Populäre Irrtümer bei Sozialphobie
Es gibt sie - Dinge, die einfach falsch sind, die aber immer und immer wieder auftauchen und genährt werden. Sie tauchen in der Selbsthilfe auf, werden in den Medien verbreitet und von vielen geglaubt.
All diese Irrtümer werden wir hier - Stück für Stück - sammeln.
Verhaltenstherapie und Medikamente sind das Mittel der Wahl
Es wird immer wieder gepredigt: Wer an Sozialphobie leidet, für den kommt vor allem die medikamentöse Therapie und die Verhaltenstherapie in Frage. Dies sind die Methoden, die die beste Wirksamkeit nachweisen können.
Richtig ist, dass sowohl bei Medikamenten wie auch bei Verhaltenstherapie geforscht wird, ob sie bei Sozialphobie helfen. Bei beiden Methoden ist die Forschung relativ leicht durchführbar. Beide Verfahren konnten ihre Wirksamkeit nachweisen.
Das bedeutet nicht, dass andere Methoden weniger wirksam sind. Im Extremfall kann es sogar bedeuten, dass einige Verfahren eine geringe Wirksamkeit nachweisen konnten, andere Verfahren ihre hohe Wirksamkeit aber noch nicht nachgewiesen haben. Ob also etwas wirkt und hilft, ist völlig unabhängig von dem wissenschaftlichen Nachweis. Es ist jedoch gut, wenn etwas wissenschaftlich nachgewiesen wird, weil dies eine überprüfbare Sicherheit gibt, dass etwas wirkt.
Die Forschung bei Sozialphobie ist noch nicht sehr weit fortgeschritten. Zu vielen Therapieverfahren, die praktiziert werden, gibt es keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Leider. Manches lässt sich grundsätzlich auch schwer wissenschaftlich untersuchen. Das betrifft vor allem Veränderungsprozesse eines Menschen als Ganzes, die im Bewusstsein ablaufen, aber wenig greifbar oder messbar sind. Manche positive Veränderung lässt sich zwar erfahren, wenn ein Therapeut diesen Menschen wahrnimmt, es ist aber schwer, standardisierte Testverfahren zu entwickeln, die solche positiven Veränderungen erfassen können.
Fakt ist, dass Therapeuten und Kliniken bei Sozialphobie sehr vielschichtig arbeiten. Zum Einsatz kommen tiefenpsychologische Verfahren, Körperpsychotherapie, Entspannungsverfahren, Hypnose/Hypnotherapie, familientherapeutische/systemische Therapie, Gestalttherapie, Theatertherapie, künstlerische Therapien, Atemtherapie u.v.m. Vieles davon hat im speziellen Einzelfall seine Berechtigung. Im Einzelfall bedeutet das z.B., dass eine Verhaltenstherapie völlig unwirksam war, eine körperorientierte Psychotherapie aber den Durchbruch brachte.
Die Stärke der Verhaltenstherapie ist auch, dass es eine der wenigen Therapieformen ist, die über die Krankenkasse abgerechnet werden kann. Die Ausbildung in Verhaltenstherapie ist im Gegensatz zu vielen anderen Therapieformen relativ kurz. Insofern ist es wirtschaftlich attraktiv, Verhaltenstherapeut zu sein (wenig Aufwand, viel Nutzen). Zumindest ist es wichtig, verhaltenstherapeutisch mit der Krankenkasse abrechnen zu können. Das, was real bei den Therapeuten abläuft und als Verhaltenstherapie verkauft wird, ist oft nur in sehr entferntem Sinne Verhaltenstherapie. Nicht selten gibt es jede Menge Einflüsse aus allen möglichen anderen Therapieformen. Therapeuten sind meist vielschichtig ausgebildet, können aber z.B. nur Verhaltenstherapie abrechnen.
Die Aussage muss also erweitert werden: Verhaltenstherapie kann helfen, Medikamente können wirksam sein. Und es gibt jede Menge weiterer Verfahren, die wichtig und hilfreich sind. Vielleicht wirken sie sogar besser. Was hilft und zum Einsatz kommen sollte, ist vom Einzelfall abhängig.
Neben den ganzen Therapien gibt es weitere Formen der Heilung: Nicht selten bewältigen Menschen aus ihrem eigenen Potenzial ihre Probleme. Oder sie schließen sich einer Selbsthilfegruppe an. Manche bewältigen ihre Probleme durch einen hilfreichen Partner oder Freund. Oder sie schließen sich irgendeiner Gruppe an, die nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hat. Andere wiederum beziehen viel Kraft und Hilfe aus ihrem Glauben. Und ganz oft ist es eine Kombination aus einer Reihe von Maßnahmen und Wegen.
Wir sollten also auf das große Angebot an Möglichkeiten schauen.
Ab heute wird alles anders
Ein Irrtum sehe ich in der Vorstellung, man könne sich schlagartig ändern. "Ab jetzt wird alles anders!" oder "Jetz fang ich nochmal ganz von vorne an!"
Ich glaube schon, dass man so eine Grundsatzentscheidung treffen kann und dass die auch hilfreich ist. Was man aber nicht übersehen darf: Auch nach dieser Entscheidung ist man erstmal genau der Selbe, der man vor der Entscheidung war. Mit allen Schwierigkeiten und Widersprüchen und Mängeln. Die haben sich nicht in Luft aufgelöst.
Und das bedeutet, dass vor allem Ausdauer gefragt ist, sich jetzt nach der Entscheidung auch wirklich Stück für Stück zu ändern. Dort anzufangen, wo man steht und sich von da aus weiterzuentwickeln. Der Wunsch "Ab jetzt wird alles anders!" ist eher der Wunsch: "Ab jetzt möchte ich alle meine Schwierigkeiten sofort los sein!" Das ist der Irrtum.
Mark Twain drückt das schön so aus:
Eine Angewohnheit
kann man nicht aus dem Fenster werfen.
Man muß sie die Treppe hinunterboxen,
Stufe für Stufe.
Wenn ich nur hart genug übe, werde ich meine Probleme überwinden
Manche sind im Kampf mit sich. Sie gehen nach dem Motto vor "Was mich nicht umbringt, macht mich härter." Sie prügeln sich dann in jede schwierige Situation hinein, um sie durchzustehen. Sie haben die Vorstellung, dass die Angst ein Makel ist, den man loswerden muss und den man los wird, je aggressiver man gegen sie vorgeht.
Resultat ist nicht selten eine emotionale Verhärtung, in der man nichts mehr spürt. Wie Vietnam-Kämpfer, die in anbetracht der ganzen erlebten Grausamkeiten keine Gefühlsregung mehr zeigen. Die aber gleichzeitig schweißgebadet nachts aus ihren Alpträumen erwachen. Eine kleine Insel noch, wo Unverarbeitetes hindurchbricht.
Hart zu werden, um nichts mehr zu fühlen, ist der Weg in die Krankheit. Psychiatrien und psychosomatische Kliniken sind voll mit Menschen, die sich nicht mehr fühlen können, die im Leben verhärtet sind. Sie haben es geschafft, zu überleben, aber sie leben nicht mehr wirklich. Denn mit der Gefühlsabspaltung sind auch all die positiven Gefühle verloren gegangen. Und so kommt es nicht selten zu Depressionen oder Ängsten, weil etwas lebenswichtiges und sinngebendes im Leben verloren gegangen ist. In Kliniken lernen diese Menschen dann in mühevoller Kleinstarbeit, wieder fühlen zu lernen, sich für das Leben zu öffnen. Zu leben und nicht nur zu überleben.
Augen zu und durch ist ein Irrweg. Sich im rechten Maß und mit Ausdauer zu fordern, ist hingegen wichtig.
Selbstsicher ist der, der oft im Mittelpunkt steht
Es gibt Menschen, die oft im Mittelpunkt stehen. Sie sind es, die Gespräche anfangen, auf Menschen zugehen und soziale Situationen in die Hand nehmen.
Nicht selten ist dieses Aktiv-Werden eine Handlung, um sich Sicherheit zu verschaffen. Wenn ich das Gespräch bestimme, dann kontrolliere ich es auch. Dann läuft es so, wie ich es will, dann überrascht mich nichts, was mich beängstigen könnte.
In manchen Sozialphobie-Büchern gibt es den Begriff des "Vorwärtsvermeider". Dies beschreibt genau dieses Phämomen: Um seine Angst in den Griff zu bekommen, bestimmt und gestaltet man die soziale Situation. Mit dem Nebeneffekt, dass man von den anderen sogar als sehr selbstsicher wahrgenommen wird. Die innere Wahrheit ist jedoch eine andere. Um Unsicherheit gar nicht erst aufkommen zu lassen, bestimme ich den Lauf der Dinge.
Selbstsicher sind eher Menschen, die in unterschiedlichsten sozialen Situationen eine innere Sicherheit spüren und gelassen sich überraschen lassen können, was das Leben gerade so zu bieten hat. Sie können offen sein, für das, was sich in sozialen Situationen ereignet. Sie können dies, weil ein Vertrauen da ist, dass es schon irgendwie werden wird oder das man genügend Fähigkeiten haben wird, auch schwierige oder ungewohnte Situationen zu meistern.
Selbstsichere Menschen haben die Wahl: Sie können im Mittelpunkt stehen, können aber genauso im Hintergrund sein. Sie können Situationen gestalten, können sich aber genauso auf Unbekanntes einlassen.
Bei "Vorwärtsvermeidern", also den scheinbar selbstsicheren Menschen, ist es meist so, dass sie schlechte Zuhörer sind, sich nicht wirklich in den anderen einfühlen können. Sie sind nicht wirklich offen für Neues und für den Anderen. Sie sind zu beschäftigt damit, die Situation zu kontrollieren. Spontanität kommt nicht auf.