können sie selber oft nicht sehen oder wertschätzen. Und damit meine ich auch wieder eine gefühlte Wertschätzung, das sich also wirklich eine Empfindung in einem einstellt, dass es gut und wertvoll ist, das man da ist und das man etwas in die Welt bringt.

Die Wertschätzung des eigenen Wesens, der eigenen Werte und Vorstellungen, ist hier auch wichtig für die Selbstbehauptung. Denn nur, wenn ich den Wert in meinen Dingen sehen kann, dann werde ich genug Kraft aufbringen können, diese zu vertreten und auch mal mit Nachdruck einzubringen. Selbstbehauptung in diesem Sinne ist dann nicht "Der Stärkste setzt sich durch", sondern ein "Ich bin überzeugt, dass dies richtig ist und deshalb will ich es.". Wie traurig ist es hingegen, wenn jemand einen wirklich guten Einfall hat, der aber nicht zum tragen kommt, weil er sich dafür nicht genug engagiert.

Selbstwert ist Schwankungen unterworfen. Bei jedem Menschen - so Boglarka Hadinger. Es ist also völlig normal, dass jeder Mensch sich auch mal klein und minderwertig fühlt. Gerade in Übergangsphasen, wie der Pubertät, brechen alte Überzeugungen zusammen und eine neue Orientierung entsteht. Und hier ist es dann völlig normal, dass man sich klein und unsicher fühlt. Wichtig ist dann, dass man sich auch in seinem Mangel an Selbstwert annehmen kann.

Und auch dann, wenn man mal eine Zumutung für andere ist, ist es gut, sich so annehmen zu können. Es ist vollkommen normal, dass man manchmal eine Zumutung für andere ist, sich daneben benimmt, versagt oder mal eine Belastung für andere darstellt. Kann man auch diese Seite im Leben annehmen, muss man sich nicht tausend Ersatz-Strategien ausdenken, um sein geschädigtes Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren. Verzeiht man sich seine Unfähigkeit nicht, untergräbt man durch überzogene Vorstellungen sein Selbstwertgefühl.

Ein wichtiges Thema ist, wie mich Menschen im Laufe des Lebens gespiegelt haben. Habe ich öfters mal Worte gehört, die meine Kompetenz anerkannt haben? Habe ich gespürt, dass Menschen mich mögen? Hab ich gespürt, dass ich beliebt bin? Manchmal kann es sein, das Menschen einem das schon gesagt haben, man es aber selber nicht fühlen konnte, weil man Lob nicht zulassen kann. Es dringt dann gar nicht auf einer Gefühlsebene zu einem durch.

Einen inneren Frieden mit sich zu schließen, erscheint ganz wichtig zu sein. Boglarka Hadinger spricht von der Inneren Kommunikation. Genauso, wie in einem schlechten Umfeld wir durch äußere Kommunikation herabgewürdigt werden können, sind die inneren Selbstgespräche von zentraler Bedeutung. Was läuft in meinem Bewusstsein ab, welche inneren Dialoge entstehen? Diese sind nicht selten abwertend und lieblos. Hier einen liebevollen inneren Umgang mit sich auszubilden, scheint ganz wichtig. Dies erinnert mich an das Therapiekonzept "Aussöhnung mit dem inneren Kind".

Dies zeigt auch, es ist wichtig, die Verantwortung dafür zu übernehmen, seinen Selbstwert zu entwickeln. Wir können als Erwachsene viel dazu tun, in dem wir z.B. unsere inneren Dialoge und Einstellungen zu uns selbst verändern.

Boglarka Hadinger nennt als eine wichtige Blockade für den Selbstwert überzogene Ziele, Erwartungen und Ideale. In der Gruppendiskussion ist uns da auch nochmal klar geworden, dass gerade gesellschaftlich viele überzogene Erwartungen an uns herangetragen werden, die kaum einer erfüllen kann. Einerseits suggerieren Werbung und Medien, was wir alles sein sollen, können und darstellen müssen. Auf der anderen Seite gibt es hohe Ansprüche in der Arbeitswelt. Wer einen guten Job haben möchte, muss sich behaupten und in vielerlei Hinsicht Bester sein. Dieser Trend hat in den letzten Jahren durch Kostendruck, Konkurenzkampf, Gewinnstreben und Globalisierung stark zugenommen. Und wenn man sich mal die Kontaktanzeigen durchliest, spürt man selbst dort unglaublich hohe Erwartungen, die ein Partner so erfüllen muss.

Was ist mit denen, die von ihrer genetischen Konstitution keine Höchstleistungen bringen können? Was ist mit denen, die keine optimale Körpergröße oder kein optimales Körpergewicht haben? Sollen die sich alle unwert fühlen? Ich glaube, hier ist es wichtig, sich nicht dem Diktat und Trend einer Gesellschaft zu unterwerfen. Mut und Kraft gehört dazu, sich von falschen Vorstellungen einer Gesellschaft abzugrenzen und seinen eigenen Weg zu gehen. Ich glaube auch daran, dass jeder etwas in sich trägt, dessen Entfaltung wertvoll ist und wofür man sich engagieren sollte. In dieser Hinsicht lohnt es sich, auf seine Stärken und Fähigkeiten zu schauen und nicht auf das, was man nicht ist oder nicht kann.

Hier spricht Boglarka Hadinger auch eine weitere Blockade für Selbstwert an: Sich immer wieder mit denen zu vergleichen, die irgendwo besser sind oder es besser haben. Dies scheint irgendein genetisches Grundprogramm zu sein, was unglücklich macht, wenn wir dem zu viel Raum geben. Es wird immer und überall Menschen geben, die es besser haben, als wir. Und wenn man immer nur dorthin schaut, empfindet man sich selbst als minderwertig, als jemand, dem etwas fehlt. Die andere Seite wird selten betrachtet: Das z.B. 60% der Weltbevölkerung ums reine Überleben kämpft, weil nicht mal genug zu Essen da ist. In dieser Hinsicht sind wir in Deutschland alle reich und haben Glück gehabt, hier geboren zu sein.

Boglarka Hadinger gibt noch einen interessanten Anstoß: Wie oft fördert man eigentlich das Selbstbewusstsein anderer? Wie oft spricht man mal anerkennende Worte aus? Wie oft würdigt man also andere? Ich glaube ja daran, dass jede innere Haltung mir selbst wie auch anderen zu gute kommt. Die Haltung, Wertvolles zu würdigen und zu sehen, ist unabhängig von der Person. Sie betrifft mich wie auch andere.

-- Fred

05.06.2009 :: Wenn nicht alles so wichtig wäre...

Wenn es mir nicht so wichtig wäre, was andere über mich denken, könnte ich frei und unbekümmert einfach so sein, wie ich bin.

Wenn es mir egal wäre, dann darfst du gerne über mich lachen. Dann würde deine Geringschätzung nichts mit mir zu tun haben.

Ihr könntet alle über mich reden und tuscheln, warum auch nicht. Ich will es euch lassen, irgendeine Art von Unterhaltung braucht ja jeder. Amüsiert euch ruhig köstlich...

Wenn mir peinliche Situationen nicht so wichtig wären, würde ich wohl auch selber drüber lachen, wenn ich mal wieder ins Fettnäpfchen getreten bin. Dann wäre Peinlichkeit ein alter Freund für mich, der mich mal wieder besucht...

Und wenn ich gerade mal wieder zitternd meine Kaffeetasse zum Mund führe, ist auch das völlig ok. Der Kaffee schmeckt mit oder ohne Zittern. Und die Gedanken, die ich in anderen dadurch auslöse, dürfen gerne sein.

Wie leicht wäre das Leben, wenn ich nicht alles für so fürchterlich wichtig halten würde? Vielleicht hängt alles nur daran, die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind.

Gedanken nach einer Gruppenstunde von Fred

21.05.2009 :: Bereitschaft zur Veränderung

Wieviel bist du bereit, in deine Gesundung zu investieren?

Das ist eine interessante Frage und ich hab das Gefühl, daran hängt ganz viel. Ich glaube, dass man bei Sozialphobie oft beträchtlich Zeit, Mühe und Ausdauer investieren muss. Und eine Menge Mut gehört natürlich auch dazu. Es ist für viele kein Problem, welches man mal eben nebenbei löst oder durch einen Therapeuten lösen lässt. Auch wenn der Wunsch danach groß ist.

Ich beboachte, dass die Bereitschaft, etwas in seine Gesundung zu investieren, oftmals einen längeren Leidensweg braucht. Je größer der Leidensdruck, um so mehr ist man bereit, etwas zu tun. Leider bricht das Bemühen aber auch wieder ab, wenn der Leidensdruck sich wieder abschwächt. Es ist nicht untypisch, dass es viele solcher Phasen mit großem Leidensdruck braucht, bis sich genug Einsicht und Kraft entwickelt, wirklich etwas zu verändern.

Die Bereitschaft wächst oftmals im Laufe des therapeutischen Prozesses. Bei Therapie-Neulingen kann es schonmal daran scheitern, dass die 30 Minuten Fahrtweg zum Therapeuten als zu langwierig empfunden werden und man deshalb gar nicht erst die Therapie beginnt. Oder das die 6 Monate Wartezeit auf eine Therapie als unzumutbar empfunden werden.

Umgedreht kenne ich einige, die nach jahrelanger Therapie eine große Bereitschaft entwickelten, sich tiefgreifend zu verändern. Selbstbezahlte Therapien oder anstrengende Therapiewochenenden nimmt man nun auf sich. Oder die lange Reise zu einem 100Km entfernten Therapeuten, tritt man regelmäßig an. Weil man spürt, dass man mit diesem Menschen sehr effizient zusammenarbeiten kann. Irgendwie ist eine Einsicht gereift, dass man wirklich will und das man bereit ist, dafür alles nötige zu geben. Der therapeutische Prozess hat eine ganz zentrale Bedeutung im Leben bekommen.

Ich glaube, dass viele nicht wirklich weiter kommen, weil sie immer noch auf der Suche nach einfachen Lösungen sind, die einem wenig Veränderung abverlangen. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut, nur das Nötigste tun zu wollen und auch das nur widerwillig. Es ist immer noch die Hoffnung da, das Problem wird sich irgendwie von selbst oder nebenbei erledigen. Oder es wird für mich erledigt.

Ein Musterbeispiel dafür ist die Vorstellung von Hypnose. Sie versinnbildlicht die Hoffnung, nahezu mühelos gesund zu werden. Insofern löst sie immer wieder eine Faszination unter Betroffenen aus. Auch wenn Hypnose eine durchaus sinnvolle Therapiemethode sein kann, so löst sie für alle mir bekannten Menschen nicht die Hoffnung ein, mühelos seine Probleme zu bewältigen.

Faszinierend und kostbar finde ich die Phasen, in denen Menschen wirklich tief bereit sind, sich verändern zu wollen. Es ist beeindruckend, was Betroffene dann alles bewegen und wie sie in solchen Phasen reifen. Und wie sie andere Menschen anstecken, auch an sich zu arbeiten.

Vielleicht ist die tiefe Bereitschaft, wirklich etwas verändern zu wollen und dafür viel auf sich zu nehmen, ein zentraler Schlüssel für die Lösung seiner Probleme. Wenn es sich so verhält, dann wäre die Frage: Wie kann man so eine Bereitschaft fördern? Wie kann sich dieser starke und beständige innere Wille entwickeln?

Braucht es dafür 10-20 Jahre leidvolle Erfahrungen und dutzende Therapien? Oder kann so eine Einsicht schneller reifen? Kann man schneller an den Punkt kommen, wirklich all das für sich zu tun, was es braucht? Auch wenn das bedeutet, dass es sehr anstrengend wird?

Ich denke, das sind spannende Fragen, die man mal in einer der kommenden Gruppen diskutieren kann.

-- Fred

11.01.2008 :: Eindrücke vom Bildungsabend

Beim zweiten Sopha Bildungsabend hörten wir Gabriele Haug-Schnabel mit dem Thema "In der Kindheit wird die Erfahrungsschatzkiste gefüllt" - ein Mitschnitt von Radio Vorarlberg.

Im Vortrag wird die Meinung vertreten, dass wir genetisch bedingt, mit Lust auf Kontakt und Kommunikation geboren werden. Wir sind offen und neugierig und wollen die Welt entdecken und begreifen.

Diese grundsätzliche Lust auf Kontakt und Kommunikation reicht aber nicht aus. Sie braucht gerade in den ersten Lebensjahren ein förderliches Umfeld: Das Kind braucht die Aufmerksamkeit der Erwachsenen, es muss gespiegelt werden. Es braucht Menschen, die sich für das Kind interessieren, die Kontaktangebote machen und die auf die Lust an Kommunikation des Kindes reagieren.

Wenn dies ausbleibt, zieht sich ein Kind ganz schnell in sich zurück - es resigniert. Das ist wirklich fatal: Rückzug kann recht schnell passieren. Das Kind trifft unbewusst die Entscheidung, dass sich Kommunikation nicht lohnt. Und ab jetzt ist das Lustvolle an Kommunikation verloren, was dafür sorgt, dass man seine kommunikativen Fähigkeiten immer weiter entwickelt. Stattdessen wird Kommunikation auf ein Minimum reduziert. Gleichzeitig geht eine der wichtigsten Quellen für Lebensfreude verloren - in wohltuendem kommunikativen Kontakt mit anderen Menschen zu sein.

Ein Kind braucht übrigens einen realen Menschen, der direkt auf das Kind reagiert. Ein Fernseher bringt in diesem Sinne überhaupt nichts.

Ängste - auch hier hat ein Kind eine Lust darauf, beängstigende Situationen zu meistern. Ängste gehören damit selbstverständlich zum Leben und das Kind zieht eine Befriedigung daraus, über die Ängste hinauszuwachsen. Auch dies kann nur im richtigen Umfeld gelingen: Wo Kinder nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert werden. Wo sie beängstigende Situationen durchleben dürfen, aber trotzdem nie zu viel Angst ertragen müssen. Wo ein Erwachsener genug Sicherheit gibt, aber nicht überfürsorglich das Kind vor allem bewahrt. Das Kind muss die Erfahrung machen können: Ich kann selber was gegen beängstigende Situationen unternehmen (Selbstwirksamkeit).

Ein Kind braucht Anregung: Es muss vieles kennenlernen und es ist wissbegierig. Das gilt vor allem auch für soziale Beziehungen. Es reicht nicht die Beziehung zu den direkten Bezugspersonen. Es braucht gleichaltrige Kinder. Und es schaut begeistert älteren Kindern zu und lässt sich inspirieren. Kontakte mit anderen Erwachsenen bringen auch immer wieder neue Beziehungsaspekte mit hinein.

Ich glaube, hier liegt auch ein zentraler Punkt für Sozialphobie: Wer als Kind entspannte Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen machen konnte, bekommt wichtige Grundlagen, um auch später sich im Kontakt wohl zu fühlen. Es könnte interessant sein, sich hier mal seine eigene Geschichte anzuschauen. Welche Kontakte hatte ich in meiner Kindheit? Wurden Kontakte mit anderen gewünscht und waren sie angenehm? Oder gab es belastende Situationen, die dabei entstanden? Hatte ich von früh an Kontakte zu Gleichaltrigen oder erwischte es mich plötzlich erst mit der Einschulung?

Was bringt das größte Wohlgefühl in den ersten Lebensjahren? Das Gefühl, dass da jemand ist, der auf mich gewartet hat und sich an mir erfreut. Das Gefühl, gesehen und gehört zu werden. Das Gefühl, wichtig zu sein. Viele Menschen haben hier eine zentrale Verletzung erfahren und sind ihr ganzes Leben auf der Suche, diese Anerkennung und Zuwendung doch noch zu bekommen. Wie viele therapeutische Arbeit mündet irgendwann in die Erkenntnis "Was hab ich alles getan, um das Gefühl zu haben, geliebt zu werden..." Im Sozialphobie-Umfeld erlebe ich häufig Menschen, die alles haben und glücklich sein könnten, jedoch haben sie einen großen Selbstzweifel und können einfach nicht glauben, dass bereits alles da ist.

Interessant ist, das Kinder ein verstärktes Interesse daran haben, wie andere Menschen Konflikte lösen. Bei Streiterein und Auseinandersetzung schaut es also besonders hin. Leider ist hier so oft ein großer Mangel da: Konstruktive Verhaltensmuster, wie man mit Meinungsverschiedenheiten umgeht, werden viel zu selten gelebt. Hier sehe ich große Chancen, später im Nachhinein vieles dazulernen zu können. Gerade bei sozial ängstlichen Menschen sind hier kaum gute Handlungsalternativen vorhanden. Die eigenen Bedürfnisse werden nicht erkannt und kommuniziert. Für die eigenen Bedürfnisse wird nicht gekämpft. Man erträgt oder erduldet lieber Entscheidungen, die gegen die eigenen Bedürfnisse gehen.

Kinder haben Lust auf Bewegung. Diese Lust ist uns angeboren. Überall auf der Welt wird z.B. getanzt und Kinder lieben es, zu tanzen. Seinen Körper zu nutzen und seine körperlichen Fähigkeiten auszuloten und zu entwickeln, ist auch im Zusammenhang mit Sozialphobie essentiell. Das mag man auf den ersten Blick gar nicht glauben, aber: Es bringt einem viel Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, wenn man körperlich seine Erfolgserlebnisse macht. Wie beglückend, wenn man nach dem Stein greifen kann, der da vor einem liegt. Wie beglückend, den ersten Schritt beim Laufen lernen gemacht zu haben. Wie angenehm, wenn man es schafft, über einen Baumstamm balancieren zu können. All das schafft Selbstbewusstsein und das Vertrauen in sich selbst, das Leben bewältigen zu können. Handlungsmöglichkeiten in sich zu spüren, um dem Leben begegnen zu können.

Auf der anderen Seite kann man schnell Opfer werden, wenn man körperlich ungeschickt ist. Schnell wird man zum Opfer von Gleichaltrigen, die sich darüber lustig machen, wie unbeholfen man ist. Nicht wenige von Sozialphobie Betroffene haben z.B. auch Angst davor, sich ungeschickt zu bewegen. Das kommt gerade in der Angst zum Ausdruck, vor den Augen anderer zu tanzen. Hier fehlt ein Selbstvertrauen in den eigenen Körper.

Insofern halte ich es gerade in der Therapie bei Sozialphobie für sehr wichtig, sich auch dem Körper zuzuwenden. Es gibt mittlerweile viele Bewegungsangebote in der Psychotherapie, jedoch wird in der Behandlung von Sozialphobie hierauf nur selten zurückgegriffen (Feldenkrais, Tai-Chi, Qigong, Konzentrative Bewegungstherapie, Körperwahrnehmungs-Schulung, therapeutischer Tanz, Körperpsychotherapie, Bewegungsmeditationen).

Kinder entwickelt auch eine große Lust auf Physik im Alltag: Sie wollen alles begreifen. In allem, was die Welt bietet, ist auch eine Lust, zu verstehen, wie sie funktioniert. Hier brauchen Kinder Erfahrungsräume, hier müssen sich Kinder ausprobieren können. Und es braucht hier nicht die Erwachsenen, die ihnen sofort sagen, warum wie alles genau funktioniert. In der Selbsterfahrung und dem Ausprobieren liegt der Wert. Durch eigenes Forschen und Fehlermachen dahin zu kommen, das man die Welt besser begreift. Man muss Fehler machen dürfen um daraus lernen zu können.

Ein ungünstiges Umfeld sind hier sicherlich Bezugspersonen, die perfektionistisch sind und das Kind in seiner Unperfektheit nicht so lassen können. Die sofort etwas Perfektes erwarten und dem Kind zu wenig eigenen Erfahrungs- und Ausprobierraum zu lassen.

Der Bereich Kommunikation betrifft übrigens auch alle Erfahrungen die man macht: Ein Kind hat das große Bedürfnis, über alle Erfahrungen, die es macht, mit anderen sprechen zu können. Das ist ein Grundbedürfnis und in jedem Menschen so angelegt. Auch hier braucht es wieder Menschen, die dem Kind zuhören. Ein Umfeld, wo über alles geredet werden darf.

Wenn man hier Mängel in seiner Kindheit entdeckt, kann man jetzt diese Bereiche entwickeln, wo zuvor Mangel herrschte. Die Selbsthilfegruppe ist z.B. oft ein Ort, wo man endlich mal über all das reden kann, wofür man früher nie einen Ansprechpartner hatte. Dinge, die man sonst nur mit sich selbst ausgemacht hat. Hier immer mehr zu lernen, über all das zu sprechen, was einen betrifft, macht einen großen heilsamen Effekt der Selbsthilfe aus.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt, der auch in dem Vortrag angesprochen wurde: Sprache ordnet und strukturiert. Wer etwas gut in Sprache ausdrücken kann, ordnet seine Gedanken, bekommt mehr Klarheit. Und diese Klarheit kann einem helfen, sich besser zu begreifen, um dann herauszufinden, was man braucht oder was der nächste Schritt sein kann.

Auch ein Grundimpuls, der wohl genetisch festgelegt ist: Wir haben eine Lust daran, besser zu werden. Lernen in diesem Sinne ist dann etwas ganz natürlich Motiviertes. Und auch das schafft natürlich wieder viel Selbstvertrauen und Selbststärke: Wenn man immer wieder erlebt, wie man sich mit einer Sache beschäftigt und besser wird. Wenn man erlebt, wie die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sich entwickeln. Wenn man stolz darauf ist, dass man etwas auf einmal kann.

Wenn diese Lust ein Leben lang erhalten bleibt, werden wir uns immer weiter entwickeln. Und immer wieder Freude an dieser Weiterentwicklung haben. Für Menschen, die diese Lust am Lernen verloren haben, kann man schauen: Was ist schief gelaufen und wie kann ich meine natürliche Lust auf Weiterentwicklung wieder neu entdecken? Denn das ist ja etwas ganz wichtiges jeder Form von Therapie: Ohne Lust auf Veränderung ist alles schwer und man wird nur das machen, was unbedingt nötig ist.

Wenn jedoch eine Lust auf Veränderung entsteht, kommt alles in Fluß und die Therapie ist erst der Beginn einer fortwährenden Weiterentwicklung. Die Werkzeuge, die man in Therapie kennenlernt, wird man fortwährend für die persönliche Entwicklung nutzen können. Ein Leben lang. Denn fertig ist man nie...

-- Fred

05.10.2008 :: Eindrücke vom Bildungsabend

Beim ersten Sopha Bildungsabend hörten wir einen Vortragsmitschnitt von Anselm Grün zum Thema "Selbstwert entwickeln". Hier ein paar persönliche Eindrücke, was mich angesprochen hat:

Anselm spricht von Urvertrauen. Ein Mensch mit Urvertrauen wagt sein Leben und hat ein tiefes Vertrauen in die Verlässlichkeit der Menschen. Ich stell mir gerade vor, wie das ist, wenn ich unter Menschen aufwachse, die mich als Mensch immer wertschätzen. Menschen, die mich annehmen, mich gern haben. Menschen, auf die ich mich immer verlassen kann. Und eine Welt um mich, die mich nicht überfordert, sondern in der ich immer wieder Chancen und Möglichkeiten entdecke. Nicht alles ist leicht, aber nichts überfordert mich. Wenn ich mir das für meine Kindheit vorstelle - ich glaub, das sind gute Voraussetzungen für ein später gut gelingendes Leben. So kann vielleicht ein Gefühl von Vertrauen und Zuversicht entstehen. Und ein unzweifelhaftes Gefühl dafür, im sozialen Gefüge wichtig und wertvoll zu sein.

Die Realität sieht leider oft anders aus: Unsichere und unklare Beziehungen, massive Abwertung und Ablehnung der eigenen Persönlichkeit, bedrohliche Erfahrungen, die einen stark erschütterten. Und dann die ganzen unseglichen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen man seine eigene Persönlichkeit aufgeben und verleugnen musste, um als kleines Kind überhaupt überleben zu können. Das ist etwas, was viele Menschen erleben. Und nun? Was machen Menschen, die nicht das Glück hatten, in einem guten, tragenden Umfeld aufzuwachsen? Wo kommt jetzt das Urvertrauen her? Oder wie kann man wieder Vertrauen und Sicherheit finden, wo gleichzeitig viele Erfahrungen in einem sind, die ganz anders waren?

Ein Hoffnungsträger ist sicherlich: Heute ist nicht gestern. Heute als Erwachsener hat man viel mehr Freiheit, sich sein Umfeld zu gestalten. Man ist nicht mehr das kleine Kind, was auswegslos in einem schwierigen Umfeld gefangen ist. Man könnte das Leben nochmal ganz neu wagen. Mit den Bedingungen und Möglichkeiten, wie sie heute sind. Jedoch: Das braucht viel Mut, weil man trotz der alten schwierigen Erfahrungen nochmal einen neuen Versuch wagt. Hier ist finde ich auch wichtig, gut für sich zu sorgen, damit erneute Versuche nicht wieder in einem Desaster enden. Sich ganz behutsam nochmal zu trauen. Gleichzeitig muss man es auch schaffen, das Scheitern als ganz normalen Teil des Weges zu sehen. Denn das Leben gibt keine Garantien und es wird nicht immer alles gut gehen. Nicht einfach für Menschen, die schonmal massiv verletzt wurden. Wenn ich als verletzter Mensch vom Leben verlange, nie wieder verletzt zu werden, dann werd ich dem Leben nicht wirklich begegnen.

So, wie ich Anselm Grün verstehe, zeigt Urvertrauen noch in eine ursprüngliche Richtung: Leben ist ein Wunder und jedes Leben ist kostbar und einzigartig. Und vielleicht ist dieses Selbstverständnis in uns schon angelegt, zu fühlen, dass wir ein wertvoller Teil dieser Welt sind. Wenn dann aber das Umfeld uns nicht wertschätzt, nicht ernst nimmt, dann wird dieses Grundgefühl gebrochen. Das bezeichnet Anselm als eine spirituelle Verletzung. Ein schlechtes Umfeld zerstört also unsere Ur-Erfahrung, ein gutes Umfeld fördert hingegen dieses Grundgefühl von Urvertrauen und Selbstwert.

Wichtig für einen stabilen Selbstwert ist ein Umfeld, in dem alles da sein darf, so dass man nichts verstecken muss. Das man in einem Umfeld aufwächst, wo über alles geredet werden kann. Nur so kann man sich als ganzer Mensch wertschätzen und erlebt sich später nicht als gespalten - als ein Teil, der gut ist und ein Teil, der schlecht ist und den man verstecken oder abspalten muss. Dieser Teil wird als Schatten bezeichnet. Damit ist auch klar, wohin die Reise gehen kann, um wieder zu mehr Selbstwert zu finden: Den eigenen Schatten zu integrieren, heute über all das wieder reden zu dürfen, was mal tabu war. Sich seine Seiten anzuschauen, die vermeintlich nicht gut sind. Wieder zu all dem zu stehen, was man irgendwann einmal abgespalten hat, was man nicht zu sich zugehörig empfindet. Das ist ja heutzutage auch anerkannte Meinung in der Psychologie und Inhalt von tiefenpsychologischer Psychotherapie.

Sich zu blamieren, ist übrigens auch ein Schattenthema. Da ist eine Erfahrung, die man nicht machen möchte. Weil in einem das tiefe Gefühl verankert ist, dass es ganz peinlich und damit unannehmbar ist, wenn man auf eine bestimmte Weise ist. Die Heilung läge dann darin, wieder ja zu sich zu sagen, auch in Situationen, die man als blamabel erlebt.

Anselm spricht von einem spirituellen Selbstwert: Etwas in uns ist immer unantastbar und kann nie verletzt werden. Im Kern wurden wir nie verletzt. Ich bin mehr, als dieser Mensch, der gerade diese Verletzung erfährt. Für mich bedeutet das so etwas, wie Zuflucht zu seinem göttlichen Ursprung zu nehmen. Aber auch für nicht gläubige Menschen ist die Vorstellung nützlich, dass ich nicht als ganzes Wesen verletzt wurde, sondern es einen Kern gibt, der immer unverletzt blieb und in dem ich mich irgendwie verankern kann. Vielleicht in Form von Visualisierungen oder anderen Vorstellungsübungen.

Anselm Grün plädiert auch für einen Weg, nicht immer cooler und unantastbarer zu werden, sondern zu seinen Schwächen und seiner Unsicherheit zu stehen. Das ist für ihn ein echtes Selbstwertgefühl. Das andere hingegen ist aufgesetzte Stärke, dahinter ist meist ein verletztes kleines Ich zu finden. Für mich war das auch mal eine wichtige Erkenntnis und ein Wendepunkt, weil ich begriff, dass es eine viel bessere Basis ist, zu sich stehen zu können, anstatt immer eine Menge Kraft dafür aufzubringen, irgendwie sein zu müssen. Man braucht einen großen Kontrolleur, der darauf aufpasst, immer so zu sein, wie es das Selbstbild verlangt. Alles andere muss bekämpft werden.

Vergleich - so Anselm - ist ein großes Problem. Wir finden immer Menschen, die besser sind, als wir. Neid und Unzufriedenheit entsteht. Viel Kraft wird verschwendet. Stattdessen sollten wir besser bei uns bleiben: Das zu leben, was ich bin, das zu verwirklichen, was mein Leben hervorzubringen vermag. Sich spüren, sich wahrnehmen, seins entwickeln.

Interessant fand ich die Anregung, dass wir als heranwachsende Menschen auch eine Vaterfigur brauchen, die uns lehrt, Rückrat zu haben. Ein Mensch, der uns beibringt, dass es gut ist, zu sich zu stehen, seins zu leben, sich auch mal durchzusetzen und für eine gute Sache zu kämpfen. Vielen Menschen fehlt eine solche Vaterfigur und das könnte auch ein guter Impuls für die eigene Entwicklung sein: Wie hole ich diese Erfahrung für mich nach? Welche Menschen gibt es vielleicht in meinem Umfeld, die so etwas leben und die mir so etwas lehren können?

Ein weiterer Punkt, der angesprochen wurde und oft im Zusammenhang mit Sozialphobie zu finden ist: Die Angewohnheit, alles auf sich zu beziehen. Man kann nicht auseinanderhalten, was meins und was deins ist. Wenn irgendwas schlecht läuft, bin ich natürlich schuld und sehe nicht, dass auch der andere seinen Anteil daran hat. Wenn jemand ärgerlich ist, muss ich nicht in Ordnung sein und komme nicht auf die Idee, dass der andere vielleicht eine alte Verletzung hat, die gerade aufbricht und nichts mit mir zu tun hat. Hier zu lernen, besser die Grenze zu ziehen zwischen "Deins" und "Meins", erscheint dann wichtig.

Zorn und Wut positiv als Zeichen der Befreiung zu sehen, fand ich einen guten Gedankenimpuls. Gerade Menschen, die anderen zu viel Macht gegeben haben, über ihr Leben zu bestimmen, reagieren irgendwann mit diesen Gefühlen. Gerade bei sozialphobischen Menschen glaube ich, ist das ein Kernthema: Versteckte und verborgene Wut, Ärger, Agression und Enttäuschung.

In der Zorn-Energie liegt viel Heilungspotenzial: Das richtige Gefüge von gesunder Machtverteilung wieder herzustellen. Und damit seinen Platz zurückzuerobern, der einem zusteht. Die Frage ist dann: Wie kann ich die massive Kraft des Zorns konstruktiv lenken? Zorn wirkt ja gern zerstörerisch, aber eigentlich will ich ja nur zerstören, weil mir nicht genug zugestanden wird. Wie kann ich mir also zurückerobern, was ich brauche? Was brauche ich überhaupt, um mich wohl zu fühlen?

Viele wollen ihre Vergangenheit abstreifen und irgendwie jemand anderes werden. Oder sie tragen eine tiefe Unzufriedenheit mit sich herum, weil nicht da war, was man hätte gebraucht. Anselm schlägt einen anderen Weg vor: Ja zu sagen zu seiner Lebensgeschichte und aus diesem Ausgangsmaterial sein Leben zu formen. Ja - es war, wie es war, und jetzt mach ich das Beste daraus. In dieser Form - nicht verdrängend mit der Vergangenheit umzugehen, gefällt mir. Sicherlich gehört zuvor erstmal Trauer dazu, aber irgendwann es wirklich annehmen zu können, um dann das Leben zu leben, was möglich ist. Seine Energie nicht mehr in all das zu stecken, was nicht war. Stattdessen das zu leben, was möglich ist, das erscheint mir sinnvoll. Aber auch nicht die Vergangenheit wegzudrängen, weil das der Ausgangsstoff ist, aus dem sich mein weiteres Leben gestaltet.

Sich anzunehmen, wie man ist, bedeutet übrigens nicht, so zu bleiben, wie man ist. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein Paradoxon, was man auch in der Psychotherapie kennt: Je mehr man sich in seinem Wesen annimmt, um so mehr übernimmt man Verantwortung für sein Leben. Das bedeutet, man wird Gestalter seines Lebens. Und Leben ist immer in Veränderung. Leben ist Tanz und Wandel.

-- Fred

01.06.2007 :: Komische Umkehrung

In einem kleinen Kiosk in der Nähe arbeitet ein recht extrovertierter Verkäufer. Wenn ich mal dort bin, verwickelt er mich gerne etwas provokativ in ein Gespräch. Meist fühlt es sich dann so an, dass er das Gespräch und die Situation irgendwie führt und ich folge. Mein Gefühl ist dann auch, dass er eine stärkere Position inne hat und ich mich schwächer fühle.

Und jetzt kommt das Verrückte. An einem Tag war ich sehr gut drauf und da hatte ich Lust, ein kleines Gespräch anzufangen. Ich war also der erste, der sagte: "Iss aber heute wenig los hier..." So entwickelte sich ein kurzer Austausch. Interessant war, dass sich auf einmal das Gefühl umdrehte. Nun fühlte ich mich in der stärkeren Position und er sich eindeutig in der schwächeren. Denn nun drehte er nicht extrovertiert auf sondern war eher zurückhaltend und wortkarg.

Seither ist mir das öfters mit ihm passiert. Wenn ich mal extrovertiert aufdrehe - was manchmal gelingt - ist er meist sehr zurückhaltend, ordnet sich irgendwie unter. Bin ich zurückhaltend, dreht er auf.

Es ist so, als gäbe es für ihn und für mich nur dieses Modell von Beziehung: Einer ist der Stärkere und der andere der Schwächere. Bei Hunden kann man das schön erleben, wo ein Hund sehr aggressiv auftritt und der andere Hund sich auf den Rücken dreht und sich unterwirft. Und in den ersten Momenten des Kontaktes entscheidet sich, ob man Topdog oder Underdog ist.

Dabei weiß ich mittlerweile recht gut, dass es nicht nur diese beiden Konstellationen gibt. Es gibt die gleichberechtigte Beziehung und es gibt Möglichkeiten, sich gar nicht in so eine komische Starker-Schwacher-Beziehung hineinziehen zu lassen. Dafür muss ich manchmal ganz schön wach sein. Es gibt Menschen, die drängen mich ganz unbewusst massiv in die Stärkere-Rolle, andere drängen mich ab in die Schwächere-Rolle.

Interessant finde ich, dass die so vermeintlich Starken eigentlich schwach sind. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich viele vermeintlich starke Menschen erlebt, die überhaupt nicht stark waren. Sie retteten sich nur in die Position des Stärkeren in einer Beziehung, um nicht der Schwächere zu sein. Sie waren also nicht in Wirklichkeit stark, gefestigt und in sich ruhend. Sie hatten Angst, von starken Menschen dominiert zu werden und versuchten deshalb möglichst oft, zu dominieren.

Weblinks:

-- Fred

18.05.2007 :: Sich nicht verlieren

Wenn einem eine Beziehung wichtig ist, passiert es nicht selten, dass man seine Bedürfnisse aufgibt. Man möchte die Beziehung nicht belasten und macht deshalb all das, was der andere will. Gerade wenn es darum geht, etwas anderes zu wollen und in Konflikt mit dem Gegenüber zu kommen, trägt man dies nicht aus. Stattdessen macht man das, was der andere will.

Wenn man sich so verliert, bringt man sein Wesen nicht in die Beziehung ein. Dann bekommt die Beziehung einen komischen "Geschmack". Dann wird es ganz schnell eine Konstellation von Ausgenutztsein und benutzt werden. Auch geht die Wertschätzung füreinander verloren.

In diesem Zusammenhang finde ich folgende Vorstellung sinnvoll: Wir sind auf der Welt, um Gutes zu bewirken. Und jeder wünscht sich tief innerlich eigentlich das Gute und das Liebevolle. Das ist also ein gemeinschaftliches Ziel, was uns alle verbindet. Auf der anderen Seite, kommen wir oft auf düstere Abwege, die weder uns selbst noch anderen gut tun.

Insofern kann man Verantwortung dafür übernehmen, das es gut wird. Verantwortung für das Gute im Leben ganz grundsätzlich.

Wenn man sich nun in einer Beziehung zurücknimmt und nicht spürbar wird, sorgt man für eine Situation, die nicht gut werden kann. Weder für mich selbst, noch für den anderen. Ich werde nicht satt und der andere wird verleitet, ein schlechtes Spiel mit mir zu spielen. Man sorgt mit dafür, dass etwas erschaffen wird, was ungünstig ist. Der andere braucht vielleicht gerade unsere Konfrontation, um aufzuwachen und auch zu sehen, dass er etwas tut, was nicht gut ist.

Für mich ist es eine wesentlich größere Motivation, mich für gute Konstellationen im Leben einzusetzen, als mich lediglich um mein Wohl zu kümmern. Diese größere Motivation hilft mir, mich der Angst zu stellen und die Beziehung auch mal zu belasten. Sozusagen das Risiko einzugehen, dass es auch scheitern kann.

Interessanterweise mache ich aber oft die Erfahrung, dass das Angstauslösende nicht eintritt, dass es vielmehr gut war, mich mit meinem Wesen einzubringen.

Diese Sichtweise schafft auch nicht so schnell Fronten und ein Gegeneinander. Es geht ja nicht um "Mein Wohl" oder "Dein Wohl". Es geht vielmehr darum, etwas zu finden, was grundsätzlich gut ist. Für dich, für mich und für andere.

-- Fred

12.04.2007 :: Angst und Liebe

Angst und Liebe schließen sich aus. Angst ist Enge, und Liebe ist ein Gefühl von Weite und offenen Wegen. Da dehnen wir uns hinaus in die Welt und erstürmen alle Horizonte.
Manche von uns hat die Erfahrung der Angst vertieft - weil etwas in uns antworten musste, als es so schlimm war. Wir haben zur Sprache gefunden, zur Poesie, die das Unmögliche wahr macht, Angst in Liebe zu verwandeln.

So vielleicht in der Begegnung mit der Frau/dem Mann, die/den du ersehnst:

Nicht hat Verzweiflung unser Haus umstellt –
sie steht schon mitten uns im Zimmer,
schaut lieblos auf uns selbst und auf die Welt
und dunkelt uns‘re Schattenwege schlimmer.

Es ist als sollten Heiden beten lernen,
wenn Liebesträume voller Bangen
von innen an die Stirne klopfen.
Komm: wir nähern uns’re kalten Fernen.
Lass Träume, die in dir gefangen,
in Tränen warm auf meine Schulter tropfen.
Wie Hände zum Gebet sich falten
Woll’n wir uns in den Armen halten...

-- MichaelS

23.03.2007 :: Die Seele ergründen

Manche Therapie ist seelenlos. Dabei geht es doch vor allem um die Seele. Die Seele ist reich und kostbar. Die Seele ist unergründlich und doch lohnt sich die Ergründung. Seele ist Fülle und Liebe und Segen.

Ich hab gerade was von Khalil Gibran gefunden, was mich sehr anspricht:

Die verborgene Quelle eurer Seele
muß unbedingt emporsteigen
und murmelnd zum Meer fließen;
Und der Schatz eurer unendlichen Tiefen
möchte euren Augen offenbart werden.
Aber wiegt den unbekannten Schatz nicht mit Waagschalen.
Und erforscht die Tiefen eures Wissens
nicht mit dem Meßstock oder Senkschnur.
Denn das Ich ist ein Meer,
grenzenlos und unermeßlich.
(Khalil Gibran)

-- Fred

03.03.2007 :: Sehnsucht mein Leben zu leben

Gestern hörte ich das neue Lied von Grönemeyer "Ein Stück vom Himmel". Eine Passage rührte mich emotional an:

Hier ist dein Heim
Dies ist dein Ziel
Du bist ein Unikat
Das sein eigenes Orakel spielt

Ich spürte eine Sehnsucht, den Mut zu haben, und mein Leben mehr zu leben. Ich bin hier auf dieser Welt, ich habe viele Möglichkeiten, wovon ich vielleicht viel zu wenig nutze. Ich bin einzigartig, das was durch mich in die Welt kommen kann, kann nur durch mich hineinkommen.

Mir kam diese Passage so vor, wie ein Ruf GOTTES, der mich aufrüttelt und sagt: "Es ist alles da, leb dein Leben!"

Das ist phantastisch. Das hört sich gut an. Das ist Himmel. Einerseits.

Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, dass es auch schwierig wird, nur in kleinen Schritten voran geht, Niederlagen mich begleiten werden. Das ist Erde.

Und ich bin der, der in dem Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde lebt.

Der große Traum, die große Idee lässt sich nur in kleinen Stücken in die Welt holen. Der große Traum gibt mir Hoffnung, schlimm wenn man den Kontakt zum Himmel verloren hat. Dann stirbt jede Hoffnung und Leben ist nur noch ein dahinvegetieren, ein Warten, dass es an einem vorbei zieht.

Vielleicht bekommen manisch-depressive Menschen beide Seiten nicht unter einen Hut. Sie haben Kontakt mit Himmel oder mit Erde. Aber es ist immer nur Erde oder nur Himmel. Und nur das eine scheint unglücklich zu machen.

Da fällt mir ein Zitat von Nietzsche ein:

Man muß noch Chaos in sich tragen,
um einen tanzenden Stern zu gebären

-- Snoopy

01.03.2007 :: Zwänge

Wenn man aufmerksam ist, bekommt man manchmal mit, dass auch andere mit Zwängen durch die Welt laufen. Heute beim Gassi-Gehen mit meinem Hund kam mir ein Mann entgegen, der bis zu einem Verkehrsschild lief, dort kurz anhielt, fünf mal auf den Pfosten klopfte, und sich dann umdrehte und wieder zurückging.

Mir kam sofort in den Sinn: Das muss ein Zwangs-Ritual sein. Ob dem wirklich so war, keine Ahnung. Aber es passte gut in meine Vorstellung. Irgendwie begriff ich in diesem Moment auch den Sinn solcher Rituale. Sie geben Halt in einer bedrohlich erlebten Welt. Man klopft auf ein Verkehrsschild und hofft darauf, dass dadurch heute nichts böses passiert. Angst und Zwang erscheint mir immer in direktem Zusammenhang zu stehen.

Vielleicht leben deshalb manche Menschen auch ihre Religion. Wenn sie regelmäßig in die Kirche gehen, ist da oben jemand vielleicht gnädig gestimmt. Das lindert die Angst vor der Welt und dem Leben.

Ich glaube, der da oben war noch nie angriffslustig und er wird sich wohl auch nicht sonderlich einmischen in das Geschehen hier auf dieser Welt. Zumindest nicht direkt. Er wird uns das Gute zeigen, wenn wir offen sind. Er wird uns aber auch die Freiheit lassen, böse und zerstörerisch zu sein. Aber manchmal schickt er auch einen Schutzengel :-)

-- Snoopy